„Papp-Proteste“ erschüttern Kiew – Selenskyjs überraschende Entlassung von Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow löst landesweite Bürgerproteste aus – mitten im Krieg
Ein Bericht eines Mitgliedes unseres Recherche-Teams von NACHRICHTEN REGIONAL
Es sind seltene Bilder im vierten Kriegsjahr: Tausende Ukrainerinnen und Ukrainer versammeln sich am Morgen des 16. Juli auf zentralen Plätzen in Kiew und mindestens 16 weiteren Städten des Landes. Sie schwenken ukrainische und EU-Flaggen, singen die Nationalhymne – und halten selbstgemalte Pappschilder in die Höhe. „Bringt Fedorow zurück“, „Zerstört nicht, was funktioniert“, „Fedorow = technologisches Genie“. Der Anlass: die überraschende Ablösung von Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow durch Präsident Wolodymyr Selenskyj im Rahmen einer großangelegten Regierungsumbildung. Auch die Bild hat am 16.07.2026 wie folgt darüber berichtet: “Kiew – Hinter der Entlassung des ukrainischen Verteidigungsministers steckt offenbar ein heftiger Machtkampf an der Spitze von Politik und Militär. Präsident Wolodymyr Selenskyj (48) soll die Absetzung von Michaylo Fedorow (35) mit einem Zerwürfnis zwischen Verteidigungsministerium und Militärführung begründet haben. Das berichten mehrere Abgeordnete und Analysten dem Kyiv Independent”, https://www.bild.de/politik/ausland-und-internationales/ukraine-selenskyj-entlaesst-verteidigungsminister-wirkt-wie-verrat-6a58711ffdddcf083cdf00ad
Eine Regierungsumbildung mit Sprengkraft
Die Personalentscheidung traf Kiew am Mittwochabend wie ein Paukenschlag. Nur einen Tag, nachdem das Parlament den Rücktritt von Ministerpräsidentin Julija Swyrydenko angenommen hatte, gab Fedorow – erst seit Januar 2026 und damit rund sechs Monate im Amt – seinen Rücktritt bekannt. „Es war eine große Ehre, dem ukrainischen Volk zu dienen“, schrieb der 35-Jährige in den sozialen Medien. Eine offizielle Begründung für die Entscheidung lieferte die Präsidialkanzlei nicht. Am Donnerstag bestätigte das Parlament mit Serhij Korezkyj, dem bisherigen Chef des staatlichen Energiekonzerns Naftogaz, einen neuen Premierminister. Als neuer Verteidigungsminister ist Berichten zufolge Innenminister Ihor Klymenko vorgesehen.
Fedorow ist damit bereits der zweite Verteidigungsminister in Folge, der seinen Posten nach kurzer Amtszeit räumen muss. Sein Vorgänger Rustem Umjerow war im September 2023 auf Oleksij Resnikow gefolgt und hatte das Amt bis Januar 2026 inne. Die erneute Rotation an der Spitze eines kriegsentscheidenden Ministeriums wirft Fragen auf – und hat eine Welle des Unmuts ausgelöst, wie sie die Ukraine in Kriegszeiten selten gesehen hat.
Ein Modernisierer mit Rückhalt in der Bevölkerung
Mychajlo Fedorow galt als einer der populärsten Politiker der Ukraine. Einer Umfrage vom Juni 2026 zufolge vertrauten ihm 50 Prozent der Befragten – ein Spitzenwert in der kriegsmüden Gesellschaft. Vor seiner Ernennung zum Verteidigungsminister war der Tech-Unternehmer mit engen Verbindungen ins Silicon Valley Minister für digitale Transformation und hatte sich als Architekt der digitalen Kriegsführung einen Namen gemacht.
In seiner kurzen Amtszeit trieb Fedorow eine Reihe tiefgreifender Reformen voran. Dazu zählten eine umstrittene, aber weitreichende Militärreform, neue Systeme zur Bewertung der Kampfkraft von Einheiten und eine privat finanzierte Luftverteidigungsinitiative. Vor allem aber seine technologische Expertise im Drohnenbereich brachte messbare Erfolge: Nach eigenen Angaben stieg die Abfangrate russischer Drohnen in seiner Amtszeit von 83 auf 91 Prozent, die Abwehr von Marschflugkörpern von 47 auf 87 Prozent. Die Integration von Pavlo „Lasar“ Jelisarow – dem stellvertretenden Kommandeur der Luftstreitkräfte – sowie die Einführung systematischer „After Action Reviews“ nach jedem russischen Großangriff zählte Fedorow selbst zu seinen wichtigsten Errungenschaften.
Darüber hinaus spielte Fedorow eine Schlüsselrolle beim Übergang zu ukrainischen Langstreckenangriffen, die zunehmend die russische Treibstoffversorgung und Logistik treffen. Diplomatischen Kreisen zufolge war er maßgeblich an Verhandlungen beteiligt, die russischen Truppen den Zugang zum Satellitennetzwerk Starlink entzogen – ein strategischer Coup, der der Ukraine half, auf dem Schlachtfeld wieder die Initiative zu gewinnen. Auch eine von ihm initiierte Prüfung der Verteidigungsausgaben deckte nach Angaben ukrainischer Medien Unregelmäßigkeiten in Höhe von umgerechnet rund 7,2 Milliarden US-Dollar auf.
Machtkämpfe, Rivalitäten – und ein Präsident unter Druck
Hinter den Kulissen brodelte es schon länger. Mehrere Quellen berichten von wachsenden Spannungen zwischen Fedorow und dem Oberbefehlshaber der Streitkräfte, Oleksandr Syrskyj. Der Politikwissenschaftler Wolodymyr Fesenko sprach gegenüber Reuters von „Konflikten in der Militärführung“, die Fedorows Position zunehmend untergraben hätten. Auch im Parlament soll sich das Verhältnis des Ministers zu wichtigen Abgeordneten verschlechtert haben.
Ein weiterer Faktor: Fedorows unbestreitbare Popularität. Gegenüber CBS News äußerten mehrere Beamte die Einschätzung, dass Teile des Präsidentenlagers in Fedorow zunehmend einen politischen Rivalen für Selenskyj sahen. Der Minister selbst hatte – finnischen Medienberichten zufolge – das Angebot abgelehnt, selbst Ministerpräsident zu werden. Das Magazin „The Economist“ berichtete von „Reibungen“ zwischen dem Reformminister und Spitzengenerälen.
Auch in der Rüstungsindustrie gab es Verwerfungen. Insbesondere Drohnenhersteller fühlten sich durch Fedorows Zentralisierungspolitik an den Rand gedrängt und machten ihn für Auftragsverluste verantwortlich. Gleichzeitig genoss der Minister in Washington hohes Ansehen und gilt als Architekt der verbesserten Beziehungen zur Trump-Administration. Sein plötzlicher Abgang sorgte daher auch bei westlichen Verbündeten für Irritation.
„Papp-Proteste“ in 17 Städten: Die Zivilgesellschaft meldet sich zurück
Die Reaktion der Bevölkerung ließ nicht lange auf sich warten. Aufgerufen von dem Veteranen und ehemaligen Kampfsanitäter Dmytro Kosjatynskyj – der bereits 2025 die erfolgreichen Proteste zum Schutz der unabhängigen Antikorruptionsbehörden mitorganisiert hatte – fanden sich am frühen Morgen des 16. Juli Hunderte Menschen auf dem Platz vor dem Iwan-Franko-Theater in Kiew ein. AFP-Reporter sprachen von mehr als tausend Teilnehmern allein in der Hauptstadt. Die Demonstranten skandierten „Schande“ und „Bringt Fedorow zurück“.
Die Protestwelle erfasste innerhalb weniger Stunden mindestens 17 Städte: Lwiw, Odessa, Dnipro, Charkiw, Iwano-Frankiwsk, Winnyzja, Luzk, Chmelnyzkyj, Uschhorod, Ternopil, Mykolajiw, Tscherkassy, Riwne, Saporischschja, Schytomyr, Tscherniwzi und Poltawa. Die Teilnehmerzahlen bewegten sich zwischen einigen Dutzend und mehreren Hundert pro Stadt. Viele Kundgebungen begannen mit einer Schweigeminute für die Gefallenen.
Charakteristisch für die Aktionen: die selbstgebastelten Pappschilder, die der Bewegung ihren Namen gaben. „Zerstört nicht, was funktioniert“, stand darauf, „Tauscht Gefangene aus, nicht Fedorow“, „Die Entscheidung ist ein Geschenk für die Russen“ oder „Das Audit zeigte 300 Milliarden Diebstahl. Sie entfernten den Prüfer, nicht die Diebe.“ Die Botschaft war unmissverständlich: Die Bürger sahen in Fedorows Entlassung nicht nur eine Personalie, sondern einen Angriff auf die begonnene Modernisierung der Streitkräfte.
„Ich glaube, seine Entlassung ist ein Schlag ins Gesicht des ukrainischen Volkes“, sagte die 30-jährige Geschäftsfrau Vlada Roman der Nachrichtenagentur AFP auf dem Kiewer Platz. Sie hoffe, dass Selenskyj nach der Kundgebung seine Meinung ändere – der Präsident habe „Angst vor effektiven Menschen“. Die Abgeordnete Inna Sowsun schrieb auf Sozialen Medien, ein erneuter Wechsel im Verteidigungsministerium sei „überhaupt nicht lustig“: Zentrale Vorhaben könnten gestoppt werden, die Armee müsse sich wieder auf einen neuen Chef einstellen.
Luftwaffen-Vize tritt aus Protest zurück
Die Erschütterung reichte bis in die Kommandostrukturen. Der stellvertretende Kommandeur der ukrainischen Luftstreitkräfte, Pavlo Jelisarow, reichte nur Stunden nach der Bekanntgabe von Fedorows Abgang sein Rücktrittsgesuch ein und veröffentlichte es auf Facebook. „Ich bin überzeugt, dass die Absetzung M. Fedorows ein großes Übel für die Verteidigungsfähigkeit des Landes ist“, schrieb der hochdekorierte Offizier. „Es ist eine große Ehre für mich, mit Mychajlo Fedorow zusammenzuarbeiten. 2022 trat ich den Streitkräften bei, um zu gewinnen – nicht, um so zu tun, als täte ich etwas.“ Auch mehrere Parlamentsabgeordnete kündigten aus Protest ihren Rückzug an.
Ein riskanter Schachzug zur Unzeit
Die Regierungsumbildung kommt zu einem heiklen Zeitpunkt. Die Ukraine hat in den vergangenen Monaten die russische Offensive verlangsamt und mit weitreichenden Drohnenangriffen auf russische Öl- und Militäranlagen zurückgeschlagen. Noch am Donnerstag meldete Kiew einen Rekordangriff: Eine ukrainische Sperrholz-Drohne legte nach mehr als zwölf Stunden Flugzeit Russlands größte Raffinerie in Sibirien lahm – eine Distanz von über 2.500 Kilometern. Analysten sehen die Ukraine in einer der stärksten Positionen seit Monaten.
Dass Selenskyj ausgerechnet jetzt das Verteidigungsministerium umbesetzt, birgt erhebliche Risiken. Der Politikwissenschaftler Fesenko warnte, Fedorows Abgang könne entscheidende Reformen bremsen – darunter den Versuch, den chronischen Personalmangel in den Streitkräften zu lindern. Fedorow selbst hatte nach Amtsantritt erklärt, die Armee stehe vor rund 200.000 Deserteuren und etwa zwei Millionen Menschen, die sich der Einberufung entzögen.
Der Chefredakteur des ukrainischen Magazins „NV“, Witalij Sytsch, brachte die verbreitete Frustration auf den Punkt: „In schwierigen Momenten verhält sich Selenskyj wie ein Held. Aber wir sollten nicht vergessen, dass schwierige Momente oft durch seine idiotischen Entscheidungen verursacht werden.“
Ob die „Papp-Proteste“ Selenskyj zum Umdenken bewegen können, ist offen. Fedorow selbst erklärte am Donnerstag, er habe ein Angebot des Präsidenten abgelehnt, als Berater in die Präsidialverwaltung zu wechseln. Die Demonstranten auf den Plätzen des Landes haben ihre Hoffnung jedenfalls noch nicht aufgegeben. „Nach der heutigen Kundgebung“, sagte Vlada Roman in Kiew, „wird er seine Meinung ändern. Das hoffe ich zumindest.“
Quellen: France 24, Euromaidan Press, FOCUS online, CBS News/AP, The Hindu, Bloomberg, Kyiv Independent, Reuters, The Economist, Uusi Suomi, NV.ua, Suspilne – 16. Juli 2026
Biografie von Mychajlo Fedorow
Mychajlo Fedorow – Steckbrief
Alter: 35 Jahre
Amtszeit: Januar 2026 – 15. Juli 2026 (ca. 6 Monate)
Vorheriges Amt: Minister für digitale Transformation (2019–2026)
Hintergrund: Tech-Unternehmer mit Verbindungen ins Silicon Valley
Bekannt für: Drohnenprogramm, Digitalisierung der Streitkräfte, Starlink-Verhandlungen
Popularität: 50 % Vertrauenswerte (Umfrage Juni 2026)
Zentrale Reformen: Militärreform, private Luftverteidigungsinitiative, After-Action-Review-System
Status: Rücktritt eingereicht; Angebot als Präsidentenberater abgelehnt
Mychajlo Albertowytsch Fedorow (ukrainisch Михайло Альбертович Федоров; * 21. Januar 1991 in Wassyliwka, Ukraine) ist ein ukrainischer Politiker und Unternehmer. Er gilt als einer der profiliertesten und modernsten Köpfe der ukrainischen Politik, der vor allem für die Digitalisierung des Landes und den technologischen Wandel der ukrainischen Streitkräfte steht. Hier sein Werdegang:
1. Der Digitalisierungspionier (2019–2026)
Vor seiner politischen Karriere war Fedorow erfolgreicher Unternehmer im Bereich des digitalen Marketings. Im Jahr 2019 leitete er den extrem erfolgreichen Social-Media-Wahlkampf von Wolodymyr Selenskyj. Nach dessen Wahlsieg wurde Fedorow im Alter von nur 28 Jahren zum damals jüngsten Minister in der Geschichte des Landes ernannt – als Minister für digitale Transformation (sowie stellvertretender Ministerpräsident).
- Die „Diia“-App: Unter seiner Führung entwickelte das Ministerium die staatliche App Diia (zu Deutsch „Handlung“). Sie machte die Ukraine zu einem weltweiten Vorreiter im E-Government. Bürger konnten damit fast alle Behördengänge – vom digitalen Personalausweis über Firmengründungen bis zu Steuererklärungen – komplett papierlos auf dem Smartphone erledigen.
- Starlink und Drohnen-Allianz: Unmittelbar nach dem russischen Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 sorgte Fedorow dafür, dass Elon Musks Satelliten-Netzwerk Starlink im Land freigeschaltet wurde, um die Kommunikation von Zivilisten und Militär zu sichern. Er initiierte zudem die „Army of Drones“, ein massives Crowdfunding- und Entwicklungsprogramm für militärische Drohnen.
2. Der Verteidigungsminister (Januar 2026 – Juli 2026)
Aufgrund seiner Erfolge bei der militärischen Digitalisierung ernannte Präsident Selenskyj ihn im Januar 2026 zum neuen Verteidigungsminister der Ukraine. Auch in diesem Amt war er der jüngste Ressortchef der ukrainischen Geschichte.
In seiner nur halbjährigen Amtszeit setzte er auf tiefgreifende technologische Reformen in der Armee:
- Er forcierte den massiven Ausbau der heimischen Drohnenproduktion und den Aufbau unbemannter Systeme.
- Er kämpfte vehement gegen die tief sitzende Korruption innerhalb des Verteidigungsministeriums.
- Er versuchte, unpopuläre Militärpraktiken wie die gewaltsame Zwangsmobilisierung auf der Straße zu beenden und die Bedingungen und Gehälter für Frontsoldaten drastisch zu verbessern.
3. Jüngste Entwicklungen (Juli 2026)
Mitte Juli 2026 kam es zu einem politischen Paukenschlag: Präsident Selenskyj entließ Fedorow im Zuge einer größeren Kabinettsumbildung aus seinem Amt.
Hintergrund der Entlassung ist ein schwerer, monatelanger Konflikt mit dem Oberbefehlshaber der Streitkräfte, Oleksandr Syrskyj. Fedorow stieß mit seinen modernen, technologieorientierten Reformansätzen immer wieder auf den Widerstand der traditionellen, postsowjetisch geprägten Militärführung. Zudem wurden ihm politische Ambitionen auf das Präsidentenamt nachgesagt, was das Verhältnis zu Selenskyj abgekühlt haben soll.
Fedorows Entlassung löste in der Ukraine und unter Militärbeobachtern heftige Reaktionen aus. In Kiew und anderen Städten kam es zu Protesten der Bevölkerung, die seine Rückkehr forderten. Er hinterlässt eine weitreichend reformierte und modernisierte Armeeinfrastruktur, während sein politischer Weg in der Ukraine vorerst offen bleibt.









