20 | 08 | 2019
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Die große Heuchelei”: Ein Frontbericht von der Zusatz-Lesung in Saarbrücken am 9. Mai 2019 mit Sarah Wagenknecht und Oskar Lafontaine

Bewertung:  / 33
SchwachSuper 
Jürgen Todenhöfer: "Wie Politik und Medien unsere Werte verraten"
 
von Stefan Pohlit
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Er kam, sah und las. In seiner Lederjacke. Mit 78 Jahren beneidenswert frisch. Um sein neues Buch vorzustellen, „Die große Heuchelei“. Es war Mai. Ich wollte Saarbrücken, diese alte, ehrwürdige Metropole, schon lange wiedersehen. Draußen waren alle Parkplätze voll. Vor dem Club “Garage” regnete es. Im Eingang stolperte ich über einen Hartz-IV-Empfänger. “Sind das alles unsere Leute”, fragte ich. “Oder die von der SPD?” Hunderte waren gekommen. Dicht an dicht. Sein Sohn Frederic war dabei. Auch Lafontaine. Und Sarah. Am Ende habe ich das Buch gekauft. Weil wir die Welt retten müssen. 
 
Jürgen Todenhöfers neuester Bestseller ist ein leidenschaftlicher Appell gegen den Krieg. Auf 276 Seiten verdichtet, führt er sein Publikum von Mossul nach Gaza, Afghanistan, in den Jemen, nach Aleppo, ins Kernland des IS, nach Riyad, Teheran und zuletzt nach Myanmar, in die Heimat der vertriebenen Rohingya. Sechs der einundzwanzig Kapitel widmen sich der Anklage gegen die Machtpolitik des Westens, die “Gier des weißen Mannes” nach Öl, dem “Geschenk des Teufels”, aber auch gegen den “Fankurven-Journalismus” der Leitmedien. In Form von Einzelschicksalen beschreibt Todenhöfer das Elend der Zivilbevölkerung. “Ihr wollt unser Öl? Ihr könnt es haben. [...] Aber lasst unser Land in Ruhe”, sagt der junge Anis aus Mossul, dessen Straße nach siebenmonatiger Bombenhölle von den “Befreiern” geplündert wurde. Alan, ein jesidischer Junge aus Baschika im Irak, der ohne seine Eltern vor dem IS nach München flüchtet, der auf der Reise mit einer Schlepperorganisation aus Pfützen trinkt und sich heute in einer deutschen Mittelschule zum Musterschüler entwickelt hat – aus Dank für seine neue Heimat.   
 
Die Thesen des Buchs sind mit Querverweisen belegt. Besonders hart geht Todenhöfer mit der Presse ins Gericht, etwa mit Josef Joffe, der in der “Zeit” vom 12. September 2013 dazu aufrief, “Abertausende von Ziviltoten” in Kauf zu nehmen, “um Assad zu fällen”. “Als West-Mossul unter amerikanischer Führung vernichtet wurde und mindestens 20 000 Zivilisten getötet wurden, sprachen Leitmedien von einem Sieg über den Terror, von einer ‘Befreiung’. Als unter russischer Führung Ost-Aleppo zerstört wurde und nach Schätzung Einheimischer 10 000 Menschen starben, sprachen sie von einer Niederlage oder gar dem “Ende der Menschlichkeit’.” (S. 257-58) 
 
Die westliche Expansionspolitik, so Todenhöfer, diene aber nicht der proklamierten “Verteidigung unserer Werte”, sondern wirtschaftlicher Interessen. Weil der Angriffskrieg gegen den Grundgesetz verstößt, so Todenhöfer, werde er als “Friedensmission” umgedeutet. Auf dieser “Schönrederei” bestehe die “Lebenslüge unserer Zivilisation”, “eine Geschichte brutaler Gewalt und großer Heuchelei”, der er jegliche Glaubwürdigkeit abspricht. Der weitaus sachlichere Michael Lüders zeichnet in seiner jüngsten Veröffentlichung, “Die den Sturm ernten” (C. H. Beck, 2018), ein ganz ähnliches Bild: Dass die Unterstützung salafistischer Milizen auf einen islamistischen Staat hinauslaufe, habe die CIA bereits im Vorfeld gewusst. “Das ist nicht irgendein Meinungsartikel in irgend einer unbedeutenden Zeitung, das ist die Analyse der maßgeblichen ‘Nachrichtenagentur’ der USA”, so Lüders in einem Vortrag in der SWR-Teleakademie. 
 
“Todenhoeferization”
 
Todenhöfer ist nicht irgendein Verschwörungstheoretiker vom Stammtisch. Die poetische Freiheit, die oppositionelle Stimmen wie ihn in der Presse pauschal als “umstritten” klassifiziert, reicht mir aus, um seine Argumente einer Prüfung zu unterziehen. Sein Name hat am 9. Mai mühelos an die vierhundert Menschen in einem kalten, schlecht belüfteten Raum versammelt. Unter gewissen Aufwendungen hat er die Schauplätze seines Schmökers persönlich besucht – ja, beispielsweise monatelang am Internet ausgesessen, um mit dem IS Kontakt aufzunehmen und sich dann zum Besuch sogar Selbstmordpillen einzustecken. Im Zeitalter des zu Unrecht dämonisierten Islams darf seine Anerkennung im muslimischen Milieu nicht unterschätzt werden. Darüber hinaus engagiert er sich durch seine Stiftung “Sternenstaub” für Bedürftige, darunter auch Flüchtlingskinder. 
 
Indes, was an seinem Buch stört, ist er selbst: Wie ein Mond bei der Sonnenfinsternis stellt sich Todenhöfer immer wieder ins Licht, reflektiert über seine Strapazen und Gefühle im pathetischen Lapidarstil seines (unter seiner “Mitwirkung”) agierenden Schreibteams. In der Fülle der Beobachtungen und vieler unnötiger Details geht die notwendige Analyse verloren: “Wir fragen, ob wir filmen dürfen. Die Antwort lautet Nein. Wir fotografieren trotzdem. Wann kommt man schon mal so nah an eine Stelle heran, an der sympathische junge Leute über Leben und Tod entscheiden?” (S. 22) Im Verlauf seines Iran-Besuchs nennt er gar einen Vorschlag des Außemninisters Zarifi zu einem Nichtangriffspakt im persischen Golf, fährt jedoch dann, ohne auf das Thema einzugehen, fort mit einer profanen Episode in der Moschee. 
 
Todenhöfer gibt sich den Anschein des Enthüllers und fällt doch – seine Bekanntschaft mit Richard Perle oder König Faisal von Saudi-Arabien hin oder her – immer wieder auf seine Subjektitvität zurück. Seine wichtigsten Stellungnahmen verdankt er Sekundärliteratur. Gemeinsam mit seinen Erlebnissen von der Front soll der Eindruck von Kausalität entstehen. Zu mehr als Aufwiegelung ist er nicht imstande – wohl wissend, dass er bei seiner Leserschaft offene Türen einrennt. Eben dadurch spielt er all denen in die Hände, die nur darauf warten, ihn als Rundumschläger zu verhöhnen. Dabei verdient die Grundsatzdebatte, die er aufstößt, eine breite Öffntlichkeit. “Hat der ‘Krieg gegen den Terror’ bis heute irgend etwas bewirkt?”, fragt sein Sohn Frederic in die Runde. Wer hat eigentlich die tragende Rolle der Diplomatie abgeschafft? Brauchen die USA wirklich 700 Mrd. Rüstungsetat, und warum sind die Russen (die im Vergleich mit lediglich 66 Mrd. auskommen) unser Feind? Oskar Lafontaine betonte daraufhin die Bedeutung der deutsch-russischen Beziehungen, erinnerte an Willy Brandt, Helmut Kohl und Gerhard Schröder. Durch den II. Weltkrieg sei das Deutschland nicht allein Israel, sondern auch der ehemaligen Sowjetunion gegenüber für 26 Mio. Opfer verantwortlich.    
 
 “Wenn das Sprichwort ‘Lügen haben kurze Beine’ wahr wäre, dann könnte derzeit die ganze Bundesregierung unterm Teppich Fallschirm springen”, sagte er einst, 1990, in einem Wahlwerbespot. Einzig seine Partei, die LINKE, hat durchweg gegen den Krieg plädiert. In diesem Sinne respektiere ich Lafontaines Geste, sich für Todenhöfers Botschaften zu verbürgen. “Ich bin lieber Vulgärpazifist als Vulgärkriegstreiber” erklärt der Autor dazu auf dem Podium. Und zugegeben: Wenn – wie sie in der benachbarten Pfalz sagen – die “Kacke” am Dampfen ist, muss man einen Todenhöfer verwinden. Warum aber müssen auf der großen Bühne seriöse Experten den “André Rieu”-s der Sparte das Feld überlassen? Todenhöfer ist mit seinen Aussagen nicht allein. Anstatt den Helden zu spielen, würden auch vor Ort mehr Diskurs, Hintergrundwissen und weniger  Emphase zu seiner Sache beitragen. Man darf sich nicht darüber hinwegtäuschen: Auch Todenhöfer gehört zum Establishment – oder wie der Orientalist Omid Safi einst auf Lauren Greens zweideutiges Interview mit Reza Aslan auf Fox TV textete: “It’s all about who gets the air time.”  Achtzehn Jahre lang saß er für die CDU, u. a. als Hardliner der so genannten “Stahlhelm-Fraktion”, im Bundestag, einundzwanzig im Vorstand des Burda-Medienkonzerns. Für seine neue Rolle als Volkstribun mag er geschwitzt haben, aber nicht geblutet. Wahrscheinlich haben wir  im Chaos der Identitäts- und Meinungspolitik einen wie Todenhöfer verdient. Mögen muss ich ihn nicht, aber feststeht, dass der Tod wieder ein Meister aus Deutschland ist.     
 
„Die große Heuchelei. Wie Politik und Medien unsere Werte verraten. Ein Frontbericht von den Krisengebieten der Welt". Propyläen, 2019
 

 

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