Ein Jahr mehr Zeit, ein Jahr mehr Baustelle
Neustadt an der Weinstraße wollte 2027 Gastgeber der Landesgartenschau sein. Insolvenzen, Altlasten und ein Tunnel unter der ICE-Trasse haben die Stadt zur Verschiebung auf 2028 gezwungen. Eine Zwischenbilanz zwischen Aufbruchstimmung, Rekorddefizit und der Frage, was von den Versprechen realistisch bleibt.
Wer im Sommer 2026 vom Bahnhaltepunkt Böbig aus über das künftige Gartenschaugelände blickt, sieht beides gleichzeitig: einen Bach, der sich zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder in Schleifen durch die Landschaft legt – und einen Rohbau auf einem alten Müllberg, der noch reichlich nach Baustelle aussieht. Genau in dieser Doppelbelichtung liegt die Geschichte der Landesgartenschau Neustadt: ein Projekt, das fachlich viel richtig macht und terminlich fast alles verloren hat, was es an Puffer je besaß.
Am 20. Januar 2026 machten Landesregierung, Stadt und Gartenschau-Gesellschaft öffentlich, was intern schon feststand: Der geplante Start am 15. April 2027 war nicht mehr zu halten. Zentrale Baumaßnahmen würden erst im Juni 2027 fertig – rund zehn Wochen später als geplant. Damit hätten Aussaat und Bepflanzung frühestens im Frühjahr 2027 beginnen können, eine komplette Vegetationsperiode wäre verloren gewesen. Am 3. Februar 2026 stimmte der Stadtrat der Verschiebung einstimmig zu, am 10. März nahm der Ministerrat in Mainz den Beschluss zustimmend zur Kenntnis. Die Landesgartenschau läuft nun vom 6. April bis 19. Oktober 2028 – 193 Tage, drei Jahreszeiten.
Der Kumulationseffekt: Wie aus zehn Wochen ein Jahr wurde
Die Ursachen sind ein Lehrstück über die Verletzlichkeit eng getakteter Großprojekte. Beim Sportpavillon meldete eine Ende 2025 beauftragte Baufirma Insolvenz an. Parallel verzögerte sich die Unterführung unter der ICE-Trasse Neustadt–Mannheim, ein Bauwerk, das für die Erschließung des Geländes zentral ist. Beides einzeln wäre verkraftbar gewesen; in einem Terminplan mit vielen wechselseitigen Abhängigkeiten addierte es sich zu einem Rückstand, der nicht mehr aufzuholen war. „Wir haben bereits in den letzten Monaten beim Zeitplan alles herausgeholt, was möglich war. Aber beim Bau sind die Gewerke voneinander abhängig – wie beim Hausbau, wo der Fliesenleger noch nicht loslegen kann, solange der Estrich nicht trocken ist„, Anne Pieper, Geschäftsführerin der Landesgartenschau-Gesellschaft, Januar 2026
Bemerkenswert an der Neustadter Entscheidung ist ihr Zeitpunkt. Oberbürgermeister Marc Weigel (FWG) begründete den frühen Beschluss damit, dass ein halbes Jahr später bereits zu viele Aufträge für die Durchführung vergeben gewesen wären, deren nachträgliche Korrektur erheblich teurer geworden wäre. Fachlich ist das die saubere Variante: lieber ein unbequemer Beschluss zu einem Zeitpunkt, an dem er noch steuerbar ist, als ein Krisenmanagement im Frühjahr 2027 vor halb bepflanzten Flächen. Der Preis dafür ist ein Imageschaden, den die Stadt sofort zu spüren bekam.
Was gut läuft
Es wäre unfair, die Verschiebung mit dem Projekt gleichzusetzen. Inhaltlich liefert Neustadt in mehreren Punkten überdurchschnittlich ab – und zwar messbar, nicht nur in Broschüren.
- Renaturierung mit Substanz: Im März 2026 wurde der Speyerbach am Panoramaberg in sein neues Bett umgeleitet. Statt eines gepflasterten Kanals gibt es nun mäandrierende Arme, Kiesbänke, Flachwasserzonen und im „Bachdreieck“ eine echte Retentionsfläche für Extremwetterlagen. Naturschutzverbände, die die zunächst geplante Fällung von über 400 Bäumen kritisch begleitet hatten, bewerten die Gesamtbilanz inzwischen positiv.
- Flächenrecycling statt Flächenfraß: Der Park entsteht auf rund 30 Hektar früherer Deponie- und Industriebrache – den stillgelegten Deponien Haidmühle und Maifischgraben sowie den Neubachwiesen. Der „Monte Scherbelino“ wird zum Panoramaberg. Das ist genau die Art von Konversion, für die Gartenschauen als Förderinstrument gedacht sind.
- Bauen als Modellprojekt: Die Panoramabar ist nach Angaben der Veranstalter das erste Bauwerk in Deutschland, das einen neu entwickelten Beton mit rund 35 Prozent weniger CO₂ einsetzt – ein Bindemittel aus calcinierten Tonen, entwickelt von der Universität der Bundeswehr München und dem Fraunhofer-Institut für Bauphysik, zugelassen im Einzelfall. Der Sportpavillon (Richtfest Juni 2026) entsteht als Holzmassivbau ohne Kleber und Dichtstoffe, vollständig demontierbar. Die neue Geschäftsstelle in der Roßlaufstraße, im Juli 2026 eingeweiht, ist ein Cradle-to-Cradle-Umbau einer ungenutzten Gewerbehalle.
- Dauerhafter Gegenwert: Der Sportpark mit rund 2,3 Hektar, mehreren Spielfeldern, Boulderwand und Work-out-Anlage bleibt nach 2028 den Vereinen und der Allgemeinheit. Ab 2029 ist der Landschaftspark dauerhaft und kostenfrei zugänglich, inklusive Rad- und Fußwegverbindungen von der Innenstadt bis zum Ordenswald.
- Bürgerbeteiligung, die trägt: Die Informationsveranstaltung für Freiwillige im März 2026 in der Gimmeldinger Meerspinnhalle war überraschend gut besucht – „Heute Abend habe ich mit weniger Zuspruch gerechnet“, räumte der OB ein. Freundeskreis, Baumpatenschaften, monatliche Baustellenführungen und das „Forum Landesgartenschau“ im Roxy-Kino halten das Projekt sichtbar.
Auch der Umgang mit dem verlorenen Jahr ist bemerkenswert pragmatisch. Weil die sanierte Dr.-Welsch-Terrasse im Ortsteil Haardt früher fertig wird als der Landschaftspark, findet dort vom 15. April bis 17. Oktober 2027 ein Gartenfest unter dem Titel „Vorblühen“ statt – mit Themenwochen, Abendprogramm und Beiträgen von Kunst, Kultur und den Kirchen, deren Projekt „himmelgrün“ bis 2028 verlängert wurde, wenn auch in verkleinertem Umfang. Aus einer Zwangspause wird so eine Gartenschau in zwei Etappen.
Was schlecht läuft – Die Kehrseite lässt sich in Zahlen fassen – und sie sind unangenehm
Kosten: Bereits im Oktober 2024 hatte der Stadtrat einer Erhöhung des Investitionshaushalts von rund 23,8 auf 32,9 Millionen Euro zugestimmt – ein Sprung von gut 9,1 Millionen Euro. Gründe: aufwendigere Gewässerrenaturierung, eine konstruktiv anspruchsvollere Radwegeunterführung, höherer Sanierungsbedarf an Brücken, Altlastenfunde unter der künftigen Sportlandschaft und eine Ver- und Entsorgung, die das vorhandene Netz schlicht nicht hergab. Im Mai 2025 stockte das Land seine Förderung um 5,4 auf rund 23 Millionen Euro auf; bei der Einweihung der Geschäftsstelle im Juli 2026 nannte Ministerpräsident Gordon Schnieder (CDU) eine Landesförderung von 23,1 Millionen Euro. Die Verschiebung selbst schlägt mit rund 2,7 Millionen Euro im Durchführungshaushalt zu Buche, davon etwa 1,4 Millionen für Personal – 19 befristet Beschäftigte müssen ein Jahr länger bezahlt werden. Der Ministerrat sagte eine einmalige Beteiligung an maximal 2,7 Millionen Euro zu, der genaue Anteil des Landes war zum Zeitpunkt des Beschlusses noch offen.
Haushaltslage: Diese Summen treffen eine Stadt, die ohnehin am Limit wirtschaftet. Für 2026 beschloss der Stadtrat im Dezember 2025 einen Etat mit einem Rekorddefizit von rund 23,5 Millionen Euro; die Verschuldung liegt bei über 230 Millionen Euro, rechnerisch mehr als 5.100 Euro je Einwohner. Die Grundsteuer B wurde zum Jahr 2025 von 550 auf 620 Prozent angehoben, die Grundsteuer A von 330 auf 490 Prozent. Selbst wenn Land und Bund den Löwenanteil der Gartenschau tragen: Der städtische Eigenanteil, die Vorfinanzierung und später die Unterhaltung von 30 Hektar neuem Park binden Mittel, die anderswo fehlen. Die Debatte über Folgekosten der Daueranlage ist in Neustadt noch nicht wirklich geführt worden – sie kommt spätestens 2029.
Kommunikation und Stimmung: Der Ton in der Stadt ist rauer geworden. In SWR-Umfragen nach der Verschiebungsankündigung fielen Sätze wie „eine Schmach für die Stadt“ und „mir war von Anfang an klar, dass das hier in Neustadt nicht funktioniert“. Im Sommer 2026 hängte ein Unbekannter zwischen die echten Werbebanner am Ost-Eingang ein täuschend echt gestaltetes Plakat mit dem Text „Ja, die Kosten“ – eine Persiflage auf den Slogan „Da wächst was“. Bezeichnend ist die Reaktion: LGS-Geschäftsführerin Anne Pieper wertete es nicht als Scherz, sondern bot dem Unbekannten öffentlich ein Gespräch an. Das ist professionell – es zeigt aber auch, dass die Gesellschaft die Deutungshoheit über das Kostenthema nicht mehr allein besitzt. Im Stadtrat fordert die AfD-Fraktion Transparenz über Termine und Kosten, während CDU, SPD, FDP und FWG die Verschiebung mittragen. Und dann ist da das Risiko, das die Stadt gar nicht selbst verschuldet hat: die Bahn.
Das Bahn-Problem: Ein Gelände am Gleis ohne Züge
Die Landesgartenschau ist bewusst schienenaffin geplant. Der Westeingang liegt direkt am Haltepunkt Neustadt-Böbig, an dem alle S-Bahnen sowie die Regionalbahnen Richtung Bad Dürkheim halten. Ausgerechnet in das Gartenschaujahr hinein plant die Bahntochter DB InfraGO jedoch Bauarbeiten auf mehreren Strecken rund um Neustadt – unter anderem, um Schäden zu beseitigen, die Dachse an den Bahndämmen verursacht haben. Nach Angaben der Gartenschau-GmbH und des Zweckverbands ÖPNV Rheinland-Pfalz Süd stehen im Raum:
- Vollsperrung Böhl-Iggelheim – Neustadt – Kaiserslautern – Homburg vom 15. September bis 10. November 2028; damit fahren auch keine Züge aus Ludwigshafen und aus Bad Dürkheim.
- Vollsperrung Neustadt – Landau – Wissembourg vom 21. April bis 1. Mai 2028 sowie abendliche Sperrungen ab 21:15 Uhr vom 5. Mai bis 28. Juli 2028.
- Eine weitere monatelange Vollsperrung Neustadt – Landau – Winden zu noch nicht festgelegtem Zeitpunkt.
Betroffen wären damit der Auftakt rund um Ostern und das gesamte Finale der Schau – also genau die beiden besucherstärksten Phasen. Ersatzbusse sind zwar zugesagt, brauchen aber deutlich länger und schrecken Tagesgäste eher ab. Die Verbandsversammlung in Worms hat einstimmig beschlossen, Neustadt bei der Verschiebung der Baustellen zu unterstützen; am 3. Juli 2026 besuchten Ministerpräsident Gordon Schnieder und Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (beide CDU) gemeinsam die Baustelle. Beim selben Termin gab es zwar 3,8 Millionen Euro Bundesmittel für den Radweg LGS Ost – eine verbindliche Zusage der Bahn aber nicht. Die Bahnfrage bleibt damit das größte externe Risiko für die Besucherbilanz 2028.
Was die Bürger konkret aushalten müssen
Zwischen Ankündigung und Eröffnung liegen in Neustadt vier Jahre gelebter Baustelle. Die Einschränkungen sind real, auch wenn sie in der Debatte oft hinter den großen Zahlen verschwinden.
- Verlorene Lieblingsorte auf Zeit: Die denkmalgeschützte Dr.-Welsch-Terrasse wird seit Mai 2025 saniert und ist seit Juli 2025 aus Sicherheitsgründen komplett gesperrt. Erst 2027 wird sie als Veranstaltungsort des „Vorblühens“ zugänglich, dauerhaft und kostenfrei wieder ab 2028.
- Dauerbaustelle im Straßennetz: Die Amalienstraße wird seit Februar 2025 auf rund 560 Metern grundhaft erneuert – mit Vollsperrungen, entfallenden Parkplätzen und der Saarlandstraße als Einbahnstraße. Die Probstgasse wird bis 2027 umgebaut, die Landwehrstraße war monatelang gesperrt und brachte der Stadt Kritik an der Beschilderung ein. Dazu kommen Kanal-, Leitungs- und Deckensanierungen quer durchs Stadtgebiet, die „rechtzeitig zur Gartenschau“ fertig sein sollen.
- Vereinssport im Provisorium: Der VfL Neustadt musste sein angestammtes Gelände an der Haidmühle räumen, die Anlage wurde 2024 zurückgebaut. Der Verein zog ins sanierte Stadion um, spielte zwischenzeitlich sogar auf dem Gelände der TuS Lachen-Speyerdorf und startet inzwischen neu in der C-Klasse. Der versprochene Sportpark ist erst Ende 2026 beziehungsweise 2028 nutzbar – die Lücke dazwischen tragen die Aktiven.
- Gewerbe an der Baustellenkante: Ein Betrieb direkt am Zugang zum Gelände beklagte im Juli 2026 öffentlich die Schmutzbelastung durch den Baustellenverkehr. Die LGS-Gesellschaft kam ihm entgegen, unstrittig war der Weg dorthin nicht.
- Nutzungsregeln im neuen Park: Während des Gartenschaujahrs 2028 sind Hunde – bis auf organisierte „Hundestunden“ – nicht erlaubt, Radfahren auf dem Gelände ist untersagt. Und der Zutritt kostet Eintritt. Erst ab 2029 gilt: offen, kostenfrei, mit Rad und Hund. Für Anwohner heißt das: Ein Stück Stadt, das sie vier Jahre lang als Baustelle ertragen haben, bleibt ihnen im entscheidenden Jahr nur gegen Ticket zugänglich.
- Verspätete Planbarkeit: Der Dauerkartenvorverkauf, ursprünglich für die erste Jahreshälfte 2026 angekündigt, startet nun voraussichtlich im Oktober 2026; die Preise sollen im Sommer 2026 feststehen. Vergünstigte Karten in den ersten Verkaufsmonaten sollen allen Interessierten offenstehen – ein spezieller Neustadt-Rabatt ist es nicht.
Die Hoffnungen – und was davon realistisch ist
Die Erwartungen an eine Landesgartenschau folgen einem festen Dreiklang: Besucher, Wirtschaft, Stadtentwicklung. Es lohnt sich, die drei getrennt zu bewerten.
Besucherzahlen. In Neustadt kursiert seit 2025 die Zahl von rund 800.000 Besuchern an 186 Veranstaltungstagen, an Spitzentagen bis zu 10.000 Gäste. Der Vergleichsrahmen ist gemischt: Landau kam 2015 auf über 800.000 Besucher und lag damit ein Drittel über Plan, Bingen erreichte 2008 mit 1,3 Millionen mehr als das Doppelte der Erwartung. Für 2028 sprechen 193 statt 186 Tage, ein Osterwochenende Mitte April und ein Einzugsgebiet von Karlsruhe bis Mainz. Dagegen sprechen die Bahnbaustellen und ein Gartenschaumarkt, der 2027 und 2028 in Deutschland deutlich dichter besetzt ist als früher. Realistisch ist eine Zielmarke im Bereich von 600.000 bis 800.000 Besuchern – erreichbar, aber nicht garantiert, und in hohem Maße abhängig davon, ob die Züge fahren.
Wirtschaft und Tourismus. Hotellerie, Gastronomie und Winzerbetriebe erhoffen sich einen Schub, die Branche wird seit 2025 gezielt auf das Ereignis vorbereitet. Belastbar ist: Gartenschaubesucher sind überwiegend Tagesgäste; der Übernachtungseffekt bleibt in der Regel hinter den Hoffnungen zurück, wenn nicht Kombiangebote aus Wein, Kultur und Landschaft greifen. Neustadt hat hier mit Hambacher Schloss, Weindörfern und Pfälzerwald bessere Karten als die meisten Ausrichter – aber auch eine begrenzte Bettenkapazität. Der größte Effekt dürfte in der überregionalen Sichtbarkeit liegen, nicht in der Kasse eines einzelnen Sommers.
Stadtentwicklung. Hier ist die Erwartung am solidesten begründet – und zugleich am schwersten zu messen. Die dauerhafte Aufwertung eines 30 Hektar großen Deponie- und Brachenareals, ein renaturierter Bach mit Hochwasserrückhalt, neue Rad- und Fußwege zwischen Innenstadt und Ordenswald, ein Sportpark, eine barrierefrei sanierte denkmalgeschützte Parkanlage: Diese Substanz bleibt, unabhängig davon, wie viele Tickets 2028 verkauft werden. Ohne den Fördermechanismus Landesgartenschau hätte eine Stadt mit 23,5 Millionen Euro Jahresdefizit keine dieser Maßnahmen finanzieren können. Das ist das stärkste Argument der Befürworter – und es ist ein gutes.
Unrealistisch sind dagegen drei Erwartungen, die in Neustadt gelegentlich mitschwingen: dass sich die Gartenschau über Eintrittsgelder trage (das tut praktisch keine), dass sie den Einzelhandel in der Innenstadt nachhaltig belebe (die Effekte sind meist punktuell und enden mit der Schau) und dass die Daueranlage anschließend kostenneutral betrieben werden könne (30 Hektar Park kosten dauerhaft Pflege, Personal und Verkehrssicherung). Wer die Landesgartenschau als Investition in Infrastruktur und Klimaanpassung verteidigt, steht auf festem Boden. Wer sie als Rendite-Projekt verkauft, wird 2029 Erklärungsbedarf haben.
Fazit: Ein Projekt, das seine Erzählung neu justieren muss
Neustadt hat bei der Landesgartenschau die richtige Entscheidung zum falschen Zeitpunkt treffen müssen – und sie immerhin früh und einstimmig getroffen. Fachlich ist das Projekt besser als sein derzeitiger Ruf: Die Renaturierung ist ernst gemeint, das Bauen nach Cradle-to-Cradle-Prinzipien ist bundesweit vorzeigbar, die bleibende Infrastruktur ist substanziell. Organisatorisch hat die Stadt gezeigt, dass ihr Terminplan keinen Puffer für zwei gleichzeitige Störungen hatte – eine Lehre, die weit über Neustadt hinaus gilt.
Die entscheidenden Monate stehen bevor. Bis zum Herbst 2026 muss der Dauerkartenvorverkauf starten und mit ihm ein Preis, der in einer Stadt mit erhöhter Grundsteuer und Rekorddefizit vermittelbar ist. Bis 2027 muss die Bahnfrage geklärt sein, sonst nützt der schönste Westeingang am Haltepunkt Böbig wenig. Und bis 2029 muss die Stadt beantworten, wie sie den Park unterhält, den sie sich gerade schenken lässt.
Die ehrlichste Bilanz lautet vorerst: Die Landesgartenschau 2028 wird Neustadt wahrscheinlich nicht reich machen, aber ziemlich sicher grüner, besser vernetzt und sichtbarer. Ob das reicht, um vier Jahre Baustelle, 2,7 Millionen Euro Verschiebungskosten und eine verpasste Saison aufzuwiegen, wird sich weniger im Sommer 2028 entscheiden als in den Jahren danach – wenn die Bauzäune weg sind, der Eintritt entfällt und der Park zeigen muss, ob die Neustadter ihn wirklich als ihren annehmen.
Chronologie in Kürze
- Okt. 2021 – Neustadt bewirbt sich unter dem Motto „Sprung ins Grüne“ (zunächst für 2026, coronabedingt auf 2027 terminiert).
- Okt. 2024 – Stadtrat beschließt den Gesamtentwurf; Investitionshaushalt steigt von 23,8 auf 32,9 Mio. Euro.
- 23. Sept. 2024 – Offizieller Baustart, erster Baum gepflanzt.
- Mai 2025 – Land stockt Förderung um 5,4 auf rund 23 Mio. Euro auf; Sanierungsbeginn Dr.-Welsch-Terrasse.
- Dez. 2025 – Baubeginn Sportpark; Stadtrat beschließt Haushalt 2026 mit rund 23,5 Mio. Euro Defizit.
- 20. Jan. 2026 – Stadt und Land geben Prüfung einer Verschiebung auf 2028 bekannt.
- 3. Feb. 2026 – Stadtrat stimmt der Verschiebung einstimmig zu; Mehrkosten rund 2,7 Mio. Euro.
- 10. März 2026 – Ministerrat billigt die Verschiebung, sagt Beteiligung an max. 2,7 Mio. Euro zu.
- März 2026 – Speyerbach wird in sein neues, renaturiertes Bett umgeleitet.
- 10. Juni 2026 – Rohbaubegehung Panoramabar mit CO₂-reduziertem Beton.
- 16. Juni 2026 – Bahn-Sperrpläne für 2028 werden öffentlich; Stadt bittet Land und Bund um Hilfe.
- 26. Juni 2026 – Richtfest Sportpavillon, Fertigstellung Ende 2026 geplant.
- 1. Juli 2026 – Einweihung der Cradle-to-Cradle-Geschäftsstelle; Land beziffert Förderung auf 23,1 Mio. Euro.
- 3. Juli 2026 – Besuch von Ministerpräsident und Bundesverkehrsminister; 3,8 Mio. Euro Bundesmittel für den Radweg LGS Ost, Bahnfrage bleibt offen.
- 15. Apr. – 17. Okt. 2027 – „Vorblühen“ auf der Dr.-Welsch-Terrasse.
- 6. Apr. – 19. Okt. 2028 – Landesgartenschau, 193 Tage.
- ab 2029 – Landschaftspark dauerhaft und kostenfrei zugänglich.
Zahlen im Überblick
- Geländegröße: rund 30 Hektar (Deponien Haidmühle und Maifischgraben, Neubachwiesen)
- Investitionshaushalt: rund 32,9 Mio. Euro (ursprünglich 23,8 Mio. Euro)
- Landesförderung: rund 23,1 Mio. Euro; städtischer Mehraufwand aus der Kostensteigerung rund 2,3 Mio. Euro
- Mehrkosten der Verschiebung: rund 2,7 Mio. Euro, davon 1,4 Mio. Euro Personal (19 Beschäftigte)
- Städtisches Haushaltsdefizit 2026: rund 23,5 Mio. Euro; Verschuldung über 230 Mio. Euro
- Erwartete Besucher: rund 800.000 (Planungsgröße der Veranstalter)
- Dauer: 193 Veranstaltungstage, 6. April bis 19. Oktober 2028
- Zwei Haupteingänge: S-Bahnhof Böbig (Landwehrstraße) und Branchweilerhofstraße
Quellen und Belege
Der Text stützt sich auf öffentlich zugängliche Berichterstattung und Primärquellen, insbesondere: gemeinsame Pressemitteilung von Landesregierung Rheinland-Pfalz, Stadt Neustadt an der Weinstraße und Landesgartenschau gGmbH vom 20.01.2026; Ministerratsvorlage „Verschiebung der Landesgartenschau 2027 … auf 2028“ (Sitzung vom 10.03.2026, OpenData RLP); Pressemitteilungen der Landesgartenschau-Gesellschaft (Panoramabar 10.06.2026, Richtfest Sportpavillon 26.06.2026, Einweihung Geschäftsstelle 01.07.2026) sowie deren FAQ-Seite; Pressemitteilung des Ministeriums für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau vom 22.05.2025; Berichterstattung von SWR Aktuell (u. a. 20.01., 21.01., 04.02., 16.06.2026), DIE RHEINPFALZ, Wochenblatt-Reporter, mrn-news und Mannheimer Morgen; Beschlussunterlagen und Haushaltsinformationen der Stadt Neustadt an der Weinstraße.
Redaktioneller Hinweis: Stand aller Angaben ist der 11. August 2026. Einzelne Zahlen – insbesondere die Aufteilung der Verschiebungskosten zwischen Stadt und Land, die Eintrittspreise sowie die endgültigen Bahn-Sperrzeiten – waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht abschließend festgelegt.
Foto: Wikipedia (Martin Bahmann)











