Kahlschlag im Wald Gefahr für den Rehbach?
Fachartikel auf Grundlage von Sachstandsberichten zusammengetragen vom Recherche-Team NACHRICHTEN REGIONAL
Es liegt auf der Hand, sagt Günter Moses, mit dem NACHRICHTEN REGIONAL gestern kommuniziert hat: „Statt genehmigte 900 Bäume zu roden wurde dies illegal auf 9 000 Bäume ausgeweitet“. Das sei lesbar und im Gelände sichtbar ebenso an den fehlenden Hinweisen auf Abwasser aus 6 Klärwerken ohne 4. Klärstufe. Das sei fahrlässig, erklärt Moses und er weiß von was er spricht. Denn schon jahrelang verfolgt er die Planungen der „Rehbachverlegung“. „Die fehlenden Baumschatten fördern gerade in diesen Wochen die Wasserverdunstung stark“, sagt er. Die Menschen machen sich nicht nur Sorgen um den Rehbachverlauf, sondern auch um die Dürre im Wald. Der in den neunziger Jahren errichtete 240 m Trinkwasserbrunnen im Wald sei weiterhin eingezäunt. „Der Brunnen mitten im Wald war nicht gefährdet im Gegenesatz zum jetzt nahe vorbeifließenden Rehbach mit Abwässer von 6 Klärwerken. Die ca. 100 m tiefen Brunnen im Benzenloch sind im Nahbereich eines Militärfeldflugplatzes von Wehrmacht und franz. Armee mit Tiefenwasserlauf in Richtung Brunnen“, ergänzt Moses. Wie von vielen Kritikern zu hören war, habe von der Rehbachverlegung lediglich der Pfälzer Pferderennverein profitiert.

Foto: Günter Moses
Recherche · Hochwasserschutz , Vereinspolitik, Steuergeld
Die öffentliche Hand finanzierte dem privaten Pfälzischen Rennverein Haßloch eine neue Pferdetrainingsbahn für rund eine halbe Million Euro. Offiziell war das ein Folgeschaden der Rehbachverlegung. Intern klang es anders. Projektleiter Dr. Burkhardt Döll sagte 2021 vor dem Gewässerzweckverband: „Der Pferderennverein wurde durch die Rehbachverlegung gerettet“.
Am südöstlichen Rand von Haßloch liegt eine der letzten Waldrennbahnen Deutschlands. Kiefern, ein sandfarbenes Oval, gelegentlich Galopp. Dazwischen, zwischen Geläuf und der Landesstraße 529 zur Holiday-Park-Straße, verlief jahrelang die Trainingsbahn des Pfälzischen Rennvereins: eine langgezogene Acht im Wald. Genau dort sollte ein neuer Rehbach durch. Und genau dort beginnt eine Geschichte darüber, wie aus einer planfestgestellten Bachunterquerung für 50 000 bis 60 000 Euro eine dauerhafte Sandtrainingsbahn für einen privaten Verein wurde – bezahlt von der öffentlichen Hand, eingebettet in ein millionenschweres Gewässerprojekt, entschieden in einer Konstellation, in der Landrat und Bürgermeister zugleich das Präsidium des begünstigten Vereins bildeten.
Der Kreisausschuss Bad Dürkheim vergab den Neubau am 3. Dezember 2019 für 407 940 Euro brutto. Einschließlich Planung und zusätzlicher Vereinszuschüsse liegt der öffentliche Aufwand in der von Kritikern genannten Größenordnung von rund 500 000 Euro.134 Die Rheinpfalz berichtete zeitnah und nüchtern: 1800 Meter neue Bahn im Inneren des Hippodroms, damit eine Brücke des Rehbach-Projekts entfallen könne.4 Was in dieser Meldung fehlt, steht in den Akten der Bürgerinitiative und in einem Satz, den Projektleiter Dr. Burkhardt Döll 2021 vor der Verbandsversammlung des Gewässerzweckverbandes Speyerbach-Rehbach gesagt haben soll.
„Der Pferderennverein wurde durch die Rehbachverlegung gerettet“
Dr. Burkhardt Döll, Projektleiter der Kreisverwaltung, 2021 vor dem Gewässerzweckverband Speyerbach-Rehbach. Überliefert durch Günter Moses, Wochenblatt-Reporter, Januar 2022.1. Verwaltungen sprechen selten so unverstellt. Der Satz kehrt das offizielle Begründungsverhältnis um. Nach außen lautete die Legitimation stets: Wir verlegen den Bach für Hochwasser und Natur; die Bahn ist ein unvermeidlicher Kollateralschaden, den wir möglichst günstig lösen. Dölls Formulierung sagt das Gegenteil: Das Gewässerprojekt hat den Verein gerettet.

Abbildung 1: Foto WIKIPEDIA (https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Rennbahn_Ha%C3%9Floch_-_panoramio.jpg)
Hasslocher Pferderennbahn idyllisch gelegen
Ein Bach wird verlegt, ein Verein sitzt daneben
Die Rehbachverlegung bei Haßloch ist der erste Abschnitt eines größeren Vorhabens unter dem Titel „Gewässerneuentwicklung mit integriertem Hochwasserschutz“. Offizielle Ziele: Schutz vor einem hundertjährlichen Hochwasser und Wiederherstellung der ökologischen Durchgängigkeit. Die Struktur- und Genehmigungsdirektion Süd planfeststellte die Maßnahme am 17. November 2015 (Az. 312-201 – Ha 1/14). Träger war der Landkreis Bad Dürkheim. Der Gewässerzweckverband Rehbach-Speyerbach bildet den verbandsrechtlichen Rahmen der Gewässerunterhaltung.712
Die Kostenschätzungen für diesen Abschnitt wanderten über die Jahre nach oben: von rund 2,9 bis 3,4 Millionen Euro (2013–2015) über 4,1 Millionen (2016) und 4,9 bis 5,1 Millionen (2018) bis in eine Größenordnung von rund sieben Millionen Euro. Das Land übernahm den Großteil über die Aktion Blau Plus. 2021 nannte die Rheinpfalz eine Landesbeteiligung von 80 Prozent, damals rund 6,9 Millionen Euro.910 Am 11. Dezember 2021 nahm Landrat Hans-Ulrich Ihlenfeld den neuen Lauf offiziell in Betrieb.8
Ob die Verlegung den versprochenen Hochwasserschutz liefert, ist seit Jahren streitig. Die Bürgerinitiative Bürgerengagement Haßloch e. V. verweist auf eine Aussage von Ralf Schernikau vom Umweltministerium Mainz in öffentlicher Gemeinderatssitzung, die Verlegung habe nur geringe bis keine Wirkung auf den Hochwasserschutz.2 Die Kreisverwaltung und Projektleiter Döll hielten am Wirkungsnachweis und an der Alternativlosigkeit fest. Dieser Streit betrifft das Gesamtprojekt. Er ist für die Trainingsbahn gleichwohl zentral: Die Bahn wurde als Folgekostenblock in eben diesem, öffentlich hoch geförderten Rahmen abgerechnet.
Die planfestgestellte Lösung war eine Unterquerung
2014 lag die Kreuzung auf dem Tisch, und sie war klein. Die wasserwirtschaftliche Planung und der spätere Planfeststellungsbeschluss sahen vor, den neuen Rehbach unter der bestehenden Trainingsstrecke zu führen: eine Verdolung als Kastenprofil, 29 Meter lang, rund 200 Kubikmeter Stahlbeton, Kostenansatz 50 000 Euro. Der Rennverein erklärte damals schriftlich, der Trainingsbetrieb könne bauzeitlich auf die Rennstrecke verlagert werden.3
2015 genehmigte die SGD Süd die gemeinsame Unterquerung der beiden aktiven Waldbahnen als liegenden Schacht, 29 Meter lang, fünf Meter breit. Günter Moses zitiert aus der wasserwirtschaftlichen Planung der Firma Francke & Knittel Fertigbauteile und eine kurze Bauphase für 60 000 Euro.1 Der neue Rehbachlauf – in den späteren Skizzen rot, 3,6 Kilometer durch den Wald – sollte die bestehende Bahn unterqueren. Der Pferdetrainingsbetrieb konnte in der Bauphase aufrechterhalten bleiben. Auch das hat der Verein bestätigt.1

Abbildung 2: Schematische Lage, nicht maßstäblich. Rot: geplanter neuer Rehbachlauf mit Kreuzung der alten Waldbahn. Beige: neue Sandbahn am Innenrand des Ovals. Die planfestgestellte Lösung war eine 29-Meter-Unterquerung – kein dauerhafter Vereinsneubau.
Ein Jahr später ändert sich die Sprache. Öffentlichkeit und Kreisgremien werden 2016 auf eine andere Entwicklung vorbereitet. Aus der Unterquerung wird in der Presse ein „Brückenbau“ mit 160 000 Euro.1 Der Wechsel der Vokabel ist kein Stilmittel. Eine Unterführung mit Fertigteilen ist ein kurzer Eingriff. Eine Brücke ist ein Bauwerk. Bauwerke dürfen teurer werden.
Doppelrolle: wer entschied, wer profitierte
Im Februar 2015 tritt die damalige Vereinsvorsitzende Heike Trautwein zurück. Kommissarisch übernehmen zwei CDU-Kommunalpolitiker: Haßlochs Ortsbürgermeister Lothar Lorch und Landrat Hans-Ulrich Ihlenfeld. Anfang 2016 wählt der Verein Lorch zum Präsidenten. Ihlenfeld bleibt einer von zwei Vizepräsidenten. Die Rheinpfalz deutet das als „deutliches Bekenntnis der Politik zum Galopprennsport in Haßloch“.6
Es ist mehr als ein Bekenntnis. Es ist eine Personalunion. Der Landrat ist politischer Chef des Maßnahmeträgers der Rehbachverlegung und zugleich Funktionär des privaten Nutznießers. Der Bürgermeister ist kommunaler Zuwendungsgeber und zugleich Vereinspräsident. In einem solchen Fall verlangt ordnungsgemäße Verwaltung mindestens drei Dinge: offene Offenlegung der Doppelrolle, eine Befangenheitsprüfung und einen belastbaren Wirtschaftlichkeitsvergleich, der erklärt, warum der Verein nicht selbst zahlt.
Genau diese drei Dinge sind in der öffentlichen Darstellung dünn. Die Bürgerinitiative Bürgerengagement Haßloch hat 2020 ausdrücklich moniert, dass Landrat und Bürgermeister als Präsident und Vizepräsident in zentralen Darstellungen nicht erwähnt wurden. „Wer würde da Böses denken?“, schrieb Barbara Schuster.2 Ob sich Ihlenfeld und Lorch in den konkreten Abstimmungen des Kreisausschusses förmlich enthalten haben, ist aus den ausgewerteten öffentlichen Quellen nicht zweifelsfrei belegt. Dass die Doppelrolle selbst ein Transparenzdefizit ist, schon.
Von der Unterquerung zur Vereinsbahn
Im September 2017 führt die Kreisverwaltung mit dem Rennverein „informative Gespräche“ an zwei Tagen und gewinnt Vereinsaktive für den Neubau einer Trainingsbahn statt der Unterquerung.1 Im Dezember legt der Landrat der SGD ein Angebot vor: Neubau einer Trainingsbahn im Rennoval für 131 950 Euro.1
Am 3. Februar 2018 nimmt der Kreisausschuss die Informationen „zur Kenntnis“. Die Verdolung kostet in dieser Darstellung bereits 260 000 Euro, die Verlegung der Bahn „nur“ 160 000 Euro. Und der Verein hat seine Haltung geändert. Eine alternative Trainingsmöglichkeit für die Bauphase sei zu schaffen, sonst sei der Betrieb „wirtschaftlich nicht darstellbar“.3 Vier Jahre zuvor hatte derselbe Verein das Gegenteil zu den Planfeststellungsakten gereicht.
Im Juni 2018 legt die LAUB Ingenieurgesellschaft den Fachbeitrag Naturschutz vor. Das Dokument ist die amtliche Begründung der Planänderung, und es ist ungewöhnlich deutlich. Das Ausführungskonzept sehe die Querung der bestehenden Pferdetrainingsbahn kurz vor der L 529 vor, heißt es dort. Im Bereich der Querung sei ein Brückenbauwerk geplant. Für den Zeitraum der baulichen Umsetzung müsste der Trainingsbetrieb eingestellt werden. „Da dies den Trainingsbetrieb des Pfälzischen Rennvereins Haßloch e. V. erheblich stören würde, wurde nach einer anderen Lösung gesucht.“7
Die andere Lösung: Verlegung an den Innenrand der Galopprennbahn. Der Trainingsbetrieb kann ohne längere Unterbrechung fortgeführt werden, das Brückenbauwerk entfällt. Die neue Sandbahn soll rund 1,7 Kilometer lang und vier Meter breit werden, als innerer Streifen der bestehenden Grasbahn. Diese Grasbahn, so der Fachbeitrag, werde täglich von fünf bis zehn Pferden genutzt.7 Die Bürgerinitiative zitiert aus demselben Zusammenhang die Angabe, die Pferde seien nur wenige Minuten auf der Bahn, über den Tag verteilt zehn bis fünfzehn Tiere, in der Summe rund eine Stunde täglich.2
Im Juli 2018 beantragt der Landrat als Bauherr den „Entfall des Durchlassbauwerkes“ und die Baugenehmigung für den Neubau. Im Oktober stimmt die SGD der Planänderung zu.1 Im Dezember erklärt Döll vor dem Kreis, der Verzicht auf das Brückenbauwerk reduziere die Kosten um 100 000 Euro auf 160 000 Euro.5 Die Zahl 160 000 Euro ist zu diesem Zeitpunkt bereits eine Konstante der öffentlichen Kommunikation. Sie überlebt das Jahr 2019 nicht.
Die Milchmädchenrechnung
Am 3. Dezember 2019 steht die Renaturierung des Rehbachs erneut auf der Tagesordnung des Kreisausschusses. Vergabegegenstand: Neubau einer Sandtrainingsbahn für Pferde. Auftragswert: 407 940 Euro brutto.34 Die Grünen-Fraktion lehnte nach Moses später die Gesamtkosten inklusive Planung – 522 000 Euro – ab.1
Der öffentlichen Darstellung zufolge ist das immer noch ein Geschäft. Denn die Alternative, so die Kreislinie, wäre teurer gewesen. Die Bürgerinitiative hat die Vergleichskalkulation rekonstruiert, die dem Ausschuss ihrer Darstellung nach nicht vorgelegt und laut Niederschrift auch nicht nachgefragt wurde: Baustelleneinrichtung 54 000 Euro, Durchlassbauwerk 352 500 Euro, provisorische Trainingsbahn und Rückbau 170 000 Euro – zusammen 576 500 Euro.3 In der Presse, so der Vorwurf, sei aus der 30-Meter-Verrohrung sogar eine Summe von mehr als 700 000 Euro geworden.2
Barbara Schuster hat diesen Vergleich 2020 in ein Bild gefasst, das seither durch die Haßlocher Debatte geht: Ein Einfaltspinsel bestellt ein Auto für 50 000 Euro. Kurz vor der Auslieferung eröffnet ihm der Vorgaukler, es werde einschließlich aller Nebenkosten 700 000 Euro übersteigen. Aber alternativ gebe es eine andere Karosse für rund 400 000 Euro. Der Einfaltspinsel klatscht in die Hände und freut sich über 300 000 Euro Ersparnis. Der Vorgaukler über den gelungenen Coup. „So ähnlich geschehen im Kreistag zum Thema Rehbachbrücke und Trainingsbahn für den Rennverein.“2
Der Trick der Darstellung ist einfach und wirksam. Man vergleicht nicht die ursprünglich genehmigte, billige Lösung mit der später gebauten teuren. Man vergleicht eine zwischenzeitlich hochgerechnete Brücke-plus-Provisorium mit der neuen Vereinsbahn. Dann sieht die Bahn wie eine Ersparnis aus. Rechnet man gegen die Planfeststellung von 2014, ergibt sich keine Ersparnis, sondern eine Steigerung um das Sieben- bis Achtfache.
Die Zahlenwanderung im Überblick
| Stand / Quelle | Variante | Betrag |
| Planung / Planfeststellung 2014 | Verdolung Kastenprofil, 29 m | 50 000 € |
| Francke & Knittel 2015, zit. Moses | Fertigteil-Unterführung, 29 × 5 m | 60 000 € |
| Presse / Kreisgremien 2016 | plötzlich „Brückenbau“ | 160 000 € |
| Angebot Landrat an SGD, Dez. 2017 | Neubau Trainingsbahn im Oval | 131 950 € |
| Kreisausschuss, 3. Februar 2018 | Verdolung jetzt / Bahnverlegung „nur“ | 260 000 / 160 000 € |
| Döll vor dem Kreis, Dezember 2018 | Verzicht auf Brücke, Bahn koste | 160 000 € |
| Vergleichskalkulation, BI zufolge nicht vorgelegt | Baustelle + Durchlass + Provisorium | 576 500 € |
| Kreisdarstellung in der Presse, laut BI 2020 | 30-m-Verrohrung angeblich | > 700 000 € |
| Kreisausschuss, 3. Dezember 2019 | Vergabe Sandtrainingsbahn, brutto | 407 940 € |
| Moses 2022, einschließlich Planung | neue Bahn mit Planungskosten | 522 000 € |
| Gemeinde Haßloch, laut BI | zusätzlicher Vereinszuschuss (Richtwert 12 500) | 36 400 € |
| Sportbund Pfalz, laut BI | weitere Beteiligung | 22 000 € |
Tabelle: Veröffentlichte und von Bürgerinitiative bzw. Lokalpresse zitierte Beträge. Nicht jede Zahl ist amtlich im Wortlaut gegengeprüft; gerade deshalb ist ihr Auseinanderlaufen selbst ein Befund. Ein vom Kreis vorgelegter, lückenloser Wirtschaftlichkeitsvergleich der Ursprungsvariante 2014 gegen die gebaute Variante 2019 ist in den ausgewerteten Quellen nicht erkennbar.
Zusätzlich, so die Bürgerinitiative, erhielt der Rennverein von der Gemeinde Haßloch einen Vereinszuschuss von 36 400 Euro – abweichend von Punkt 1.7.5 B der Richtlinie zur Förderung der Vereine, nach der bezogen auf die Mitgliederzahl 12 500 Euro zustünden. Der Sportbund Pfalz beteiligte sich mit 22 000 Euro.2 Schuster fragt, ob künftig alle Vereine im Landkreis so hoch gefördert würden, „insbesondere die, die im Gegensatz zum Rennverein eine gute, umfangreiche und für die Eltern bezahlbare Jugendförderung anbieten“.
Bei einer angenommenen Bauzeit von acht Wochen und 180 000 Euro für ein Provisorium errechnet die Initiative 3550 Euro je Trainingsstunde.2 Die Rechnung ist polemisch zugespitzt. Sie trifft gleichwohl einen sachlichen Punkt: Eine öffentliche Halbmillion für eine Bahn mit einstündiger Tagesnutzung verlangt eine Begründung, die über Vereinswohl hinausgeht.
Was die Verwaltung entgegenhält
Die Kreisverwaltung und der Fachbeitrag Naturschutz begründen die Planänderung im Kern mit vier Argumenten. Sie sind nicht gegenstandslos.
Erstens der Baustopp. Während der Arbeiten am Brücken- oder Durchlassbauwerk könne an der alten Waldbahn nicht trainiert werden. Das störe die Saisonvorbereitung erheblich.7
Zweitens der Entfall eines Querbauwerks. Wandert die Bahn ins Oval, braucht der neue Rehbach an dieser Stelle keine Brücke. Das verbessert die Durchgängigkeit des Gewässers – ein Ziel der europäischen Wasserrahmenrichtlinie und der Aktion Blau Plus.7
Drittens die Kosten. Döll und die Kreisverwaltung präsentierten die Bahnverlegung als die billigere Variante gegenüber Brücke plus bauzeitlichem Ersatz. Die Rheinpfalz berichtete im Oktober 2019 genau in diesem Frame: Der Kreisausschuss vergebe die Arbeiten für rund 408 000 Euro, damit eine Brücke entfallen könne. Die Kreisverwaltung sei im Vorjahr mit der Frage auf den Verein zugekommen, ob eine Verlegung vorstellbar sei.4
Viertens Natur und Rückbau. Die neue Bahn beanspruche nur den inneren, bereits gemähten Grasstreifen. Gesetzlich geschützte Biotope im Oval – Calluna-Heide, Pfeifengraswiese, Borstgrasrasen nach § 30 Bundesnaturschutzgesetz – würden nicht tangiert. Die alte Waldbahn werde zurückgebaut. Artenschutzrechtlich relevant sind im Oval unter anderem Neuntöter, Schwarzkehlchen, Wendehals, Wiedehopf und Baumpieper. Der Fachbeitrag hält Verbotstatbestände bei Einhaltung der Schutzmaßnahmen für vermeidbar.7
Ein Querbauwerk weniger ist ökologisch ein Vorteil. Eine Sandbahn im bereits genutzten Oval ist kein Waldverlust. Wer nur die hydraulische Optimierung betrachtet, kann die Variante verteidigen. Sie trägt die Entscheidung aber nicht allein. Denn der Verein hatte 2014 selbst geschrieben, das Training könne auf die Rennstrecke. Ein Bauzeitprovisorium auf dem eigenen Geläuf hätte den Durchlass nicht „wirtschaftlich nicht darstellbar“ gemacht. Und eine Unterquerung mit Fertigteilen war 2015 mit kurzer Bauzeit kalkuliert. Das spätere Narrativ – ohne neue Bahn kein Training, ohne neue Bahn eine 700 000-Euro-Brücke – entsteht erst, nachdem Kreisverwaltung und Vereinspräsidium sich 2017 auf den Neubau verständigt haben.
Die Förderkulisse und der Zweck
Aktion Blau Plus finanziert Gewässerentwicklung und Hochwasserschutz, keine Sportstätten. Zulässig wäre eine Bahnfinanzierung aus diesem Topf allenfalls als unabweisbare Folgekosten der Gewässermaßnahme. Je weiter der Kostenansatz der Unterquerung nach oben wanderte, desto unabweisbarer wirkte die Bahn. Das ist der archimedische Punkt einer möglichen Förderprüfung.
Die Grünen Haßloch haben bereits 2018 die Förderfähigkeit der gesamten Rehbachverlegung angegriffen: hohe Laufmeterkosten, geringe Verbesserung der Strukturgüte, unzureichend bewertete Naturschutzverluste, fehlende Eigentümerzustimmung an der Obermühle.11 Die Trainingsbahn ist in dieser Lesart keine Ausnahme, sondern ein weiteres Beispiel dafür, dass das Projekt teurer und zweckfremder wurde, als es die Förderkulisse nahelegt. Moses berichtete 2023 außerdem, eine als Ausgleich ausgewiesene Biotopkatasterfläche im Oval sei im Dezember 2021 „umgepflügt“ worden.1 Das steht in Spannung zum Versprechen, die wertgebenden Flächen blieben unberührt.
Kommunales Haushaltsrecht in Rheinland-Pfalz verpflichtet Kreis und Gemeinde, Mittel sparsam und nur für Aufgaben zu verwenden, die in ihrer Zuständigkeit liegen. Eine dauerhafte Vereinsanlage ist keine notwendige Folge eines Gewässerausbaus, wenn eine genehmigte, wesentlich billigere Kreuzung existierte und der Verein selbst eine bauzeitliche Ausweichlösung angegeben hatte. Die SGD Süd durfte 2018 eine Planänderung zulassen. Das heilt nicht die vorgelagerte politische Frage, ob der Landkreis als Träger diese Änderung im Interesse der Allgemeinheit beantragen durfte, während sein Landrat den Verein mitführte.
Was der Satz bedeutet
Dass der Trainingsbetrieb in der Bauphase aufrechterhalten bleiben konnte, ist wahr. Es war aber schon 2014 wahr – ohne neue Bahn. Die Rettung, von der Döll 2021 sprach, besteht nicht darin, dass Pferde weiter laufen konnten. Sie besteht darin, dass der Verein eine dauerhafte, öffentlich bezahlte Sandbahn im Oval erhielt und die alte Waldstrecke loswurde.
Technisch ist die Verlegung der Bahn ins Oval eine mögliche Lösung einer Kreuzung. Sie kann ein Querbauwerk sparen. Das allein macht sie nicht zur Pflicht. Fiskalisch ist die Geschichte eine Lehrstück-Kostenwanderung: Die billige, genehmigte Variante wird sprachlich zur Brücke, zahlenmäßig zum teuren Durchlass, politisch zur Ersparnis – und endet als halbe Million für einen privaten Nutznießer. Solange der Kreis den Ursprungsvergleich nicht offenlegt, bleibt der Vorwurf der Desinformation im Raum.
Politisch ist der Fall belastet. Maßnahmeträger und Vereinspräsidium waren personenidentisch. Genau in dieser Konstellation wurde aus einer Unterquerung ein Vereinsgeschenk. Dölls Satz bestätigt, dass intern so gedacht wurde. Eine öffentliche Hand, die so handelt, verwechselt Heimatpflege mit einer Vermischung von Amt und Verein. Das ist nicht notwendig eine Straftat. Es ist ein Bruch der Trennung, auf die kommunale Selbstverwaltung angewiesen ist.
Ob der Vorgang den Tatbestand der Untreue, einer unzulässigen Beihilfe oder eines Fördermittelverstoßes erfüllt, kann nur eine prüfende Instanz klären: der Rechnungshof Rheinland-Pfalz, die Kommunalaufsicht, die Förderstelle der Aktion Blau Plus, gegebenenfalls die Staatsanwaltschaft. Der Sachverhalt ist hinreichend dokumentiert, um eine solche Prüfung zu rechtfertigen. Die Bürgerinnen und Bürger des Landkreises Bad Dürkheim und die Steuerzahler des Landes haben Anspruch darauf, zu erfahren, warum ein privater Rennverein aus einem Bachbau gerettet werden musste.
Was bis heute offen ist
Ein vollständiger Rechenschaftsbericht der Kreisverwaltung zu diesem Teilprojekt ist in den ausgewerteten Unterlagen nicht enthalten. Unerlässlich wären der lückenlose Wirtschaftlichkeitsvergleich 2014 gegen 2017 bis 2019; die Begründung, warum die Vereinsaussage von 2014 2018 nicht mehr galt; die Frage, ob und wie Landrat und Bürgermeister ihre Vereinsämter in den Sitzungen offengelegt und sich enthalten haben; der Anteil von Aktion-Blau-Plus-, Kreis- und Gemeindemitteln an den 407 940 Euro; ob der Verein einen Eigenanteil, eine Nutzungsentschädigung oder eine Rückfallklausel vereinbart hat; der tatsächliche Endpreis inklusive Planung, Bauüberwachung, Rückbau der Waldbahn und Ausgleich; sowie der Zustand der geschützten Biotope im Oval nach Bau und nach den 2023 beschriebenen Eingriffen.
Quellen und Anmerkungen
Hochgestellte Ziffern im Text verweisen auf die folgenden Belege. Ausgewertet wurden öffentlich zugängliche Verwaltungsunterlagen, Lokalberichterstattung und Darstellungen der Bürgerinitiative. Paywalled Rheinpfalz-Artikel sind über frei sichtbare Vorspänne und Zweitüberlieferungen zitiert. Wo Zahlen nur von Kritikern überliefert sind, ist das im Text gekennzeichnet. Der Artikel erhebt keinen strafrechtlichen Vorwurf.
1 Günter Moses: „Landkreis rettet Privatverein“ / „Pferderennverein wird gerettet“, Wochenblatt-Reporter, 2.–4. Januar 2022. Enthält das Döll-Zitat von 2021, die Chronologie 2015–2019 (informative Gespräche, Angebot 131 950 Euro, Planänderung, 522 000 Euro inklusive Planung) und den Hinweis auf spätere Eingriffe ins Oval. https://www.wochenblatt-reporter.de/bad-duerkheim/c-lokales/landkreis-rettet-privatverein_a342266 sowie https://www.wochenblatt-reporter.de/hassloch/c-lokales/pferderennverein-wird-gerettet_a341765
2 Barbara Schuster / Bürgerengagement Haßloch e. V.: „Respekt verdient, wer respektvoll mit anderen umgeht“, Wochenblatt-Reporter, 23. Juni 2020; sowie die Dokumentation auf der Vereinsseite (Stand 9. April 2020). Doppelrolle Ihlenfeld/Lorch, Zuschüsse 36 400 und 22 000 Euro, Nutzungsangabe rund eine Stunde täglich, Vorwurf der 700 000-Euro-Darstellung, Aussage Schernikau zum Hochwasserschutz https://www.wochenblatt-reporter.de/hassloch/c-lokales/respekt-verdient-wer-respektvoll-mit-anderen-umgeht_a191905 sowie https://www.buergerengagement-hassloch.de/informieren/rehbachverlegung-1
3 Bürgerengagement Haßloch: „Das Milchmädchen aus Bad Dürkheim oder wie man 700 % teurer baut“, Wochenblatt-Reporter, 14. März 2020. Chronologie 50 000 → 260 000 / 160 000 → Vergabe 407 940 Euro am 3. Dezember 2019; nicht vorgelegte Vergleichskalkulation 54 000 + 352 500 + 170 000 Euro; Vereinsaussage 2014 (Training auf die Rennstrecke) und 2018 (wirtschaftlich nicht darstellbar). https://www.wochenblatt-reporter.de/hassloch/c-lokales/zahlen-hasslocher-buergerinnen-die-mehrkosten_a180343
4 Rheinpfalz: „Haßloch: Neue Trainingsstrecke der Rennbahn wird teurer“, 1. Oktober 2019. Bestätigt die Vergabe für rund 408 000 Euro, Länge 1800 Meter, Initiative der Kreisverwaltung und den Entfall einer Brücke. https://www.rheinpfalz.de/lokal/neustadt_artikel,-hassloch-neue-trainingsstrecke-der-rennbahn-wird-teurer-_arid,1523271.html
5 Rheinpfalz: „Rehbachverlegung wird deutlich teurer“, 5. Dezember 2018. Döll: Pläne für die Bahnverlegung fertig; Verzicht auf die Brücke reduziere die Kosten um 100 000 auf 160 000 Euro. https://www.rheinpfalz.de/lokal/neustadt/artikel/rehbachverlegung-wird-deutlich-teurer
6 Rheinpfalz: „Rennverein wieder auf Trab gebracht“, 27./28. Januar 2016. Lorch Präsident, Ihlenfeld Vizepräsident; beide führten den Verein seit Februar 2015 kommissarisch.
7 LAUB Ingenieurgesellschaft mbH: Fachbeitrag Naturschutz mit integrierter artenschutzrechtlicher Betrachtung, „Errichtung einer neuen Trainingsbahn auf dem Gelände der Pferderennbahn Haßloch“, Kaiserslautern, 28. Juni 2018. Anlass und Variantenwechsel, 1,7 km × 4 m, fünf bis zehn Pferde täglich, Schutzgebiete und Biotope. Veröffentlicht von der Kreisverwaltung Bad Dürkheim. https://www.kreis-bad-duerkheim.de/buergerservice-1/leistungen/RLP:entry:210157/integrierter-hochwasserschutz-rehbach
8 Kreisverwaltung Bad Dürkheim: Pressemitteilung „Rehbach – Inbetriebnahme des neuen Bachlaufs“, 11. Dezember 2021. Offizielle Freigabe; Bauabschnitt 2021 für rund 3,9 Millionen Euro vergeben. https://www.kreis-bad-duerkheim.de/aktuelles/presse/pressemeldungen/2021/dezember/rehbach-inbetriebnahme-des-neuen-bachlaufs
9 Wochenblatt-Reporter: „Erster Spatenstich für Rehbachverlegung vollzogen“, 3. Dezember 2019. Kostenentwicklung 4,1 → 4,9 Millionen Euro, Aufstockung der Aktion Blau Plus, Brückenpaket 1,2 Millionen Euro. https://www.wochenblatt-reporter.de/hassloch/c-lokales/wasser-fliesst-2021_a149011
10 Rheinpfalz: „Rehbachverlegung: Start des letzten Bauabschnitts“, 5. Mai 2021. 3,6 Kilometer neuer Lauf, Landesanteil 80 Prozent, rund 6,9 Millionen Euro. https://www.rheinpfalz.de/lokal/kreis-bad-duerkheim_artikel,-rehbachverlegung-start-des-letzten-bauabschnitts-_arid,5200330.html
11 Bündnis 90/Die Grünen Haßloch: Stellungnahme zum Prüfbericht des Landesamts für Umwelt zur Förderfähigkeit der Rehbachverlegung, 20. Mai 2018.
12 Gemeinde Böhl-Iggelheim / UVP-Verbund: Planfeststellungsunterlagen zur späteren Rehbachverlegung Böhl-Iggelheim (anderer Abschnitt, Träger Gewässerzweckverband Rehbach-Speyerbach). Belegt den verbandsrechtlichen Rahmen und die Fortsetzung des Gesamtvorhabens. https://www.uvp-verbund.de/trefferanzeige?docuuid=dc2d7dc5-8bde-4d19-973d-052bef616230 sowie https://www.boehl-iggelheim.de/gv_boehl_iggelheim/Aktuelles/Rehbachverlegung
13 Pfälzischer Rennverein Haßloch e. V., Impressum (aktueller Stand): Präsident heute Christian Keller. Die Doppelrolle Ihlenfeld/Lorch bezieht sich auf den Entscheidungszeitraum 2015–2020. https://www.rennverein-hassloch.de/impressum
Hinweis zur Methode. Dieser Artikel stützt sich auf den Sachstandsbericht „Öffentliche Hand finanziert einem privaten Verein eine neue Pferdetrainingsbahn“ (11. August 2026) und die dort ausgewerteten Primärquellen. Er ist ein journalistischer Text, keine anwaltliche Prüfung und keine Aussage über strafrechtliche Schuld. Abbildung 2 ist ein schematischer Lageplan, nicht maßstäblich.











