16 | 07 | 2019
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Missbrauchsfall Lügde: Konkreter Verdacht schon vor 17 Jahren

Bewertung:  / 9
SchwachSuper 
Dokumentation "Lügde: Die Kinder, die keiner schützte" - Heute, Mittwoch, 26. Juni um 22.45 Uhr im WDR/NDR
 
Auf Andreas V., den Hauptbeschuldigten in dem am 27. Juni beginnenden Prozess wegen vielfachen Kindesmissbrauchs auf dem Campingplatz Lügde, hat es schon vor fast 20 Jahren eindeutige Hinweise gegeben. Nach Recherchen von NDR, WDR und SZ hätte der heute 56-Jährige wahrscheinlich schon damals gestoppt werden können, wenn die Strafverfolgungsbehörden konsequent gehandelt hätten. Bisher war zwar bekannt geworden, dass V. im Jahr 2002 auf eine inoffizielle Liste der Polizei Lippe gelangt war, die mögliche Sexualstraftaten sammelte. Reporter von NDR, WDR und SZ rekonstruierten nun im Detail, welche Spuren die Ermittlungsbehörden schon damals nicht verfolgten. Und hier der LINK vom Video!!!
 
Im Jahr 1998 soll demnach ein damals vierjähriges Mädchen, das wie viele andere Kinder auch für Freizeitaktivitäten und Ausflüge Zeit bei Andreas V. verbrachte, seiner Mutter am Ende eines solchen Tages gesagt haben: „Mama, Penis lecken schmeckt nicht.“ Die alarmierte Frau sei von dem damaligen Campingplatzbetreiber aber zunächst beruhigt worden („Für Addy würde ich meine Hand ins Feuer legen“) - eine Begebenheit, von der der Platzwart heute sagt, sich nicht mehr daran zu erinnern. Zwei Jahre später, im Jahr 2000, schilderte die Mutter das Vorkommnis vom Campingplatz aber in einem anderen Zusammenhang doch der Polizei. Damals verdächtige die Frau ihren Ehemann, die eigene Tochter zu missbrauchen. In der handschriftlichen Anzeige erinnerte sie auch an den angeblichen Vorfall mit dem vermeintlichen Kinderfreund aus Lügde, nannte dessen Spitznamen, lokalisierte den Campingplatz, zitierte ihre Tochter und schilderte weitere Umstände.
 
Verfolgt wurde die Spur zu „Addy“ vom Campingplatz jedoch nicht - die Hinweise auf den Unbekannten seien zu vage gewesen, um einen Anfangsverdacht zu begründen, sagt Oberstaatsanwalt Uwe Bremer von der Staatsanwaltschaft Köln heute. Dem widerspricht der renommierte Hamburger Strafrechtler Johann Schwenn vehement: „Hier hat ein Kind einen eindeutig strafbaren Sachverhalt behauptet, hat einen möglichen Täter genannt – und damit hatte die Staatsanwaltschaft die Verpflichtung, die Ermittlungen aufzunehmen und dann auch durchzuführen.“
 
Weitere zwei Jahre danach, im Jahr 2002, gelangte der Hinweis auf Andreas V. erneut in die Akten der Justiz, diesmal durch den Vater des betroffenen Mädchens. Nun wurde zwar ein offizielles Verfahren eingeleitet und an die zuständige Staatsanwaltschaft Detmold weitergegeben – doch ob überhaupt je ermittelt wurde oder ob und wann das Verfahren womöglich eingestellt wurde, will die Staatsanwaltschaft heute auf Anfrage nicht sagen.
 
Der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU) sagte auf Anfrage von NDR, WDR und SZ: „Ich bin da fassungslos. Was aus diesen weiteren Hinweisen in der Vergangenheit geworden ist, konnten wir bisher noch nicht aufklären. Da kümmert sich jetzt die Staatsanwaltschaft drum. Es wäre natürlich schlimm, wenn das Leid der Kinder noch früher hätte gestoppt werden können“. Weil auch später weitere Hinweise auf Andreas V. offenbar nicht konsequent verfolgt wurden, fügte Reul an: „Ob zwei oder sieben übersehene Hinweise - eigentlich ist jeder einzelne übersehene oder nicht richtig bearbeitete Hinweis einer zu viel. Das muss jetzt alles sehr sorgfältig aufgeklärt und aufgearbeitet werden.“
 
Am Donnerstag, 27. Juni, beginnt vor dem Landgericht Detmold der Prozess gegen Andreas V. und die beiden Mitangeklagten Heiko V. und Mario S.. Ihnen werden insgesamt mehr als 450 Einzeltaten sexueller Gewalt gegen Kinder vorgeworfen. Bisher hat sich nur Heiko V. teilweise eingelassen. Die beiden anderen schweigen. Der Verteidiger von Mario S., Jürgen Bogner, hat allerdings angekündigt, dass sein Mandant sich voraussichtlich zur Sache einlassen werde.
 
Den Fall des damals vierjährigen Mädchens halten die Ermittler heute für so glaubwürdig, dass sie ihn in die Anklage aufgenommen haben.
 
Das Erste zeigt am Mittwoch, 26. Juni um 22.45 Uhr die WDR/NDR Dokumentation "Lügde: Die Kinder, die keiner schützte". (red.)
 
 
 

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