
Prozess gegen mutmaßliche Drahtzieher hat immer noch nicht begonnen – Der lange Schatten der über der Welt schwebt – Zusammengetragen vom Recherche-Team NACHRICHTEN REGIONAL
Am 11. September 2026 jährt sich der Anschlag auf das World Trade Center zum 25. Mal. Ein Vierteljahrhundert später ist die Bilanz nicht abgeschlossen: Noch immer werden Opfer identifiziert, noch immer sterben Ersthelfer, noch immer hat kein Prozess gegen die mutmaßlichen Drahtzieher begonnen. Und die Ordnung, die aus diesem Tag hervorging, prägt Recht, Sicherheit und Politik von Bamako bis Berlin.
Um 8.40 Uhr an diesem Freitagmorgen werden sich auf dem Platz zwischen den beiden quadratischen Wasserbecken in Lower Manhattan wieder Angehörige versammeln, um 2.983 Namen zu verlesen – die 2.977 Getöteten des 11. September 2001 und die sechs Opfer des ersten Anschlags auf das World Trade Center von 1993. Sechs Schweigeminuten markieren die Einschläge, die Einstürze, den Angriff auf das Pentagon, den Absturz von Flug 93. Seit einigen Jahren gibt es eine siebte. Sie gilt jenen, die nicht am 11. September 2001 starben, sondern an dem, was danach kam: an dem Staub, den sie eingeatmet haben.1 Diese siebte Minute ist mehr als eine Geste. Sie ist das präziseste Symbol dafür, dass dieser Tag noch immer nicht vorbei ist.
Die siebte Schweigeminute
Von den 2.753 Menschen, die in New York getötet wurden, sind bis heute 1.099 nicht identifiziert – rund vierzig Prozent. Im August 2026 gab die Gerichtsmedizin der Stadt die 1.654. Identifizierung bekannt, erstmals mithilfe forensischer genealogischer Genomanalyse, einer Technik, die es 2001 noch nicht gab. Aus rund 21.900 geborgenen Gewebeproben, gelagert siebzig Fuß unter dem Grundgestein am 9/11 Memorial, arbeiten sich Labormitarbeiter seit einem Vierteljahrhundert vorwärts.2 Es ist das größte forensische Verfahren der amerikanischen Geschichte, und es hat kein Enddatum.
Parallel dazu wächst eine zweite Opfergruppe. Etwa 400.000 Menschen waren nach Schätzungen der US-Gesundheitsbehörde CDC den Schadstoffen am Ground Zero ausgesetzt.3 Das World Trade Center Health Program betreut inzwischen mehr als 135.000 Ersthelfer und Anwohner; rund 50.000 Krebsdiagnosen sind erfasst. Bei der New Yorker Feuerwehr sind mittlerweile mehr als 400 Angehörige an Folgeerkrankungen gestorben – mehr als die 343, die am Tag der Anschläge in den Türmen umkamen.4 Der September 11th Victim Compensation Fund hat seit seiner Wiedereröffnung 2011 rund 16,8 Milliarden Dollar an über 71.000 Antragsteller ausgezahlt, mit steigender Tendenz.5
Dass diese Versorgung überhaupt weiterläuft, war zwischenzeitlich fraglich. 2025 verlor das Programm im Zuge der US-Verwaltungsreform rund ein Viertel seines Personals, Zertifizierungen wurden vorübergehend ausgesetzt.6 Erst Anfang 2026 korrigierte der Kongress in einem überparteilichen Kraftakt die Finanzierungsformel und schloss eine Lücke von etwa drei Milliarden Dollar – abgesichert nun bis 2040.7 Ein Vierteljahrhundert nach dem Anschlag musste die Versorgung seiner Opfer noch einmal politisch erkämpft werden.
Eine Bilanz in Billionen
Die globale Rechnung fällt in einer Größenordnung aus, für die es kaum Anschauung gibt. Das Costs-of-War-Projekt der Brown University beziffert die Kosten der Kriege nach dem 11. September auf rund acht Billionen Dollar: etwa 5,8 Billionen an bewilligten Mitteln plus mindestens 2,2 Billionen künftiger Verpflichtungen für die Versorgung der Veteranen bis 2050. Finanziert wurde nahezu alles über Schulden; die Zinslast allein dürfte bis 2030 die Zwei-Billionen-Marke erreichen.8
Schwerer wiegt die menschliche Bilanz. Die Forscher zählen rund 940.000 Menschen, die in Afghanistan, Pakistan, Irak, Syrien, Jemen und weiteren Schauplätzen unmittelbar durch Kriegsgewalt starben. Rechnet man indirekte Todesfälle hinzu – zerstörte Gesundheitssysteme, Unterernährung, verseuchtes Wasser –, kommen sie auf 4,5 bis 4,7 Millionen. 38 Millionen Menschen wurden vertrieben. Antiterroroperationen der USA fanden zeitweise in 78 Ländern statt, rund vierzig Prozent aller Staaten der Erde.9 Und der Krieg wirkt in die eigene Gesellschaft zurück: Etwa 30.000 Angehörige und Veteranen der Post-9/11-Streitkräfte nahmen sich das Leben – viermal so viele, wie im Gefecht fielen.10
Afghanistan: zurück auf Anfang
Der Ort, an dem alles begann, ist der Ort, an dem die Bilanz am bittersten ausfällt. Fünf Jahre nach der Rückkehr der Taliban benötigen nach Angaben von Human Rights Watch rund vierzig Prozent der Afghaninnen und Afghanen humanitäre Hilfe. Afghanistan ist das einzige Land der Welt, in dem Mädchen ab der siebten Klasse der Schulbesuch verboten ist; nach UNESCO-Schätzungen sind mehr als zwei Millionen betroffen. Der Internationale Strafgerichtshof erließ im Juli 2025 Haftbefehle gegen den Taliban-Führer und den Obersten Richter wegen geschlechtsspezifischer Verfolgung als Verbrechen gegen die Menschlichkeit – beide sind auf freiem Fuß.11
Damit steht am Ende von zwanzig Jahren Intervention ein Regime, das jenem gleicht, das 2001 gestürzt wurde, nur international besser vernetzt. Für die westlichen Beteiligten ist das mehr als eine außenpolitische Niederlage. Es ist die Widerlegung einer Grundannahme: dass sich Staatlichkeit von außen herstellen lässt, wenn nur genug Geld, Zeit und Soldaten aufgewendet werden.
Die geopolitische Umbuchung
Der 11. September hat die internationale Ordnung nicht nur belastet, er hat sie umgeschichtet. Zunächst schuf er eine Solidarität, die kurz und wirkungsmächtig war: einstimmige Resolutionen des UN-Sicherheitsrats, die Kooperationsbereitschaft Russlands und Chinas, die Duldung amerikanischer Militärpräsenz in Zentralasien. Zwei Jahre später war dieses Kapital verbraucht. Der Irakkrieg von 2003, geführt mit Begründungen, die sich als unhaltbar erwiesen, spaltete die westlichen Verbündeten und lieferte jedem autoritären Regime das Argument, dass Regeln nur für die Schwachen gelten.
Die Nebenwirkungen waren beträchtlich. Der Zerfall des irakischen Staates schuf den Nährboden, aus dem 2014 der „Islamische Staat“ hervorging – eine Organisation, die es ohne die Intervention gegen ihren Vorläufer so nicht gegeben hätte. Die amerikanische Bindung von Aufmerksamkeit, Truppen und Geld im Nahen und Mittleren Osten fiel in ein Jahrzehnt, in dem sich die ökonomischen und militärischen Gewichte nach Ostasien verschoben. Und mit dem Fluchtbild vom Kabuler Flughafen im August 2021 verband sich weltweit eine Lesart, die westliche Sicherheitsgarantien als endlich erscheinen ließ.
Heute ist die Prioritätenordnung umgekehrt. Analysten des Soufan Center konstatieren zum 25. Jahrestag, dass Terrorismusbekämpfung zugunsten der Großmächtekonkurrenz systematisch heruntergestuft worden sei – ausgerechnet in dem Moment, in dem sich die Bedrohung in der Sahelzone beschleunigt.12 Die Kräfte, die dort Vakuum füllen, sind nicht mehr westliche: Nach Militärputschen in Mali, Burkina Faso und Niger sind französische und amerikanische Verbände abgezogen; russische Sicherheitsdienstleister haben ihren Platz eingenommen, ohne die Gewalt einzudämmen.13 Der Antiterrorkrieg hat seine geografische Mitte verloren, aber nicht sein Personal.
Der Gegner hat sich vervielfacht
Osama bin Laden ist seit 2011 tot, sein Nachfolger Aiman al-Sawahiri seit 2022; die Führung liegt mutmaßlich bei dem Ägypter Saif al-Adel, der sich im Iran aufhält.14 Doch die Organisation, die am 11. September rund 400 bis 500 Kämpfer zählte, ist heute ein Netzwerk von etwa 25.000 Bewaffneten – eine Vervielfachung um das Fünfzigfache, wie ein UN-Bericht im Februar 2026 festhielt.15
Zugleich hat sich die Geografie des Terrorismus verschoben. Der Global Terrorism Index 2026 verzeichnet für 2025 weltweit 5.582 Tote durch Anschläge, ein Rückgang um 28 Prozent gegenüber dem Vorjahr und der niedrigste Wert seit Beginn der Erhebung. Doch die Gewalt konzentriert sich: Siebzig Prozent aller Todesopfer entfielen auf fünf Staaten – Pakistan, Burkina Faso, Nigeria, Niger und die Demokratische Republik Kongo. Die Sahelzone allein steht für mehr als die Hälfte. Vor zwanzig Jahren waren es dort ein Prozent.16 Das Epizentrum ist von Nahost nach Westafrika gewandert, in Regionen, in denen westliche Truppen kaum noch präsent sind.
In Europa gilt die afghanische IS-Provinz Khorasan als gefährlichster Akteur, während der IS-Kern in Irak und Syrien auf etwa 3.000 Kämpfer geschrumpft ist. Die Bedrohung im Westen geht heute überwiegend von radikalisierten Einzeltätern aus, nicht von zentral geplanten Großoperationen.17 Wie sehr sich die Kategorien verschoben haben, zeigt ein Vorgang, den sich 2001 niemand hätte ausmalen können: Im November 2025 hob der UN-Sicherheitsrat die Terrorsanktionen gegen Syriens Übergangspräsidenten Ahmed al-Scharaa auf, den früheren Anführer des syrischen al-Qaida-Ablegers. Kurz darauf empfing ihn das Weiße Haus, im August 2026 strich Washington Syrien von der Liste der Terrorunterstützerstaaten.18 Der Antiterrorkrieg endet nicht mit einem Sieg, sondern mit Umsortierungen.
Das Recht im Ausnahmezustand
Kein Feld dokumentiert die Kosten des Ausnahmezustands so unbarmherzig wie die Justiz. In Guantánamo, wo einst fast 800 Menschen ohne Anklage festgehalten wurden, sitzen noch fünfzehn.19 Der Prozess gegen Chalid Scheich Mohammed und drei Mitangeklagte, seit der Anklageverlesung 2012 im Vorverfahren, ist inzwischen auf den 5. Juni 2028 terminiert – 27 Jahre nach der Tat.20 Ende August 2026 erklärte der Militärrichter Oberst Michael Schrama das Geständnis, das Mohammed 2007 vor FBI-Beamten abgelegt hatte, für unverwertbar: Die Vernehmung sei die „ununterbrochene Fortsetzung der psychologischen Konditionierung und schweren Nötigung“ durch die CIA gewesen.21 Die Folter der Jahre 2002 bis 2006 hat den Prozess, den sie ermöglichen sollte, dauerhaft beschädigt. Ein Mitangeklagter wurde in der Folge für verhandlungsunfähig erklärt.
Das Ausmaß dieses Programms ist seit 2014 amtlich dokumentiert. Der Untersuchungsbericht des US-Senats hielt fest, dass die CIA mindestens 119 Menschen in Geheimgefängnissen festhielt; von ihnen wurden mindestens 26 nach Maßstäben der Behörde selbst zu Unrecht inhaftiert, und die „erweiterten Verhörmethoden“ erbrachten keine Erkenntnisse, die nicht anders zu erlangen gewesen wären.22 Europa war daran beteiligt: Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte verurteilte Mazedonien, Italien, Polen und 2018 auch Litauen und Rumänien wegen Beihilfe zu geheimer Haft und Misshandlung auf ihrem Staatsgebiet.23 Strafrechtliche Konsequenzen für die Verantwortlichen hat es bis heute nirgends gegeben.
Bemerkenswert ist, wo die Aufarbeitung stattdessen stattfindet: in einem Zivilprozess. Im August 2025 ließ ein New Yorker Bundesrichter die Sammelklage von Hinterbliebenen gegen Saudi-Arabien zur Hauptverhandlung zu – möglich geworden durch ein Gesetz von 2016, das der Kongress gegen ein Veto von Präsident Obama durchsetzte.24 Zugleich ist die Ermächtigung zum Militäreinsatz von 2001, ursprünglich gegen die Urheber der Anschläge gerichtet, nie außer Kraft gesetzt worden. Sie diente vier Präsidenten als Rechtsgrundlage für Einsätze gegen Organisationen, die es 2001 noch gar nicht gab. Als die USA 2026 in einen Krieg mit dem Iran eintraten, stimmten beide Kongresskammern für Resolutionen zur Begrenzung der präsidialen Kriegsvollmachten – ohne praktische Folgen.25
Die Infrastruktur des Verdachts
Die dauerhafteste Hinterlassenschaft des 11. September ist womöglich unsichtbar. Innerhalb weniger Wochen entstand in den USA mit dem Heimatschutzministerium eine Behörde aus 22 zusammengelegten Ämtern, mit der Transportation Security Administration eine Bundespolizei für Flughäfen. Deren Etat wuchs von 2,7 Milliarden Dollar im Jahr 2002 auf 7,6 Milliarden; in der EU stiegen die Ausgaben für Luftsicherheit im selben Zeitraum von 2,66 auf 6,44 Milliarden Dollar.26 Die Empfehlung der 9/11-Kommission, biometrische Ein- und Ausreisekontrollen einzuführen, führte zu einer der größten Biometriedatenbanken der Welt; das europäische Entry-Exit-System ersetzte im April 2026 den Passstempel durch Gesichtsbild und Fingerabdruck.27
Die rechtliche Konstruktion dieser Architektur bleibt umstritten. Section 702 des US-Auslandsgeheimdienstgesetzes, unter dem das FBI allein 2021 rund 3,4 Millionen Abfragen zu US-Personen durchführte, lief am 12. Juni 2026 erstmals seit 2008 aus, weil sich Senat und Repräsentantenhaus nicht einigen konnten. Faktisch geändert hat das wenig: Eine Zertifizierung des zuständigen Geheimgerichts hält die Programme bis März 2027 am Laufen.28 In Europa erklärte der Europäische Gerichtshof 2022 die Richtlinie zur Fluggastdatenspeicherung nur unter der Bedingung enger Auslegung für gültig – sie beschreibe ein System „kontinuierlicher, nicht zielgerichteter und systematischer Überwachung“.29
Auch in Deutschland verschob sich die Grenze zwischen Gefahrenabwehr und Vorfeldermittlung: Der „Otto-Katalog“ vom 19. September 2001 und das zweite Sicherheitspaket vom Dezember desselben Jahres änderten rund hundert Bestimmungen. Die bundesweite Rasterfahndung erfasste 8,3 Millionen Datensätze und überprüfte 1.689 muslimische Studierende – gefunden wurde kein einziger Terrorist. 2006 erklärte das Bundesverfassungsgericht die präventive Rasterfahndung ohne konkrete Gefahr für unzulässig.30 Global war die Wirkung noch größer: China rahmte seine Politik gegenüber den Uiguren binnen Monaten in die Sprache des Antiterrorkriegs um – unterstützt durch die US-Einstufung einer bis dahin unbekannten Gruppe als Terrororganisation.31 Und in den USA selbst richtet sich der Apparat inzwischen nach innen: Ein Präsidialmemorandum vom September 2025 weist die Sicherheitsbehörden an, gegen „inländischen Terrorismus“ vorzugehen, wobei „antichristliche“, „antikapitalistische“ oder „antiamerikanische“ Haltungen als Indikatoren genannt werden. Mehr als 3.000 Organisationen protestierten.32
Deutschlands Anteil
Deutschland war nie nur Zuschauer. Die Kernzelle der Attentäter formierte sich in Hamburg-Harburg, wo Mohammed Atta von 1992 bis 2001 Stadtplanung studierte. Am 12. September 2001 rief die NATO zum ersten und bislang einzigen Mal in ihrer Geschichte den Bündnisfall nach Artikel 5 aus, Bundeskanzler Gerhard Schröder sagte „uneingeschränkte Solidarität“ zu.33 Was folgte, war der längste, teuerste und verlustreichste Auslandseinsatz der Bundeswehr: rund 93.000 eingesetzte Soldatinnen und Soldaten, 59 Tote, mindestens 12,3 Milliarden Euro einsatzbedingte Zusatzausgaben, insgesamt über 17,3 Milliarden Euro deutscher Aufwendungen für Afghanistan.34
Die sicherheitspolitische Konsequenz zeigte sich erst mit Verzögerung. Nach dem Ende der Missionen in Afghanistan und Mali und dem russischen Angriff auf die Ukraine hat die Bundeswehr die Landes- und Bündnisverteidigung wieder zum Kernauftrag erklärt – aus der Verteidigungsarmee war eine Einsatzarmee geworden, nun wird sie wieder Verteidigungsarmee.35 Die Ära der Stabilisierungseinsätze, die mit dem 11. September begann, ist damit auch institutionell beendet.
Geblieben ist eine veränderte Innenlage. Das Bundesamt für Verfassungsschutz weist für 2025 ein islamistisches Personenpotenzial von 28.645 Personen aus, davon 9.110 als gewaltorientiert eingestuft; die Behörde nennt die Gefährdung „anhaltend hoch“ und verweist auf sechs islamistisch motivierte Anschläge seit 2024.36 Die Anschlagsserie von Mannheim, Solingen, Magdeburg und München hat ein Muster sichtbar gemacht, das mit dem hochorganisierten Terror von 2001 wenig gemein hat: junge, oft minderjährige Täter, online radikalisiert, ideologisch flach, mit Alltagsgegenständen bewaffnet. Auf der anderen Seite steht eine Erfahrung, die die EU-Grundrechteagentur früh dokumentierte: Muslimische Minderheiten in Europa berichten seit 2001 von verschärfter Feindseligkeit; ein erheblicher Teil der Betroffenen zeigt Diskriminierung nicht einmal an.37 Ein Generalverdacht, den neunzehn Attentäter über Millionen Menschen gebracht haben, wirkt bis heute.
Die Rechnung der Ökonomen
Ökonomisch war der 11. September zunächst ein regionaler Schock von nationaler Wucht. Die Versicherungswirtschaft verbuchte Schäden von rund 40 Milliarden Dollar; weil danach kaum ein Anbieter Terrorrisiken zeichnen wollte, schuf der Kongress mit dem Terrorism Risk Insurance Act eine staatliche Rückversicherung, die bis heute besteht.38 New York verlor nach Daten des Bureau of Labor Statistics in den drei Monaten nach dem Anschlag durchschnittlich 143.000 Arbeitsplätze pro Monat und 2,8 Milliarden Dollar an Löhnen, konzentriert auf hochbezahlte Tätigkeiten in Finanzwirtschaft und Luftverkehr.39
Die Erholung kam schneller als erwartet, der Wiederaufbau nicht. Das One World Trade Center wurde erst im November 2014 eröffnet, 541 Meter hoch, die Zahl 1776 in Fuß übersetzt. Das letzte Grundstück des Areals blieb noch länger eine Baugrube: Erst im Februar 2026 fand sich mit American Express ein Ankermieter für das Two World Trade Center, im Juli 2026 war Grundsteinlegung. Fertigstellung: 2031, dreißig Jahre nach den Anschlägen.40 Kein anderes Detail illustriert die Dauer dieses Nachlebens so beiläufig wie eine Baustelle, die drei Jahrzehnte braucht.
Erinnerung ohne Zeugen
Nach Angaben des 9/11 Memorial & Museum ist inzwischen etwa ein Drittel der US-Bevölkerung nach dem 11. September 2001 geboren.41 In den Schulen wird das Ereignis unterrichtet wie Pearl Harbor: als Geschichte, nicht als Erinnerung. Museen, Stiftungen und Lehrerfortbildungen arbeiten gegen diesen Übergang an, mit Zeitzeugengesprächen, Ausstellungen und Klassenfahrten nach Manhattan, Arlington und Shanksville. Zum Jahrestag reist ein originaler Stahlträger aus dem World Trade Center durch amerikanische Städte.42
Zugleich hat der Tag eine Nebenerzählung hervorgebracht, die selbst zum Politikfaktor wurde. Fünf Jahre nach den Anschlägen hielten es in einer Umfrage 36 Prozent der befragten Amerikaner für möglich, dass ihre Regierung beteiligt gewesen sei oder die Tat bewusst zugelassen habe.43 Die Erzählmuster, Netzwerke und Beweisführungen der „Truther“-Bewegung – misstrauische Bildanalyse, Expertenzitate ohne Kontext, ein prinzipiell unwiderlegbarer Verdacht – sind in den zwei Jahrzehnten danach zur Standardgrammatik der Desinformation geworden, von Impfgegnern bis zu Wahlleugnern. 9/11 war nicht nur der Beginn eines Krieges, sondern auch eines dauerhaften Vertrauensverlusts.
Fünfundzwanzig Jahre danach lässt sich der 11. September deshalb schwer als abgeschlossenes Ereignis erzählen. Er ist eher eine Weichenstellung, deren Folgen sich verselbstständigt haben: ein Gerichtsverfahren, das an den eigenen Ermittlungsmethoden scheitert; ein Überwachungsapparat, der ausläuft und doch weiterläuft; ein Gegner, der geschlagen wurde und sich verfünfzigfacht hat; ein Gesundheitsprogramm, das jedes Jahr neue Patienten aufnimmt. Die Zwillingstürme sind in weniger als zwei Stunden gefallen. Was an ihrer Stelle entstanden ist – baulich, rechtlich, politisch –, ist bis heute nicht fertig.
Anmerkungen und Quellen
1 National September 11 Memorial & Museum: „25th Annual Commemoration Ceremony“ und „Marking the 25th Anniversary“, 911memorial.org (abgerufen 31.08.2026). Die siebte Schweigeminute ehrt die an 9/11-Folgeerkrankungen Gestorbenen.
2 Stadt New York, Office of Chief Medical Examiner / Pressemitteilung des Bürgermeisters, 24.08.2026: 1.654. Identifizierung, erstmals mittels Forensic Investigative Genetic Genealogy; 1.099 der 2.753 in New York Getöteten bleiben nicht identifiziert. Vgl. NPR, 11.09.2025, zum Stand der DNA-Analysen.
3 Centers for Disease Control and Prevention, World Trade Center Health Program, cdc.gov/wtc (Stand 16.06.2026).
4 FDNY-Gedenkzeremonie, Bericht ABC7 New York, 09.09.2025; zum Vergleich Axios, 11.09.2024, mit Zahlen auch zur NYPD (377 Todesfälle durch Folgeerkrankungen).
5 September 11th Victim Compensation Fund, Jahresbericht 2025 (veröffentlicht 10.02.2026); zur Rechtsgrundlage vgl. Congressional Research Service, Report R45969.
6 Pressemitteilung des Gouverneurs des Staates New York, 18.03.2026, zum Personalabbau im WTC Health Program; Chronologie der Kürzungen bei Citizens for the Extension of the James Zadroga Act, renew911health.org.
7 9/11 Responder and Survivor Health Funding Correction Act, aufgenommen in das Haushaltsgesetz 2026 (Senatsvotum 30.01.2026, Unterzeichnung 03.02.2026); Pressemitteilungen Rep. Andrew Garbarino sowie Sen. Kirsten Gillibrand / Sen. Charles Schumer, Januar/Februar 2026.
8 Costs of War Project, Watson Institute, Brown University: „Costs of the 20-Year War on Terror“, fortgeschriebene Schätzungen 2021–2026.
9 Ebd.; ferner Costs of War, „Human Costs“ und „Creating Refugees“ (Zahlen zu direkten und indirekten Kriegstoten sowie zu 38 Millionen Vertriebenen).
10 Costs of War Project, „Suicides among US Service Members and Veterans of the Post-9/11 Wars“ (rund 30.177 Suizide gegenüber 7.057 Gefechtstoten).
11 Human Rights Watch, „Afghanistan: Fünf Jahre Taliban-Herrschaft“, 03.08.2026; UNESCO/UNICEF zu Bildungsverboten; Haftbefehle des IStGH vom 08.07.2025.
12 The Soufan Center, IntelBrief vom 08.01.2026, zum 25. Jahrestag und zur Herabstufung der Terrorismusbekämpfung zugunsten der Großmächtekonkurrenz.
13 Zum Abzug westlicher Verbände aus Mali, Burkina Faso und Niger nach den Putschen von 2020 bis 2023 und zur Rolle russischer Sicherheitsakteure vgl. Global Terrorism Index 2026 sowie die Lageanalysen von ACLED zur Sahelzone.
14 US-Außenministerium und Bericht des UN-Sicherheitsrats, Februar 2023, zur Führungsrolle Saif al-Adels; vgl. Stiftung Wissenschaft und Politik, „Der Nexus zwischen al-Qaida und Iran“, 2024.
15 UN Monitoring Team, Bericht S/2026/44 (Februar 2026), referiert bei Homeland Security Today, 10.02.2026.
16 Institute for Economics & Peace, Global Terrorism Index 2026 (13. Ausgabe, März 2026); Auswertung u. a. bei RFI, 20.03.2026.
17 Center for Strategic and International Studies, „Global Terrorism Threat Assessment 2026“, Mai 2026.
18 Resolution des UN-Sicherheitsrats vom 06.11.2025 (14:0 Stimmen, Enthaltung Chinas); Streichung Syriens von der US-Liste staatlicher Terrorunterstützer am 24./25.08.2026.
19 US-Verteidigungsministerium, Mitteilung zur Verlegung von elf Häftlingen nach Oman, 06.01.2025: Von einst rund 780 Gefangenen verbleiben 15.
20 NBC News und Zeit Online, 26./27.08.2026, zur Terminierung des Verfahrens gegen Chalid Scheich Mohammed, Walid bin Attash, Ali Abdul Aziz Ali und Mustafa al-Hawsawi auf den 05.06.2028.
21 Beschluss des Militärrichters Col. Michael Schrama vom 28.08.2026 (45 Seiten), berichtet u. a. von USA Today, CBS News und The Philadelphia Inquirer, 28./29.08.2026. Zur zuvor gescheiterten Verständigungslösung vgl. Urteil des Berufungsgerichts für den District of Columbia vom 11.07.2025.
22 Senate Select Committee on Intelligence, „Committee Study of the CIA’s Detention and Interrogation Program“, Zusammenfassung veröffentlicht am 09.12.2014; vgl. Human Rights Watch, „No More Excuses“, Dezember 2015.
23 EGMR, Al Nashiri gegen Polen und Husayn (Abu Zubaydah) gegen Polen, Urteile vom 24.07.2014; Al Nashiri gegen Rumänien und Abu Zubaydah gegen Litauen, Urteile vom 31.05.2018 (Az. 33234/12 und 46454/11); zuvor El-Masri gegen Mazedonien (2012) und Nasr und Ghali gegen Italien (2016).
24 US District Court for the Southern District of New York, Richter George B. Daniels, Entscheidung vom 28.08.2025 in „In re Terrorist Attacks on September 11, 2001“ (03 MDL 1570); Rechtsgrundlage: Justice Against Sponsors of Terrorism Act (JASTA), 2016.
25 Zum Fortbestand der Authorization for Use of Military Force von 2001 vgl. Bradley/Goldsmith, „Obama’s AUMF Legacy“; zu den Abstimmungen über Kriegsvollmachten im Iran-Konflikt Der Spiegel, 24.06.2026, und FAZ, 04.06.2026.
26 Aviation and Transportation Security Act, November 2001; Budgetzahlen nach NPR und Popular Science zum 20. Jahrestag.
27 9/11 Commission Report (2004), Empfehlung zu biometrischen Grenzkontrollen; Fast Company, 09.09.2021, zur Größe der DHS-Biometriedatenbank; Inbetriebnahme des EU-Entry-Exit-Systems am 10.04.2026.
28 Brennan Center for Justice und Congressional Research Service zur Reforming Intelligence and Securing America Act (2024) und zum Auslaufen von Section 702 am 12.06.2026; Zertifizierung des Foreign Intelligence Surveillance Court vom 17.03.2026.
29 EuGH, Urteil vom 21.06.2022, Rs. C-817/19 (Ligue des droits humains).
30 Terrorismusbekämpfungsgesetz („Otto-Katalog“) vom 19.09.2001 und zweites Sicherheitspaket vom 14.12.2001; taz, Chronik der Sicherheitsgesetze; BVerfG, Beschluss vom 04.04.2006 zur präventiven Rasterfahndung.
31 Politico, „How China hijacked the war on terror“, 09.09.2021; Sean R. Roberts, „The War on the Uyghurs“, Princeton University Press 2020.
32 National Security Presidential Memorandum 7 vom 25.09.2025; Analysen des Brennan Center for Justice und der ACLU; Brief von 31 Kongressabgeordneten, Oktober 2025.
33 Deutsche Welle, 11.09.2020, zur Hamburger Zelle; NATO-Nordatlantikrat, Erklärung vom 12.09.2001; Regierungserklärung Gerhard Schröders vom 12.09.2001.
34 Jahresbericht der Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestages 2024 (93.000 Eingesetzte, 59 Gefallene); Kostenangaben nach Bundesregierung/Zeit Online, 05.10.2021, sowie Bundeszentrale für politische Bildung.
35 Jahresbericht der Wehrbeauftragten 2024; vgl. Aus Politik und Zeitgeschichte, „Zäsur Afghanistan-Einsatz?“, 2024.
36 Bundesamt für Verfassungsschutz, Verfassungsschutzbericht 2025 (vorgestellt Juni 2026), Kapitel „Islamismus und islamistischer Terrorismus“.
37 Europäische Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit (EUMC) sowie EU-Grundrechteagentur, EU-MIDIS-Erhebungen.
38 Terrorism Risk Insurance Act (2002); Schadenschätzungen nach Angaben der US-Versicherungswirtschaft.
39 U.S. Bureau of Labor Statistics, Monthly Labor Review, Juni 2004; vgl. New York City Comptroller, „One Year Later: The Fiscal Impact of 9/11 on New York City“ (2002).
40 Port Authority of New York and New Jersey / Silverstein Properties, Projektinformationen zu 2 World Trade Center; Ankündigung des Ankermieters American Express am 25.02.2026, Grundsteinlegung am 09.07.2026, geplante Fertigstellung 2031.
41 9/11 Memorial & Museum, Angaben der Präsidentin Elizabeth L. Hillman, Mai 2026; Ausstellung „Our Flag Was Still There“.
42 Tunnel to Towers Foundation, Kampagne „Steel Across America“, Mai bis September 2026; zur Bildungsarbeit vgl. AFP, „Educators keep 9/11 memory alive“, 30.08.2026.
43 Umfrage der Ohio University / Scripps Survey Research Center, 2006; zur Wirkungsgeschichte vgl. Michael Butter u. a., „Verschwörungstheorien zu 9/11“ (2022).
Redaktioneller Hinweis: Alle Zahlenangaben geben den Stand vom 31. August 2026 wieder. Wo Quellen voneinander abweichen – etwa bei den Gesamtkosten der Post-9/11-Kriege oder bei der Zahl der an Spätfolgen Verstorbenen – ist die jeweils konservativere, von amtlichen oder wissenschaftlichen Institutionen belegte Zahl verwendet worden.
Foto Startseite Jeffmock (Wikipedia)










