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Startseite Regional Hassloch

Haßloch: Kontroverse um die erneute Rehbachverlegung

by Karin Hurrle
01.10.2026
in Hassloch
Lesezeit: 6 mins read
Haßloch: Kontroverse um die erneute Rehbachverlegung
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Dämme in der Dürre – und schon wieder eine Bachverlegung

Am Westrand von Haßloch entstehen zwei Hochwasserschutzdämme gegen das „Jahrhunderthochwasser“ – in einem Jahr, in dem der Rehbach oft kaum mehr als ein Rinnsal ist. Parallel lässt der Landkreis prüfen, ob der Rehbach ein zweites Mal verlegt wird, diesmal westlich der Ortslage. Grundlage der Planungen war und ist die Arbeit des Darmstädter Büros BGS, über die hier vor einem Jahrzehnt erbittert gestritten wurde. Die Auseinandersetzungen von damals dürften zurückkehren – samt einer sehr haßlochspezifischen Frage: Wer profitiert eigentlich diesmal?

Die Kritik und die tiefgreifende Debatte rund um die Rehbachverlegung, den Hochwasserschutz für Haßloch sowie den Umgang mit dem Ökosystem im Haßlocher Wald bewegen die Region nun schon seit Jahren. Die Frage stellt sich richtigerweise nach politischer Verantwortung, den Grenzen von Eingriffen in die Natur und den langfristigen Planungsentscheidungen lokaler und regionaler Entscheidungsträger.

Bagger an der Obermühle

Seit Anfang Mai 2026 wird am Westrand der Ortslage gebaggert, ausgerechnet in einem Sommer voller Trockenheitsmeldungen: Flächenbrände bei Haßloch und Mußbach, ein Rehbach-Biotop, das zuweilen eher Badeziel als Gewässer war, und eine anhaltende Dürre, die nach Erkenntnissen der RHEINPFALZ auch das Verhältnis von natürlichem Zufluss und gereinigtem Abwasser im Bach verändert. Bis zum Spätsommer sollten zwei Schutzdämme stehen: ein rund 310 Meter langer und im Mittel 1,20 Meter hoher Wall, der von der Obermühle entlang des westlichen Randes des „Industriegebiets Süd“ nach Süden zieht – flankiert von einem neuen Entwässerungsgraben – sowie ein zweiter, rund 60 Meter langer und 90 Zentimeter hoher Damm zwischen dem Industriegebiet und der Kreisstraße K 14. Sie sollen das Gewerbegebiet und den westlichen Ortsrand künftig vor einem hundertjährlichen Hochwasser aus Rehbach und Speyerbach schützen. Grundlage ist der Planfeststellungsbeschluss vom 2. Oktober 2024; die Rodungen für die Baufelder liefen bereits im Februar 2025, Umsiedlung von Zauneidechsen und Ersatzaufforstung auf 7.000 Quadratmetern im Bereich Ganerb inklusive. Die Gemeinde kalkuliert nach jetzigem Stand knapp 700.000 Euro. Radfahrer auf dem Kraut-und-Rüben-Radweg und Autofahrer auf der K 14 mussten sich monatelang auf Umleitungen einstellen.

Die nächste Verlegung – diesmal westlich

Während die Dämme wachsen, kommt aus Bad Dürkheim die eigentliche Nachricht: Der Landkreis, der für den Hochwasserschutz am Rehbach zwischen Pfalz- und Obermühle zuständig ist, lässt Machbarkeitsstudien für eine erneute Verlegung des Rehbachs erstellen – diesmal westlich der Ortslage. Wie die RHEINPFALZ am 30. September 2026 (online am 1. Oktober) berichtet, soll die favorisierte Trasse „Schutz und Ökologie dauerhaft verbinden“. Begründung: Westlich von Haßloch gebe es bis heute „keine geeigneten Vorkehrungen“ zum Schutz der bebauten Ortslage. Aufmerksamen Haßlochern kommt das bekannt vor: Was 2013 als „Bauphase 3“ des Gesamtkonzepts „Integrierter Hochwasserschutz“ in die Akten rückte und später als „Maßnahme H4“ rund um Pfalz- und Obermühle firmierte, kehrt nun als eigenes Projekt zurück – fünfzehn Jahre nach den ersten Plänen. Der RHEINPFALZ-Artikel ist neben „Haßloch“ und „Rehbach“ auch mit „Darmstadt“ verschlagwortet – dem Sitz des Ingenieurbüros BGS, das bereits die Grundlagengutachten von 2014 und 2015 erstellt hat.

Die BGS-Studien – Planungsgrundlage und altes Streitobjekt

Die Dämme am Gewerberand gehen zurück auf die „Konzeptstudie örtlicher Hochwasserschutz Haßloch“ des Darmstädter Büros Brandt, Gerdes, Sitzmann Wasserwirtschaft GmbH (BGS) aus dem Oktober 2015, erstellt im Auftrag der Gemeinde. BGS hatte zuvor – 2014 im Auftrag des Landkreises – die Retentionsräume westlich und südlich des Ortes untersucht und vier Rückhalteflächen mit zusammen rund 1,7 Millionen Kubikmetern Volumen kartiert. Was aus diesen Zahlen folgt, war ein Jahrzehnt lang umstritten – und die Studie taugt bis heute als Beleg für beide Lager.

Die Kreisverwaltung las daraus: Der Rückhalt in der Fläche allein hält Haßloch beim Jahrhundertereignis nicht trocken; selbst kombiniert mit örtlichen Maßnahmen ließen sich nur der Westen und das Industriegebiet Süd schützen, nicht der Süden – die Verlegung sei alternativlos. Die Bürgerinitiative „Hochwasserschutz ja – Rehbachverlegung nein“ las exakt das Gegenteil: BGS habe gezeigt, dass eine Kombination aus Retention in Fläche und Ort die ganze Ortslage schützen könne – preiswerter und mit mindestens 60 Prozent über die „Aktion Blau Plus“ förderfähig. Sogar ein Gutachter-Zitat, die Maßnahme stelle die „durch zwei Mühlenwehre unterbrochene Durchgängigkeit des Rehbachs“ wieder her und verbessere die Gewässerstruktur „deutlich“, vereinnahmten beide Seiten für die eigene Linie.

Ein Bach, zwei Wahrheiten – und verdoppelte Kosten

Gebaut wurde die Verlegung im Süden bekanntlich trotzdem: Der Landkreis führte den Rehbach ab 2017 auf 3,6 Kilometern in einem neuen, naturnahen Lauf durch den Wald (Planfeststellung 17. November 2015, Klagen blieben erfolglos, Inbetriebnahme am 11. Dezember 2021, Abschluss 2023). Aus den einst veranschlagten 4,1 Millionen Euro wurden nach Angaben der RHEINPFALZ vom Mai 2026 knapp 8,7 Millionen – etwa 80 Prozent trug das Land über die Aktion Blau Plus. Der BUND unterstützte das Projekt als ökologischen Gewinn am historischen Schwemmfächer; die örtlichen Kritiker nannten es ein „Prestigeprojekt“, das nachweislich „keinen einzigen Keller trockener“ mache, und verweisen bis heute auf eine ministerielle Aussage, die Verlegung habe nur „geringe bis keine“ Wirkung auf den Hochwasserschutz. Kreis und SGD Süd halten dagegen: notwendig und wirksam. Der Streit lieferte den semantischen Unterbau, auf dem nun die West-Verlegung geprüft wird.

Die Rennbahn-Frage

Dass in Haßloch über Hochwasserschutz selten nur sachlich gestritten wird, erzählt die Geschichte der Pferdetrainingsbahn. 2014/15 war planfestgestellt, den neuen Rehbachlauf in einer 29 Meter langen Unterquerung unter der alten Waldbahn hindurchzuführen – Kostenansatz 50.000 bis 60.000 Euro; der Pfälzische Rennverein erklärte schriftlich, der Trainingsbetrieb könne bauzeitlich auf die Rennstrecke verlegt werden. Gebaut wurde etwas anderes: eine permanente, rund 1,7 Kilometer lange Sandtrainingsbahn im Rennbahn-Oval, im Dezember 2019 vom Kreisausschuss für 407.940 Euro brutto vergeben – samt Planungskosten, so die Recherchen der Bürgerinitiative und des Wochenblatt-Reporters, insgesamt rund eine halbe Million Euro, dazu ein kommunaler Vereinszuschuss von 36.400 Euro (Richtlinienwert wären 12.500 Euro gewesen) sowie 22.000 Euro vom Sportbund Pfalz.

Die Kreisverwaltung begründete die Planänderung mit dem Wegfall eines Querbauwerks im Gewässer, der Gefährdung des Trainingsbetriebs während der Bauzeit und Kostenvorteilen gegenüber Brücke plus Provisorium. Intern klang das offenbar anders: „Der Pferderennverein wurde durch die Rehbachverlegung gerettet“, soll Projektleiter Dr. Burkhardt Döll 2021 vor dem Gewässerzweckverband gesagt haben – überliefert durch den Journalisten Günter Moses. Pikant, weil der damalige Landrat Hans-Ulrich Ihlenfeld und Bürgermeister Lothar Lorch den Verein seit Februar 2015 zunächst kommissarisch führten, ab 2016 als Präsident und Vizepräsident: eine Personalunion von Maßnahmenträger und Nutznießer, die eine umfangreiche Recherche des Portals „Nachrichten Regional“ im August 2026 erneut zum Anlass für die Forderung nach einem lückenlosen, öffentlichen Wirtschaftlichkeitsvergleich nahm. Er liegt bis heute nicht vor; strafrechtliche Vorwürfe werden nicht erhoben. Der heutige Präsident des Vereins, Christian Keller, steht mit den Entscheidungen von damals nicht in Verbindung.

Dürre, Rodungen und die Frage: Wer profitiert diesmal?

Die Zutaten für eine Neuauflage der alten Querelen sind angerichtet. Moses wirft den Verantwortlichen im aktuellen Sommer vor, im Wald seien statt der genehmigten rund 900 Bäume bis zu 9.000 gerodet worden – ein bislang amtlich unbestätigter Vorwurf, der im Dürrejahr 2026 auf fruchtbaren Boden fällt: Wo der Schatten fehle, verdunste das Wasser, und der Trinkwasserbrunnen im Wald rücke erneut in den Fokus. Gleichzeitig erfüllt der Westrand-Damm eine Doppelfunktion: Das rund sechs Hektar große Plangebiet des Bebauungsplans Nr. 102 „Auf den Holzwiesen“ liegt bislang im festgesetzten Überschwemmungsgebiet – nach Fertigstellung des Damms nicht mehr. Der Damm ist Hochwasserschutz und zugleich Erschließungsvoraussetzung für ein neues Siedlungs- und Gewerbegebiet. Das ist planungsrechtlich sauber dokumentiert – wird aber in einem Ort, in dem einst ein Rennverein aus einem Bachbau „gerettet“ wurde, kaum ohne kritische Nachfragen bleiben. Und auch die West-Verlegung hat einen alten Sprengsatz im Gepäck: Die westlichen Retentions- und Trassenflächen liegen großteils auf Neustadter Gemarkung – 2014 war das das Hauptargument der Kreisverwaltung, warum dort „noch umweltfachlich untersucht“ und jahrelang verzögerungsträchtig geplant werden müsse. Wie Stadt und Kreis diesmal zusammenarbeiten, ist eine der offenen Fragen.

Werden die Bürgerinitiativen aktiv?

Die Infrastruktur des Protests steht jedenfalls noch: „Bürgerengagement Haßloch“ dokumentiert weiterhin penibel, die Grünen halten ihre Stellungnahmen zur Förderfähigkeit online, und lokale Medien liefern regelmäßig Munition. Dass eine neue Verlegung – selbst im Prüfstadium – die alte Protestmaschinerie wieder in Gang setzen dürfte, gilt unter Beobachtern vor Ort als sicher. Fachlich ist die Dürre kein Argument gegen den Schutz: Trockenheit und extremes Niederschlagsereignis sind zwei Seiten desselben Klimatrends, und das nächste Jahrhundertwasser kommt bekanntlich nicht per Kalender. Aber nach Millionenausgaben, einer verdoppelten Endabrechnung, einer Trainingsbahn als Folgekosten und einem Hochwasserschutzkonzept, das auch 2023 noch ehrlich festhielt, dass der Westen beim zehnjährigen Hochwasser weiter Wasser nimmt, wird die Gemeinde ihren Bürgern die nächste Trasse sorgfältiger erklären müssen als die erste. Viele Fragen bleiben – nach dem Nutzen, den Kosten, den Flächen in Neustadt und den Gewinnern.

NACHRICHTEN REGIONAL wird dies gespannt beobachten und seine Leserinnen und Leser durch unsere Berichterstattung auf dem Laufenden halten.

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