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Startseite Wissenswertes

Gesundheit: 3.100 medizinische Behandlungsfehler – und die Dunkelziffer im sechsstelligen Bereich

by Karin Hurrle
20.08.2026
in Wissenswertes
Lesezeit: 7 mins read
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Eisberg-Spitze und die Milliardenkosten – Besorgniserregende Jahresstatistik

Der Medizinische Dienst hat am 20. August 2026 seine Jahresstatistik 2025 zur Begutachtung von Behandlungsfehlern veröffentlicht: 3.098 bestätigte Fehler, 97 tödliche Fälle, 150 „Never Events“. Was die Zahlen über das deutsche Gesundheitssystem aussagen – und was jetzt dringend besser werden muss.

Berlin – 11.735 Gutachten, 3.098 bestätigte Fehler, 97 Tote: So lautet die nüchterne Bilanz, die der Medizinische Dienst am 20. August 2026 in seiner Jahresstatistik 2025 zur Begutachtung von Behandlungsfehlern vorgelegt hat. Im vergangenen Jahr prüften die Gutachterinnen und Gutachter bundesweit jeden einzeln der 11.735 Verdachtsfälle. In 3.098 Fällen, also in etwa jedem vierten, stellten sie einen Behandlungsfehler mit gesundheitlichem Schaden fest. In 2.700 Fällen war der Fehler die Ursache des erlittenen Schadens – und in 97 Fällen führte er zum Tod eines Patienten oder trug wesentlich dazu bei. Das ist mehr als im Vorjahr, als 75 tödliche Fälle verzeichnet wurden. „Die Dunkelziffer ist hoch und darf nicht länger kleingeredet werden“, sagt Vorstandsvorsitzender Stefan Gronemeyer.

Was die Statistik 2025 konkret zeigt

Zwei Drittel der erhobenen Vorwürfe – 7.633 Fälle – betreffen die stationäre Versorgung, vor allem Krankenhäuser; rund ein Drittel (4.073 Fälle) entfällt auf den ambulanten Bereich. Spitzenreiter unter den Fachgebieten ist Orthopädie und Unfallchirurgie mit fast 30 Prozent der Vorwürfe (3.476 Fälle), gefolgt von Innere Medizin und Allgemeinmedizin (10,6 Prozent), Frauenheilkunde und Geburtshilfe (9,4 Prozent), Zahnmedizin (8,9 Prozent) sowie Allgemein- und Viszeralchirurgie (8,2 Prozent). Rund 6,6 Prozent der Vorwürfe beziehen sich direkt auf Pflege.

Rund 150 Vorfälle stuften die Gutachter als sogenannte „Never Events“ ein – Totalausfälle im System, die eigentlich nicht vorkommen dürfen: gravierende Medikationsfehler, im Körper vergessenes Operationsmaterial, Verwechslungen von Patienten oder Körperseiten. Im Jahr 2024 hatte es 134 solcher Fälle gegeben, die Zahl ist also gestiegen. Wichtig ist dabei ein statistischer Hinweis, den der Medizinische Dienst selbst betont: Die Zahlen sind nicht repräsentativ für die Sicherheitslage in den Fachgebieten. Eine Häufung von Verdachtsmeldungen in der Chirurgie etwa erklärt sich vor allem dadurch, dass chirurgische Fehler für Patienten leichter zu erkennen sind – und daher eher bemängelt werden.

Eisberg-Spitze: Die Dunkelziffer und die Milliardenkosten

Die Begutachtungsstatistik erfasst nur, was überhaupt auf dem Tisch landet – also Fälle, in denen Patientinnen und Patienten einen Verdacht äußern, die Kasse einbezieht und ein Gutachten entsteht. Wissenschaftliche Untersuchungen, die Krankenakten auf vermeidbare Schäden prüfen, gehen davon aus, dass bei zwei bis vier Prozent der stationären Behandlungen ein vermeidbarer Schaden entsteht. Auf Deutschland übertragen – rund 17,5 Millionen Klinikbehandlungen im Jahr 2024, so das Statistische Bundesamt – ergibt das eine Größenordnung von 350.000 bis 700.000 Fällen pro Jahr. Die offizielle Statistik zeigt damit bestenfalls die sichtbare Spitze des Eisbergs.

Der volkswirtschaftliche Schaden ist immens: Nach Schätzungen der OECD gehen 15 Prozent der Kosten in der stationären Versorgung auf vermeidbare Behandlungsfehler und Schäden zurück. Übertragen auf die deutschen Krankenhausausgaben entspricht das etwa 16,7 Milliarden Euro im Jahr. „Jeder vermeidbare Schaden, den wir verhindern, bedeutet weniger Leid – und vermeidet zugleich unnötige Folgekosten“, sagt Gronemeyer mit Blick auf die kürzlich beschlossenen Einsparungen im Gesundheitswesen. Patientensicherheit sei damit auch eine Frage der Wirtschaftlichkeit des Systems.

Was die Zahlen über unser Gesundheitssystem aussagen

Erstens: Das Problem ist kein Einzelfall, sondern systemisch. Der Medizinische Dienst beschreibt die Fehlerursachen seit Jahren gleich: „Diese Fehler entstehen dort, wo systematische Sicherheitsmechanismen fehlen, wo Kommunikation und Koordination nicht greifen oder wo ökonomischer Druck Prozesse überlagert.“ Dazwischen: Überlastung und Stress des Personals, Ablenkung, mangelnde Strukturierung von Übergaben und eine Berichtskultur, die Sanktionen fürchtet statt zu lernen.

Zweitens: Deutschland fehlt die Messlatte. Es gibt kein verbindliches nationales Monitoring für Behandlungsfehler und vermeidbare unerwünschte Ereignisse. Wie sich die Patientensicherheit hierzulande tatsächlich entwickelt, ist – wie der Medizinische Dienst einräumt – schlicht nicht bekannt. Das Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS) beklagt eine „schlechte Datenlage“ und pocht seit Jahren auf einen Nationalen Aktionsplan für Patientensicherheit. Immerhin ein Lichtblick aus den Kassenzahlen: Die AOK meldete zum Welttag der Patientensicherheit im September 2025, dass die Zahl der gemeldeten Verdachtsfälle 2024 leicht gestiegen sei (16.600 nach 16.064 im Jahr zuvor) – Meldungen sind der erste Schritt, aus dem System lernen zu können.

Drittens: Das System ist zu einseitig auf die Opferseite fokussiert. Wer Schadensersatz will, muss Fehler, Schaden und Kausalität beweisen – die Beweislast liegt fast vollständig bei den Betroffenen. Die AOK fordert ein „Update des Patientenrechtegesetzes“, unter anderem eine Verringerung der Beweislast auf eine überwiegende Wahrscheinlichkeit und ein umfassendes Akteneinsichtsrecht. In manchen Fachgebieten, etwa bei Medikamentenschäden, hält die AOK einen Nachweis für „praktisch unmöglich“. Solange das so bleibt, bleiben viele Fehler unsichtbar – und damit ungesühnt und unanalysiert.

Was dringend verbessert werden muss

1. Sanktionslose Meldesysteme. Der Medizinische Dienst fordert die systematische Einführung von sanktionsfreien Meldesystemen für schwere Schadenereignisse in allen Krankenhäusern. Nur wenn Personal ohne Angst vor Disziplinar- oder Regressfolgen melden kann, wird aus der Statistik eine Lernbasis. Umfragen aus der perioperativen Medizin zeigen, dass mehr als ein Viertel der befragten Ärztinnen und Ärzte Fehler lieber verschweigen würden – genau die falsche Kultureinstellung in einem Hochrisikobereich.

2. Übergabekommunikation systematisch machen. An den Schnittstellen – vom OP in den Aufwachraum, von der Intensivstation auf die Normalstation, vom Rettungsdienst in die Notaufnahme – gehen die meisten Informationen verloren, die gerade dort gebraucht werden: Medikation, Allergien, offene Wunden, Verlauf. Dabei ist die Lösung billig, bewährt und handhabbar: strukturierte Übergaben nach dem SBAR-Schema (Situation – Background – Assessment – Recommendation). Die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) empfiehlt es bereits in zweiter Auflage für die perioperative Medizin; Studien belegen weniger Kommunikationsfehler, ein besseres Sicherheitsklima und in Zusammenhängen mit dem I-PASS-Übergabebündel sogar rund 23 Prozent weniger medizinische Fehler. Was fehlt, ist flächendeckende Umsetzung, Schulung und Kontrolle – idealerweise als verpflichtender Baustein im Krankenhaus-Qualitätsmanagement.

3. Transparenz gesetzlich verankern. Der Medizinische Dienst fordert eine gesetzliche Pflicht zur umgehenden Information der Patientinnen und Patienten bei Fehlern – eine Art Offenlegungspflicht. Das stärkt die Betroffenenrechte und zwingt Kliniken zur Aufarbeitung. Ergänzt werden sollte das durch verbindliche, bundeseinheitliche Erfassung schwerer Vorfälle, damit Deutschland endlich weiß, wo das Land bei der Patientensicherheit steht.

4. Personal und Struktur entlasten. Fehler passieren selten aus Böswilligkeit, sondern aus Überlastung. Fachgesellschaften und Patientensicherheits-Initiativen benennen seit Jahren dieselben Treiber: unterbesetzte Stationen, Zeitdruck, Ablenkung, fehlende Standards. Wer Patientensicherheit ernst nimmt, muss hier personal- und investitionspolitisch gegensteuern – nicht nur im OP-Saal, auch in der Pflege, wo mehr als sechs Prozent der gemeldeten Vorwürfe ansetzen.

Das Fazit der Jahresstatistik 2025 ist eindeutig: Das deutsche Gesundheitssystem ist medizinisch exzellent, aber sicherheitstechnisch unterversorgt. Die Gutenachter haben geliefert, was sie liefern können – ein Ausschnitt. Nun liegt der Ball bei Politik und Kliniken: aus 3.098 bestätigten Fehlern 3.098 Anlässe machen, damit die Dunkelziffer im sechsstelligen Bereich nicht weiter stillschweigend existiert.

Quellen

  1. Medizinischer Dienst Bund (Gemeinschaft der Medizinischen Dienste): Jahresstatistik 2025 zur Begutachtung von Behandlungsfehlern, veröffentlicht am 20.08.2026, Berlin. (Gutachtenzahl 11.735; 3.098 Fehler mit Schaden; 2.700 kausal; 97 Todesfälle; 150 Never Events; Fachgebiets- und Versorgungsanteile; Aussagen von Vorstandsvorsitzendem Stefan Gronemeyer.)
  2. ARD / tagesschau.de (20.08.2026): „Jahresbericht Medizinischer Dienst: Mehr Todesfälle durch Behandlungsfehler“ – https://www.tagesschau.de/inland/statistik-behandlungsfehler-patienten-102.html (OECD-Schätzung: 15 Prozent der stationären Kosten = ca. 16,7 Mrd. Euro; 17,5 Mio. stationäre Behandlungen 2024 nach Statistischem Bundesamt; Forderung sanktionsloser Meldesysteme und Patienteninformation.)
  3. DIE ZEIT (20.08.2026): „Behandlungsfehler: Medizinischer Dienst meldet knapp 3.100 Behandlungsfehler“ – https://www.zeit.de/gesundheit/2026-08/behandlungsfehler-medizinischer-dienst-krankenhaus-never-events-gxe (Vergleich 2024: 3.700 erkannte Fehler; Forderung gesetzlicher Verpflichtung zur umgehenden Patienteninformation.)
  4. Medizinischer Dienst Bund (29./30.10.2025): Pressemitteilung „Mangelnde Patientensicherheit kostet Milliarden Euro“ und Statement zum Jahresbericht 2024 – https://md-bund.de/presse/pressemitteilungen/2025/mangelnde-patientensicherheit-kostet-milliarden-euro.html (Fehlerursachen: fehlende Sicherheitsmechanismen, Kommunikation und Koordination, ökonomischer Druck; Fehlendes nationales Monitoring; Vergleichszahlen 2024: 12.304 Gutachten, 3.301 Fehler, 75 Todesfälle, 134 Never Events.)
  5. AOK-Bundesverband (15.09.2025, Welttag der Patientensicherheit): Meldung über 16.600 gemeldete Verdachtsfälle von Behandlungs- und Pflegefehlern 2024 (2023: 16.064); 5.335 geprüfte Fälle, 28,6 Prozent bestätigt; Regressvolumen 2024: 49,73 Mio. Euro; Forderungen zur Beweislast und „Update des Patientenrechtegesetzes“; APS-Forderung nach Nationalem Aktionsplan für Patientensicherheit – https://www.zeit.de/gesundheit/2025-09/behandlungsfehler-pflegefehler-aok-patientensicherheit-beweise sowie https://www.t-online.de/gesundheit/aktuelles/id_100916484/behandlungsfehler-aok-bericht-enthuellt-mehr-verdachtsfaelle-.html
  6. tagesschau.de (22.12.2025): „Medizinischer Dienst: Offenlegungspflicht bei Behandlungsfehlern gefordert“ – https://www.tagesschau.de/wissen/gesundheit/behandlungsfehler-transparenz-medizinischer-dienst-100.html
  7. Strukturierte Patientenübergabe: DGAI-Empfehlung zum SBAR-Konzept (2. Auflage März 2022); Zusammenfassung in: Anästhesiologie/Perioperative Medizin, Springer – https://link.springer.com/article/10.1007/s00101-022-01249-x (I-PASS-Bündel mit ca. 23 Prozent weniger medizinischen Fehlern und 30 Prozent weniger vermeidbaren Ereignissen; Umfrage zu verschwiegenen Fehlern.)
  8. AWMF / idw-online (15.04.2016): „Verbesserte Kommunikation nach Operationen für mehr Patientensicherheit im Krankenhaus“ – DGAI-Empfehlung zur strukturierten Patientenübergabe mit SBAR – https://idw-online.de/de/news649556
  9. Müller M, Jürgens J, Redaèlli M et al.: Impact of the communication and patient hand-off tool SBAR on patient safety: a systematic review. BMJ Open 2018; 8: e022202.
  10. Randmaa M, Mårtensson G, Swenne CL et al.: SBAR improves communication and safety climate and decreases incident reports due to communication errors in an anaesthetic clinic: a prospective intervention study. BMJ Open 2014; 4.

Stand: 20. August 2026. Alle Angaben laut den genannten Quellen; die Gutachtenzahlen des Medizinischen Dienstes sind laut dessen eigener Hinweise nicht repräsentativ für die Gesamtzahl der Behandlungsfehler in Deutschland.

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