Systematische Doppelmoral in der CDU/CSU – Die Lüge einer Leihmutterschaft? – Und die Affäre um Philipp Amthor – Kommentar von Karin Hurrle
Die CDU/CSU versteht sich als Wertepartei der Mitte – als Hüterin von Anstand, Moral und bürgerlicher Tugend. Doch eine Reihe von Vorfällen der vergangenen Jahre zeigt ein anderes Bild: Immer wieder fordern Unionspolitiker von anderen Transparenz und moralische Integrität, während sie selbst in denselben Bereichen genau das Gegenteil praktizieren. Der Begriff „Doppelmoral“ fällt in der politischen Berichterstattung in Zusammenhang mit der Union auffällig häufig. Dieser Artikel dokumentiert die wichtigsten Fälle – belegt durch verfügbare Quellen.
Jens Spahn: Verbotene Leihmutter – für andere, für sich selbst eine Option
Am 18. Juli 2026 berichtete die Deutsche Welle über einen Fall, der die Debatte über Doppelmoral in der CDU auf einen neuen Höhepunkt trieb: Unionsfraktionschef Jens Spahn und sein Ehemann Daniel Funke waren mit Hilfe einer Leihmutter in den USA Eltern geworden – obwohl die CDU sich erst wenige Monate zuvor auf ihrem Bundesparteitag in Stuttgart eindeutig gegen jede Form von Leihmutterschaft positioniert hatte.
Der Parteitagsbeschluss vom Februar 2026 lautete unmissverständlich: „Angesichts ethischer, rechtlicher und praktischer Bedenken gegenüber Leihmutterschaft bekräftigt die CDU Deutschlands ihre Forderung, Leihmutterschaft – auch in altruistischen Modellen – in Deutschland weiterhin zu verbieten, um Missbrauch, Ausbeutung und gesundheitliche Risiken zu verhindern“ — CDU-Bundesparteitag Stuttgart, Februar 2026
Selbst das altruistische Modell – bei dem eine Verwandte unentgeltlich ein Kind austrägt – wurde abgelehnt. Dennoch nutzte der eigene Fraktionschef die in den USA legalen Möglichkeiten einer kommerziellen Leihmutterschaft. Die Reaktionen in der eigenen Partei waren vernichtend.
Spahn habe sich „in voller Absicht über in Deutschland geltendes Recht hinweggesetzt“ und nehme „für sich in Anspruch, als Privatperson ganz anders handeln zu können, als er als CDU-Mandatsträger abstimmt.“ — Marion Rosin, Landesvorsitzende der Frauen-Union Thüringen. Er sei „schockiert“ — Hubert Hüppe, Vorsitzender der Senioren-Union (Focus)
Die Deutsche Welle bezeichnete den Fall in ihrer Berichterstattung offen als „Ein Fall von Doppelmoral?“ – eine Frage, deren Entbehrlichkeit sich nach Lektüre der Fakten von selbst erklärt. [1]
Die Maskenskandale: „Wir stehen vor einer Zäsur“
Im Frühjahr 2021 erschütterte eine Serie von Korruptionsskandalen die Unionsfraktion im Bundestag. Innerhalb weniger Tage mussten gleich drei Abgeordnete ihre Fraktion verlassen:
Georg Nüßlein (CSU): Der damalige Unionsvizevorsitzende soll 600.000 Euro Provision für die Vermittlung von Schutzmasken erhalten haben. Unionsfraktionschef Ralph Brinkhaus nannte sein Verhalten „einfach unmoralisch“ und forderte ihn zum Mandatsverzicht auf. [8]
Nikolas Löbel (CDU): Über seine Projektmanagement-Firma vermittelte der Mannheimer Abgeordnete Maskengeschäfte und kassierte 250.000 Euro Provision. In einer E-Mail, in der er sich als Bundestagsabgeordneter vorstellte, setzte er 0,12 Euro Provision pro Maske in Rechnung. [2]
Mark Hauptmann (CDU): Er hatte seinen Wahlkreis über ein Anzeigenblatt finanziert, das vom aserbaidschanischen Regime mitfinanziert wurde.
Was die Serie zum Lehrstück über Doppelmoral machte: Die CDU/CSU hatte jahrelang im Bundestag jedes Reformvorhaben für mehr Transparenz bei Nebeneinkünften und Lobbyismus blockiert – von der Einführung eines Lobbyregisters bis zur genauen Offenlegung von Nebeneinkünften. Erst die eigenen Skandale erzwangen die Wende. Die CDU hat immer wieder Reformvorstöße abgeblockt – bis jetzt. — Die Zeit, 18. März 2021 [5]. Die mangelnde Transparenz in Bundestag und Parteien hätte längst beseitigt werden können, wenn die Unionsfraktion als größte politische Kraft dies gewollt hätte. — Süddeutsche Zeitung, 6. April 2021 [6]
Auch der Umgang mit dem damaligen Gesundheitsminister Jens Spahn war bemerkenswert. Er hatte persönlich Maskendeals eingefädelt, unter anderem mit der E-Mail: „Jetzt will ich rechtlich verbindlich das Zeug ;-)“ – ein Schaden in Milliardenhöhe entstand dem Steuerzahler. Die Generalstaatsanwaltschaft Berlin sah „keine zureichenden Anhaltspunkte für das Vorliegen einer Straftat.“ Spahn wurde wenig später zum Unionsfraktionschef gewählt. [7]
Philipp Amthor: Gegen Transparenz lobbyieren – und sich selbst bereichern
Einer der instruktivsten Fälle von Doppelmoral in der jüngeren CDU-Geschichte ist die Affäre um Philipp Amthor. Der junge CDU-Abgeordnete hatte im November 2019 im Bundestag ein Transparenzgesetz der Grünen abgelehnt: „Klingt gut, ist aber ein Beispiel für grüne Wohlfühl-Etikettierung.“
— Philipp Amthor im Bundestag, November 2019. Was er verschwieg: Amthor arbeitete selbst als Lobbyist für das New Yorker Unternehmen Augustus Intelligence – und hatte offenbar persönlich von dieser Tätigkeit profitiert, unter anderem durch Aktienoptionen und einen Direktorenposten. Erst nach monatelangem öffentlichem Druck räumte er „Fehler“ ein. [3]. Die Organisation LobbyControl forderte als Konsequenz striktere Regeln gegen Interessenkonflikte. Bemerkenswert: Erst nach dem öffentlichen Druck durch die eigene Affäre stimmte die CDU einem Lobbyregister zu – einem Vorhaben, das sie zuvor jahrelang blockiert hatte. [4]. Der Fall Amthor offenbart „nicht nur Schwächen der CDU, sondern auch, dass die Transparenzpflichten im Bundestag bei Weitem nicht ausreichen“ — Süddeutsche Zeitung [3]
Cannabis versus Oktoberfest: Doppelmoral im Maßkrug
Die Cannabis-Legalisierung wurde 2024 in Deutschland umgesetzt. Die ersten Evaluationen zeigten positive Ergebnisse: weniger Straftaten, stabile Verkehrssicherheit, kein Anstieg beim Jugendkonsum. Dennoch mobilisierte die CDU/CSU scharf gegen die Legalisierung. Besonders Alexander Hofmann (CSU) warnte wiederholt vor einem „Anstieg von Suchttendenzen bei Jugendlichen“ und „gefährlichen Verkehrsunfällen“ – ohne die vorliegenden Daten zu berücksichtigen, die das Gegenteil belegten. [11]. Die Doppelmoral zeigt sich im Kontext: Die gleiche Partei, die Cannabis als „Gefahr“ für die Gesellschaft einstuft, feiert traditionell den massenhaften Alkoholkonsum auf dem Oktoberfest. Alkohol ist nachweislich eine der gefährlichsten Drogen überhaupt und verursacht nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung jährlich über 74.000 Todesfälle in Deutschland. Wenn er jedoch in Maßkrugen serviert wird, scheint dies im politischen Kalkül der Union kein Problem darzustellen.
Doppelstandards bei der NGO-Förderung
In einer kleinen Anfrage (Drucksache 20/15035) mit bemerkenswerten 551 Fragen stellte die CDU/CSU kurz vor der Bundestagswahl 2025 die politische Neutralität staatlich geförderter Organisationen infrage – und nahm dabei gezielt NGOs wie Correctiv, die Deutsche Umwelthilfe und „Omas gegen Rechts“ ins Visier. [12]. Das Timing war bezeichnend: Die Anfrage wurde bewusst vor der Bundestagswahl lanciert – als politische Inszenierung, nicht als sachliche Klärung. Der Vorwurf lautete, die Ampelregierung fördere „linke NGOs“ mit Steuergeldern. Die Doppelmoral liegt auf der Hand: Die CDU/CSU hinterfragt die Neutralität nur bei ihr unliebsamen Organisationen – nicht jedoch bei wirtschaftsnahen oder konservativen Thinktanks. Wer politische Neutralität fordert, sollte dies konsistent tun und nicht nur als Waffe gegen unbequeme Kritiker einsetzen. [12]
Vorwurf: CDU kritisiert Praktiken, die sie selbst nutzt
Im März 2026 warf SPD-Generalsekretär Gregory Scholz der CDU Rheinland-Pfalz vor, kurz vor der Landtagswahl einen Skandal zu konstruieren, den es nicht gebe. Die CDU hatte kritisiert, dass die SPD beurlaubte Beamte im Wahlkampf einsetze.„Offenbar ist die CDU so sehr auf Stimmungsmache aus, dass sie nicht einmal hinterfragt, wie sie es selbst handhabt. Dabei ist es völlig üblich, dass in der CDU-Parteizentrale beurlaubte Beamte arbeiten, bis hin zum aktuellen Büroleiter von Bundeskanzler Friedrich Merz.“ — Gregory Scholz, SPD-Generalsekretär, 10. März 2026 [13]. SPD-Rheinland-Pfalz betonte, dass für die Dauer der Beurlaubung eine Ausgleichszahlung ans Land erfolge und dem Land kein finanzieller Nachteil entstehe – eine gängige Praxis, die auch die CDU selbst nutze.
Friedrich Merz: Millionär gegen Vermögenssteuer
Bundeskanzler Friedrich Merz gilt als einer der reichsten aktiven Politiker Deutschlands. Seine CDU lehnt eine Wiedereinführung der Vermögenssteuer konsequent ab. Merz behauptete sogar im ARD-Sommerinterview, das Grundgesetz lasse eine Vermögenssteuer nicht zu. Dies ist, wie Juristen und die Redaktion der ver.di-Zeitschrift „publik“ feststellten, schlicht falsch: Artikel 106 des Grundgesetzes benennt die Vermögenssteuer ausdrücklich als Einnahmequelle des Staates. [14]. Gleichzeitig planten Merz und die CDU-geführte Koalition Entlastungen für Spitzenverdiener: Streichung des Solidaritätszuschlags, später greifender Spitzensteuersatz, höhere Erbschaftsteuer-Freibeträge. Die Kampagne Campact stellte die Frage: „Macht Friedrich Merz Deutschland gerechter?“ – und kam zu dem Ergebnis: „Von seinen Plänen würden vor allem ohnehin schon reiche Menschen profitieren.“ [15]
Im April 2026 vollzog Merz eine bemerkenswerte Kehrtwende und öffnete sich gegenüber dem Spiegel für eine Erhöhung der Reichensteuer auf 47,5 Prozent – verbunden mit der Bedingung, den Solidaritätszuschlag abzuschaffen. Die Zeit kommentierte den Schritt als Ausdruck einer politischen Richtungsänderung, die bei seinem wirtschaftsliberalen Markenkern überrasche. [16]. Die Doppelmoral: Wer sich als Kanzler „der Mitte“ inszeniert und gleichzeitig Steuerpolitik vor allem zugunsten der obersten Einkommens- und Vermögensschicht betreibt, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass das eigene Vermögen die politische Perspektive verzerrt.
Fazit: Ein Muster, kein Einzelfall
Die hier dokumentierten Fälle folgen einem wiederkehrenden Muster: Die CDU/CSU fordert von anderen moralische Standards, Transparenz und Gesetzestreue – während Vertreter der Partei selbst genau diese Standards verletzen. Ob es um Nebeneinkünfte geht, um Lobbyismus, um medizinethische Grundsätze, um Drogenpolitik oder um Steuergerechtigkeit: Die Diskrepanz zwischen dem, was die Union predigt, und dem, was sie praktiziert, ist bemerkenswert. Dieser Befund ist kein Plädoyer für eine andere Partei – auch in anderen politischen Lagern gibt es vergleichbare Diskrepanzen. Aber das Ausmaß und die Systematik, mit der die größte deutsche Volkspartei gleichzeitig Hüterin der Moral und deren systematische Verletzerin ist, verdient es, dokumentiert zu werden.
Quellenverzeichnis
[1] Deutsche Welle (18.07.2026): Jens Spahn und die US-Leihmutter: Ein Fall von Doppelmoral? – https://www.dw.com/de/jens-spahn-und-die-us-leihmutter-ein-fall-von-doppelmoral/a-78006559
[2] RTL.de (05.03.2021): Maskenskandal: Dieser CDU-Politiker verdiente 250.000 Euro mit Masken-Deals – https://www.rtl.de/cms/maskenskandal-dieser-cdu-politiker-verdiente-250-000-euro-mit-masken-deals-4716945.html
[3] Süddeutsche Zeitung (2020): Philipp Amthor – Thema – https://www.sueddeutsche.de/thema/Philipp_Amthor
[4] web.de (18.06.2020): Lobbyskandal um Amthor befeuert Transparenz-Diskussion im Bundestag – https://web.de/magazine/politik/lobbyskandal-amthor-befeuert-transparenz-diskussion-bundestag-34800246
[5] Die Zeit (18.03.2021): Die CDU hat immer wieder Reformvorstöße abgeblockt – bis jetzt – https://www.zeit.de/2021/12/nebeneinkuenfte-bundestag-abgeordnete-maskenaffaere-korruption-union-transparenz/seite-3
[6] Süddeutsche Zeitung (06.04.2021): CDU und CSU kündigen schärfere Regeln für Abgeordnete im Bundestag an – https://www.sueddeutsche.de/politik/cdu-csu-bundestag-1.5234111
[7] taz (15.06.2025): Jens Spahn verzeiht sich selbst: Maskenaffäre? Milliardenschaden? Egal! – https://taz.de/Jens-Spahn-verzeiht-sich-selbst/!6091912/
[8] Die Zeit (10.03.2021): Maskenskandal in der CDU: „Die schwerste Krise seit der Spendenaffäre“ – https://www.zeit.de/politik/deutschland/2021-03/maskenskandal-cdu-affaere-csu-jens-spahn-georg-nuesslein
[9] Die Welt (09.03.2021): Jetzt nimmt sich die Union das Thema Anstand vor – https://www.welt.de/politik/deutschland/article227922697/Korruptionsaffaere-Jetzt-nimmt-sich-die-Union-das-Thema-Anstand-vor.html
[10] Tagesspiegel (14.06.2020): Lobbyismus, Philipp Amthor und die CDU – https://www.tagesspiegel.de/politik/welche-rolle-spielte-der-fruhere-ost-beauftragte-christian-hirte-4175101.html
[11] hanf.com (02.10.2025): CDU/CSU vs. Cannabis: Wenn Doppelmoral auf dem Oktoberfest tanzt – https://hanf.com/info/evaluation-vs-csu/
[12] 48forward.com (30.08.2025): Ein Fall von Doppelstandards? Die CDU/CSU und die politische Neutralität von NGOs – https://www.48forward.com/ein-fall-von-doppelstandards-die-cdu-csu-und-die-politische-neutralitaet-von-ngos/
[13] SPD Rheinland-Pfalz (10.03.2026): Gregory Scholz: Offensichtliche Doppelmoral – https://www.spd-rlp.de/2026/03/10/gregory-scholz-offensichtliche-doppelmoral-cdu-konstruiert-skandal-um-selbst-praktiziertes-vorgehen/
[14] ver.di publik (11/2025): Kanzler schützt Superreiche – https://publik.verdi.de/ausgabe-202506/kanzler-sch%C3%BCtzt-superreiche/
[15] Campact (2025): Macht Friedrich Merz Deutschland gerechter? – https://www.campact.de/bundestagswahl-2025/merz-millionaer/
[16] Die Zeit (29.04.2026): Steuerreform: Friedrich Merz zeigt sich offen für höhere Reichensteuer – https://www.zeit.de/politik/deutschland/2026-04/reichensteuer-friedrich-merz-steuersatz-solidaritaetszuschlag-gxe
[17] Deutscher Bundestag (12.07.2025): Hitzige Debatte über Maskenbeschaffung in der Corona-Pandemie – https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2025/kw26-de-aktuelle-stunde-maskenbeschaffung-sonderberauftragter-1095266
Hinweis: Dieser Artikel dokumentiert öffentlich zugängliche Informationen und journalistische Bewertungen. Er erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Vorwürfe und Bewertungen Dritter werden als solche kenntlich gemacht. Gegen einige der genannten Sachverhalte wurden bzw. werden rechtliche Prüfungen vorgenommen; rechtskräftige Verurteilungen liegen in den meisten Fällen nicht vor.











