„Es gibt keinen Weg zurück für Infantino“ – Kein freiwilliger Rücktritt erkennbar
Fachjournalistische Analyse von Mitgliedern des Recherche-Teams NACHRICHTEN REGIONAL
Der Druck auf FIFA-Präsident Gianni Infantino hat sich in den letzten Tagen drastisch verschärft, vor allem nach dem Scheitern seiner umstrittenen Pläne zur Beteiligung privater Investoren an der Weltmeisterschaft. Dennoch zeichnet sich derzeit kein freiwilliger Rücktritt ab. Da Infantino nicht freiwillig geht, prüfen europäische und einige südamerikanische/asiatische Strippenzieher Wege für eine geplante Absetzung. sei es durch Beantragung eines außeroordentlichen Kongresses (wofür mindestens 43 Mitgliedsverbände nötig wären) oder den Aufbau eines Gegenkandidaten für das FIFA-Council). Nun fordert der norwegische Fußballverband den sofortigen Rücktritt von FIFA-Präsident Gianni Infantino. Nach dem geplatzten Verkauf von WM-Anteilen an private Investoren steht der Weltverband vor seiner schwersten Vertrauenskrise seit der Ära Blatter.
Es ist die bislang deutlichste Forderung nach einem personellen Neuanfang an der Spitze der FIFA: Der norwegische Fußballverband (Norges Fotballforbund, NFF) hat FIFA-Präsident Gianni Infantino am 7. August 2026 zum sofortigen Rücktritt aufgefordert. „Er verfügt nicht über das institutionelle Vertrauen, das erforderlich ist, um die FIFA in der derzeitigen Phase stabil zu führen“, sagte NFF-Präsidentin Lise Klaveness nach einer Vorstandssitzung in Oslo. „Für Gianni Infantino gibt es keinen Weg zurück mehr.“ Was mit einem umstrittenen Investorendeal um die kommerziellen Rechte der Fußball-Weltmeisterschaft begann, ist zu einer Existenzkrise des Weltfußballs geworden – mit einem bislang einmaligen Bruch zwischen der europäischen Konföderation UEFA und dem Weltverband.
Auslöser: Der geplatzte Verkauf der Weltmeisterschaft
Der unmittelbare Auslöser der Krise ist das als „FIFA Forward Enterprise“ (FFE) bezeichnete Vorhaben. Der Weltverband hatte am 28. Juli 2026 Pläne bekanntgegeben, eine gewerbliche Tochtergesellschaft zu gründen und bis zu 21 Prozent der Anteile an private Investoren zu verkaufen. In dieser Gesellschaft sollten die kommerziellen Rechte und das Veranstaltungsmanagement der wichtigsten FIFA-Turniere gebündelt werden – namentlich der Männer- und Frauen-Weltmeisterschaft sowie der Klub-Weltmeisterschaft. Auf Basis einer Bewertung der US-Bank JPMorgan Chase wurde FFE mit rund 20 Milliarden US-Dollar bewertet; der Verkauf sollte 4,2 Milliarden Dollar in die Kassen spülen. Als Leitinvestor wurde der Fonds Thrive Eternal von Josh Kushner gehandelt, dessen Bruder Jared Kushner Schwiegersohn und ehemaliger Berater des früheren US-Präsidenten Donald Trump ist. Als Berater fungierte neben JPMorgan der ehemalige Liberty-Media-Chef Greg Maffei.
Für die 211 Mitgliedsverbände verknüpfte Infantino das Angebot mit einer finanziellen Verlockung: Die jährlichen Zuweisungen sollten von 8 auf 20 Millionen Dollar pro Verband steigen, über drei Konjunkturzyklen hinweg seien bis zu 86 Millionen Dollar pro Verband möglich. Kritiker wiesen jedoch darauf hin, dass die FIFA die Mittel aus dem Anteilsverkauf vor allem dazu nutze, sich die Stimmen kleinerer, von Zuwendungen abhängiger Verbände zu sichern. Die Frage nach einer Beteiligung der sechs Konföderationen an den Erlösen blieb zunächst unbeantwortet.
Ein „schäbiger Hinterzimmerdeal“ – die UEFA zieht die Reißleine
Die Reaktion aus Europa fiel vernichtend aus. Die UEFA sprach von einem Deal, der eine Linie überschreite, „die niemals überschritten werden darf“, und nannte FFE einen „schäbigen, undurchsichtigen Hinterzimmerdeal“ (shabby, back room, opaque deal). „Die Seele und die Governance des Fußballs sind keine handelbaren Vermögenswerte … Niemand von uns ist Eigentümer des Fußballs. Es steht nicht der FIFA zu, ihn zu verkaufen“, erklärte die Europäische Konföderation. 55 europäische Verbände einigten sich darauf, notfalls Weltmeisterschaften und andere FIFA-Wettbewerbe zu boykottieren.
Unter dem massiven Druck zog Infantino das Vorhaben wenige Tage später zurück und entschuldigte sich für die Umsetzung. Doch die UEFA hielt an ihrer Boykottdrohung fest und erklärte, ihre Bedingungen seien nicht erfüllt; das Vertrauen in den Präsidenten sei zerstört. Der nord- und mittelamerikanische Verband Concacaf sprach von einem „Symptom einer Führung, die aufgehört hat, den Fußball an die erste Stelle zu setzen“, und forderte eine „umfassende Aufarbeitung“ der Amtszeit Infantinos. Auch die Asiatische Konföderation AFC hatte sich zunächst solidarisch mit UEFA und Concacaf gezeigt.
Norwegen geht einen Schritt weiter
Während Verbände wie England, Wales, Kroatien und Albanien lediglich ihre Unterstützungsschreiben für Infantinos angestrebte Wiederwahl im März 2027 zurückzogen, ging Norwegen am 7. August einen Schritt weiter und verlangte offen den Rücktritt. „Wir haben beschlossen, dass wir Infantino nicht mehr vertrauen“, sagte Klaveness dem britischen Guardian. „Wir waren ständig besorgt, und jedes Jahr, in jeder Phase des Jahres gab es einen weiteren Schritt in eine beunruhigende Richtung. Das Vertrauen ist nun endgültig weg.“ Die 45-jährige Juristin, die den NFF seit März 2022 führt und längst als eine der schärfsten Kritikerinnen Infantinos gilt, fügte hinzu: „Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem außergewöhnliche Maßnahmen erforderlich sind, um einen dauerhaften Wandel herbeizuführen.“
Wie der norwegische Rundfunk NRK berichtete, will der NFF zudem eine neue Beschwerde bei der FIFA-Ethikkammer einreichen. Diese umfasst nach Verbandsangaben drei Komplexe: das FFE-Vorhaben, die Verleihung des ersten FIFA-Friedenspreises an Donald Trump im Dezember 2025 sowie die Aufhebung der Einspielsperre des US-Stürmers Folarin Balogun während der jüngsten Weltmeisterschaft. Aus einer von Ex-FIFA-Chef Sepp Blatter angestoßenen Debatte über eine mögliche Kandidatur Klaveness’ hielt sich die Norwegerin heraus: „So weit sind wir noch nicht. Es geht jetzt um die Sache, nicht um Personen.“
Balogun, Trump und der Friedenspreis: Eine Kette nicht nachvollziehbarer Entscheidungen
Die Kritik an Infantino entzündet sich nicht allein am FFE-Deal. Während der Weltmeisterschaft 2026 in den USA, Kanada und Mexiko hatte die FIFA die nach einer Roten Karte eigentlich automatische Einspielsperre des US-Angreifers Folarin Balogun vor dem Achtelfinale gegen Belgien ausgesetzt – einen Tag nachdem der damalige US-Präsident Donald Trump mit Infantino telefoniert und um eine Überprüfung gebeten hatte. Nach Medienberichten, darunter die New York Times und Axios, hatte Trump selbst eingeräumt, „diejenigen gewesen zu sein, die sie dazu gebracht haben“. Die Entscheidung, die der Vorsitzende der Disziplinarkammer Mohammad Al Kamali laut ESPN als alleiniger Entscheider traf, war in der veröffentlichten Rechtsprechung der FIFA ohne Beispiel. Die UEFA nannte sie „beispiellos, unverständlich und nicht zu rechtfertigen“; Belgien legte vergeblich Beschwerde ein.
Dass Infantino im Dezember 2025 ausgerechnet Trump mit dem erstmals vergebenen FIFA-Friedenspreis ausgezeichnet hatte, warf Fragen nach der politischen Neutralität des Weltverbands auf. Die Menschenrechtsorganisation FairSquare reichte beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC), dessen Mitglied Infantino seit 2020 ist, Beschwerde wegen mehrfacher Verstöße gegen die im Olympischen Kodex verankerte Neutralitätspflicht ein. 50 Abgeordnete des Europäischen Parlaments verlangten von der FIFA eine Aufarbeitung. Infantino betonte wiederholt, die Disziplinargremien arbeiteten unabhängig; die Sperre Baloguns sei von einer unabhängigen Instanz ausgesetzt worden.
Die Welt des Fußballs spaltet sich
Die Krise offenbart eine tiefe geografische und machtpolitische Spaltung. Auf der einen Seite stehen die UEFA, weite Teile Europas und Teile Concacafs, die einen Kurswechsel fordern. Auf der anderen Seite sicherte der Afrikanische Fußballverband CAF Infantino erneut einstimmig seine Unterstützung zu. Der mexikanische Verband FMF – einer der drei Co-Gastgeber der WM 2026 – brach aus dem Concacaf-Block aus und stellte sich hinter den Präsidenten. Auch Argentinien und Paraguay sowie der südamerikanische Verband Conmebol erteilten einem Absetzungsversuch ohne Abstimmung aller 211 Mitglieder eine Absage; Conmebol mahnte allerdings zugleich die „wiederholten einseitigen Handlungen ohne Dialog“ an.
Die Blockadehaltung der Gegenseite hat eine formale Grundlage: Nach den FIFA-Statuten kann der Präsident nur durch einen ordentlichen Wahlakt aller 211 Mitglieder abgelöst werden. Ein Rückzugsersuchen Norwegens hat daher zunächst politischen, nicht rechtlichen Charakter. Für Infantino, der 2016 auf Sepp Blatter folgte, geht es zugleich um die Frage seiner eigenen Wiederwahl. Eigentlich sieht die Satzung maximal drei vierjährige Amtszeiten vor; weil seine erste, 2016 begonnene Periode nur drei Jahre dauerte, argumentierte er erfolgreich, diese zähle nicht. 2019 und 2023 wurde er jeweils ohne Gegenkandidat bestätigt. Die Frist für die Einreichung von Gegenkandidaten für die Wahl im März 2027 endet am 18. November 2026.
Folgen für den Weltfußball: Institutionelle Erosion
Über die Personalfrage hinaus wiegt der strukturelle Schaden. Mit dem FFE-Vorhaben hat die FIFA nach Ansicht von Kritikern eine Linie überschritten, die das Selbstverständnis des Sports als gemeinwohlorientiertes Gut betrifft. Die Drohung der UEFA, künftige Weltmeisterschaften zu boykottieren, ist kein bloßes Ritual: Ein Fernbleiben der europäischen Topnationen würde das wirtschaftliche und sportliche Herzstück der FIFA entwerten. Dass der Verband die Pläne zurückzog, ohne die inhaltlichen Sorgen der Konföderationen auszuräumen, verschafft dem Konflikt eher Dauerhaftigkeit als Lösung.
Zugleich steht die Glaubwürdigkeit der Wettbewerbe auf dem Spiel. Der Fall Balogun hat den Eindruck entstehen lassen, sportgerichtliche Entscheidungen könnten unter dem Einfluss politischer Amts- und Würdenträger verschoben werden. Die Verleihung des Friedenspreises an Trump sowie die persönliche Inszenierung Infantinos als globaler „Ein-Mann-Marke“ verstärken den Eindruck einer Präsidialherrschaft jenseits institutionalisierten Kräfteausgleichs. In Rabat hatte Infantino unlängst auf einem internen Spitzentreffen noch demonstrativ die „volle Unterstützung“ der Mitarbeiter entgegengenommen; die europäische Antwort nur 48 Stunden später war ein deutlicher Beleg dafür, dass diese Geste nicht ausreichte, die Revolte einzudämmen.
Sollte es der UEFA und ihren Verbündeten bis November nicht gelingen, einen wählbaren Gegenkandidaten zu präsentieren, stehen die Chancen auf eine Ablösung Infantinos – gemessen an den Mehrheitsverhältnissen in Afrika, Teilen Asiens und Südamerikas – aus heutiger Sicht begrenzt. Der norwegische Vorstoß ist deshalb auch dann folgenreich, wenn er formal ohne unmittelbare Wirkung bleibt: Er hat die Schwelle dessen, was innerhalb der FIFA sagbar ist, verschoben und aus verdecktem Unmut einen offenen Ruf nach personeller Erneuerung gemacht. Ob er zu einer nachhaltigen Reform oder zur dauerhaften Spaltung des Weltfußballs führt, hängt nun davon ab, ob Europas Verbände ihre Boykott- und Kandidatenkarten in den kommenden Wochen glaubwürdig mit Leben füllen.
Foto: Bryan Berlin (Wikipedia)
Quellennachweise
[1] Associated Press (via AOL/WUSA9): „Norway’s soccer federation calls on Gianni Infantino to resign over failed World Cup plan“, 7. August 2026. Link
[2] BBC Sport: „Gianni Infantino: Norway call for Fifa president to resign but Mexico and Argentina show support“, 7. August 2026. Link
[3] The Guardian: „Fifa accused of ‘selling the soul of football’ over $20bn World Cup commercial rights sale plan“, 28. Juli 2026. Link
[4] The Athletic: „UEFA nations agree to boycott World Cups over FIFA’s private investment plans“, 30. Juli 2026, sowie „Breaking down FIFA’s stake sale“, 30. Juli 2026. Link
[5] Sportico: „FIFA’s $4.2B Stake Sale Doubles Down on 2 Major Criticisms“, 28. Juli 2026. Link
[6] Axios: „Trump called FIFA’s Infantino over Balogun suspension“, 5. Juli 2026. Link
[7] ESPN: „Gianni Infantino reported to IOC over Donald Trump ties at World Cup“, 14. Juli 2026. Link
[8] The Guardian (Kommentar): „All the presidents’ meddling: the Balogun scandal shows how Fifa can break football“, 8. Juli 2026. Link
[9] kicker / SID: „‘Gibt keinen Weg zurück’: Norwegischer Verband fordert Infantino-Rücktritt“, 7. August 2026. Link
[10] Asharq Al-Awsat: „Norway FA President Klaveness Calls on FIFA Boss Infantino to Resign“, 7. August 2026. Link
Hinweis: Dieser Artikel fasst Meldungen internationaler Nachrichtenagenturen und Fachmedien zusammen und gibt den Stand vom 7. August 2026 wieder. Zitate sind durch die jeweils zitierte Quelle belegt. Die Wertungen („nicht nachvollziehbar“) spiegeln die Argumentation der kritisierenden Verbände und Medien wider, nicht eine eigene Rechtsfeststellung.











