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Startseite Wissenswertes

Faktencheck · Arbeitswelt und psychische Gesundheit – Mobbing erhöht Suizidrisiko: Langzeitwirkungen von Mobbing

by Redaktion
06.09.2026
in Wissenswertes
Lesezeit: 14 mins read
BRISANT greift das Thema Cybermobbing auf
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Jeder fünfte Suizid wegen Mobbing am Arbeitsplatz? – Analysiert und journalistisch zusammengetragen vom Recherche-Team NACHRICHTEN REGIONAL

Suizidgedanken und suizidales Verhalten gehören zu den schwerwiegendsten und extremsten Gefahren von anhaltendem Mobbing und Cybermobbing. Mobbing, also das Schikanieren, Ärgern und Quälen von Mitmenschen, hat zahlreiche negative Auswirkungen. So ist zum Beispiel bekannt, dass Kinder und Jugendliche, die von Gleichaltrigen schikaniert werden, sich zurückziehen, depressiv werden und in der Schule nachlassen. „Personen, die in Kindheit und Jugend schikaniert worden waren, wiesen ein dreimal höheres Suizidrisiko auf als Personen ohne solche Erfahrungen“, berichten die Autoren. Intensives Mobbing beeinträchtigt ihrer Meinung nach das Selbstwertgefühl, begünstigt Depressionen und fügt den Opfern so schwerwiegende psychische Verletzungen zu, dass diese als einzigen Ausweg den Suizid sehen. Wissenschaftliche Untersuchungen und Fachorganisationen bestätigen regelmäßig, dass Betroffene ein deutlich erhöhtes Risiko für Depressionen, Angststörungen, soziale Isolation und im schlimmsten Fall Selbsttötungsabsichten, veröffenticht das Deutsche Ärzteblatt bereits im Jahre 2011.

„20 Prozent aller Suizide geschehen wegen Mobbing am Arbeitsplatz – rund 2.000 pro Jahr.“ Diese Behauptung kursiert seit Jahren in Beratungsflyern, auf Webseiten der Mobbing-Szene und in Tageszeitungen. Wir sind ihrer Spur gefolgt – durch amtliche Statistiken, 40 Jahre alte Forschungsaufsätze und internationale Registerstudien. Das Ergebnis: Die Zahl ist unhaltbar. Das Problem dahinter ist real.

Die Zahl wirkt präzise – und gerade deshalb glaubwürdig: Jedes Jahr, so die Behauptung, nehmen sich rund 2.000 Menschen in Deutschland das Leben, „wegen“ Mobbing am Arbeitsplatz, eine „Schätzung von Fachleuten“, als Quelle werden „Mobbingberatungen“ und die in der Suizidprävention tätigen „Arbeitskreis Leben“-Vereine genannt. Amtlich erfasst werde das nicht – „werden wohl als Psychische Krankheit geführt“, heißt es in der kursierenden Fassung. Doch die Spur der Zahl verläuft verschlungen: Sie führt zu einer vorsichtigen Grobschätzung aus dem Schweden der 1980er-Jahre – und zu Forschung, die heute deutlich mehr belegt, aber deutlich weniger behauptet.

DER FAKTENCHECK IM ÜBERBLICK Behauptung: 20 % aller Suizide geschahen wegen Mobbing am Arbeitsplatz – rund 2.000 Fälle pro Jahr; amtlich tauche das nicht auf, es werde „als psychische Krankheit“ geführt.Einordnung: Unhaltbar als Statistik. Es gibt weder eine amtliche Erfassung noch eine belastbare deutsche Studie für diesen Wert. Die Zahl stammt aus einer Schätzung des Mobbing-Pioniers Heinz Leymann für Schweden (1980er/90er-Jahre) und wurde auf Deutschland übertragen. Amtlich erfasst werden Suizide sehr wohl als Suizide – nicht „als psychische Krankheit“.Was stimmt: Die Todesursachenstatistik erfasst keine Anlässe für Suizide. Und internationale Register- und Meta-Analysen belegen: Mobbing am Arbeitsplatz erhöht das Risiko für Suizidgedanken und suizidales Verhalten deutlich – allerdings in einer Größenordnung, aus der sich „20 Prozent aller Suizide“ nicht ableiten lässt.Recherchestand: 5. September 2026.

Was die Statistik zählt – und was sie nicht sieht

Im Jahr 2024 beendeten in Deutschland 10.372 Menschen durch Suizid ihr Leben, meldet das Statistische Bundesamt: 0,7 Prozent mehr als im Vorjahr, 7.414 Männer und 2.958 Frauen und damit rund ein Prozent aller Todesfälle. Mehr Menschen sterben hierzulande durch Suizid als im Straßenverkehr; weltweit schätzt die WHO die Zahl auf über 720.000 pro Jahr.[1][2] Kurz nachgerechnet: 20 Prozent der deutschen Suizide 2024 wären 2.074 Fälle – die „rund 2.000“ der Behauptung sind also zumindest rechnerisch stimmig. Doch genau dort endet die Übereinstimmung mit der Realität. Denn niemand erhebt die Zahl.

Die Todesursachenstatistik erfasst den Todesmechanismus: „vorsätzliche Selbstbeschädigung“, verschlüsselt nach der internationalen Krankheitsklassifikation ICD-10 (Todesursachen X60 bis X84). Was sie nicht kennt, ist der Anlass. „Andere Gründe, z. B. subjektive Motive, werden in der Todesursachenstatistik nicht erfasst“, stellte die bayerische Staatsregierung bereits 2019 in einer parlamentarischen Antwort klar – auch auf konkrete Nachfrage nach Mobbing gab es keine Erhebung.[3] Auch der Bundesregierung liegen keine offiziellen Daten zu Mobbing in der Arbeitswelt vor; stattdessen vergab sie ein Forschungsprojekt an die Universität Leipzig, dessen Ergebnisse seit 2024/25 vorliegen.[4] Eine Rubrik „Suizid wegen Mobbing am Arbeitsplatz“ existiert schlicht nicht.

Damit zur zweiten Behauptung, solche Suizide würden „wohl als psychische Krankheit geführt“: Das ist falsch. Ein Suizid wird im Totenschein und in der Statistik als Suizid codiert, nicht als „psychische Erkrankung“ verbucht. Richtig ist an der Aussage nur die Blickrichtung: In der Mehrheit der Suizide findet sich in der Krankengeschichte eine psychiatrische Störung. Meta-Analysen sogenannter psychologischer Autopsien – nachträgliche Interviews mit Angehörigen und Behandelnden – beziffern den Anteil auf 87 bis 91 Prozent.[17] Selbst das Bundesverfassungsgericht zitiert in seinem Urteil zur organisierten Sterbehilfe den runden Wert: In „rund 90 % der tödlichen Suizidhandlungen“ lägen psychische Störungen vor, darunter Depressionen in etwa 40 bis 60 Prozent der Fälle.[18] Neuere amtliche Analysen aus den USA und Italien halten den Anteil allerdings für deutlich geringer – eher rund die Hälfte – und Fachleute warnen davor, den statistischen Fokus auf Diagnosen zum Anlass, den sozialen Kontext aus dem Blick zu verlieren.[22] Denn oft ist es umgekehrt: Die Depression ist nicht die Alternative zum Mobbing-Anlass, sondern dessen Folge.

Die Spur der Zahl führt ins Schweden der Achtzigerjahre

Der Begründer des Mobbing-Begriffs in der Arbeitswelt war der deutschstämmige schwedische Arbeitspsychologe Heinz Leymann, der ab 1980 eine Klinik für Mobbing-Opfer betrieb. Aus Arztberichten und eigenen klinischen Fällen gewann er den ungefähren Eindruck, dass in Schweden pro Jahr zwischen 100 und 300 der damals etwa 1.800 Suizide einen Mobbing-Hintergrund hätten – „also etwa 10 bis 15 Prozent der Gesamtzahl der Suizide in Schweden“, schrieb er 1990 im Fachjournal Violence and Victims.[5] In einer Übersichtsarbeit von 1996 wurde die Spanne noch breiter: „Zwischen 10 und 20 Prozent“ der jährlichen Suizide hätten Mobbing-Prozesse im Hintergrund; nüchterner formuliert: „etwa jeder 15. bis jeder 6. amtlich registrierte Suizid“.[6] Leymann selbst bezeichnete diese Zahl ausdrücklich als indikatorische Grobeinschätzung – eine Orientierung auf Basis von Fallberichten, keine Empirie.

Doch einmal in der Welt, lernte die Zahl wandern – auch nach Deutschland. Die Mobbing-Beratungsszene griff sie als Warnsignal auf: „Zwar existieren keine offiziellen Zahlen über die Suizide durch Mobbing, aber in Fachkreisen werden Zahlen aus dem Ausland auch für Deutschland relevant erachtet und mit ca. 15 bis 20 % beziffert. Dies ist in Deutschland eine Größenordnung von rund 2.000 Toten durch Psychoterror am Arbeitsplatz pro Jahr“, heißt es auf einer vielgelesenen arbeitsrechtlichen Informationsseite zum Thema – fast wortgleich mit der eingangs zitierten Behauptung.[7] Ein gewerkschaftsnahes Expertenportal nennt dieselbe Spanne „15 bis 20 % der Selbstmorde“ bei damals noch „11.000 Selbstmorden im Jahr“.[8] Die kursierende Kurzfassung verweist dabei auf „Mobbingberatungen“ und die Arbeitskreis-Leben-Vereine der Suizidprävention – Organisationen, die Beratung seriös anbieten, aber selbst keine eigene statistische Erhebung betreiben.

Bezeichnend ist, dass die Quellenzuschreibung mit jeder Weiterverbreitung wechselt: Der stern beruft sich auf eine „Studie des TÜV Rheinland“, die Stuttgarter Nachrichten schreiben, „Mediziner führ(t)en bis zu 20 Prozent aller Suizide in Deutschland auf Mobbingattacken zurück“ – jeweils ohne Studientitel, Jahr oder Methodik.[9] So wandelt sich eine jahrzehntealte schwedische Schätzung zur scheinbar aktuellen deutschen Messgröße: ein klassisches Muster der „modernen Sage“ – eine freischwebende Zahl, deren fehlende Überprüfbarkeit ihre Verbreitung augenscheinlich nicht bremst, sondern erst recht attraktiv macht.

Was die Forschung heute zeigt: erhöhtes Risiko – aber kein Fünftel

Dass die 20-Prozent-Legende wissenschaftlich unhaltbar ist, heißt nicht, der Zusammenhang wäre erfunden. In den vergangenen Jahren sind erstmals große längsschnittliche Studien und Meta-Analysen erschienen:

  • Registerstudie Dänemark (2022). Über 98.000 Erwerbstätige wurden befragt und im Mittel 7,3 Jahre mit Kranken- und Todesregistern verknüpft. Nach berichtetem Mobbing lag das Risiko für Suizidversuch oder Tod durch Suizid 1,65-mal höher als ohne Mobbing (Hazard Ratio 1,65; bei Männern signifikant, bei Frauen nicht). Für vollendete Suizide lag der Schätzer bei 2,08, war aber unsicher (Konfidenzintervall 0,82 bis 5,27).[10]
  • Multikohorten-Analyse (2023). Daten aus Finnland, Schweden und Dänemark plus eine Metaanalyse zeigten bei Gemobbten ein 1,32-faches Risiko für Suizid oder Suizidversuch. Wurde berücksichtigt, welche Teilnehmer:innen bereits zu Studienbeginn psychische Belastungen hatten, schrumpfte der Schätzer auf 1,16 und war statistisch nicht mehr signifikant – Hinweis darauf, dass Mobbing und seelische Vorerkrankung sich überlagern.[11]
  • Metaanalyse (2023). Über 15 Studien hinweg berichteten Mobbing-Betroffene doppelt so häufig Suizidgedanken (Odds Ratio 2,03) und ein 2,67-faches Risiko suizidalen Verhaltens; die Prävalenz von Suizidgedanken lag bei 18 Prozent, von suizidalem Verhalten bei 4 Prozent.[12] Eine frühere systematische Übersicht (Leach, Poyser & Butterworth, 2017) kam bereits zu „starker Evidenz“ für den Zusammenhang mit Suizidgedanken.[13]
  • Korea (2025). Eine Erhebung aus 2025 fand bei häufigem Mobbing ein um 81 Prozent erhöhtes Risiko für Suizidgedanken und ein mehr als vierfach erhöhtes Risiko für Suizidversuche – unabhängig vom Depressionsstatus.[14] Eine norwegische Drei-Wellen-Studie (2016) hatte zudem gezeigt, dass Suizidgedanken nach Mobbing zunehmen – Rückrichtungen fanden sich nicht; das stützt die Interpretation Mobbing → Suizidalität.[23]

Das Muster ist konsistent: Mobbing ist ein realer, eigenständiger Risikofaktor, besonders für Suizidgedanken. Doch daraus lässt sich kein Anteil „20 Prozent aller Suizide“ ableiten. Erstens messen die Studien relative Risiken statt Todesfälle. Zweitens sind die absoluten Risiken klein – Suizid ist ein seltenes Ereignis. Drittens entzieht sich die Einzelzuordnung praktisch jeder Statistik: Suizide entstehen in der Regel aus einem Bündel sich gegenseitig verstärkender Belastungen – darauf verweisen WHO und Suizidforschung seit Jahrzehnten. Eine monokausale Formel „wegen Mobbing“ aus dem Statistischen aufrechtzuerhalten, wäre keine Information, sondern rhetorische Vereinfachung.

DIE GEGENPROBE: WÜRDEN 20 PROZENT DIE WIRKLICHKEIT ÜBERZEICHNEN? 20 % der 10.372 Suizide (2024) = rund 2.070 Fälle pro Jahr.Gemobbt im Job sind laut Mobbing-Report 2024 6,5 Prozent der abhängig Erwerbstätigen binnen sechs Monaten – auf gut 40 Millionen Beschäftigte grob hochgerechnet rund 2,6 Millionen Menschen.[15]Unterstellte 2.070 Suizide auf 2,6 Millionen Gemobbte = eine Suizidrate von rund 80 je 100.000 – rund sechsmal so hoch wie in der Gesamtbevölkerung (≈ 12 je 100.000).[1]Die Registerstudien belegen ein 1,3- bis 2-fach erhöhtes Risiko[10][11] – nicht das Sechsfache. Auch wenn man die höheren Raten im mittleren Erwerbsalter einrechnet (der implizierte Faktor sinkt dann auf etwa vier bis fünf), bleibt ein weites Feld zwischen Schätzung und Nachweis. Lesart: Die 20-Prozent-Zahl überzeichnet den belegten Zusammenhang vermutlich deutlich. Solche Faustrechnungen taugen nur zur Plausibilitätsprüfung – sie ersetzen keine Daten, die Deutschland bis heute nicht erhebt.

Warum „der Mobbing-Suizid“ als Kategorie scheitert

Die Debatte droht in beide Richtungen falsch zu laufen: Weder die Behauptung „ein Fünftel“ noch das Gegenargument „Mobbing sei doch nur Psychologie“ werden dem Phänomen gerecht. In psychologischen Autopsien ist die Kombination mehrerer Ursachen die Regel – psychische Erkrankung, traumatische Krise, finanzielle Not, Beziehungsverlust, Sucht – und der Arbeitsplatz kann die Zündschnur, ein Verstärker oder gerade ein Schutzfaktor sein. Internationale Empfehlungen zur Berichterstattung über Suizid – etwa die Leitlinien der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, auf die selbst das Statistische Bundesamt verweist – warnen deshalb vor monokausalen Zuschreibungen ebenso wie vor detailreicher Darstellung von Methoden.[1][20] Diese Regeln gelten auch für öffentlich kursierende Prozentzahlen.

Das reale Ausmaß: etwa jede und jeder Fünfzehnte gemobbt

Wie verbreitet Mobbing am Arbeitsplatz wirklich ist, ist seit Kurzem wieder gut belegt: Der Mobbing-Report 2024 – eine repräsentative Telefonbefragung von 5.015 abhängig Erwerbstätigen im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, verantwortet vom Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health (ISAP) der Universität Leipzig gemeinsam mit der TU Dresden und der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) – kommt auf 6,5 Prozent Betroffene innerhalb der letzten sechs Monate; 4,4 Prozent berichten Mobbing durch Kolleg:innen, 3,5 Prozent durch Vorgesetzte. Besonders getroffen werden junge Beschäftigte (11,4 Prozent der 18- bis 29-Jährigen), Auszubildende (11,9 Prozent), Arbeiter:innen (10,3 Prozent) sowie Menschen mit niedrigem sozioökonomischem Status und Migrationshintergrund.[15] Auf die Erwerbstätigen insgesamt hochgerechnet geht es dabei um Millionen Menschen. Zum Vergleich: Schon der erste Mobbing-Report 2002 hatte einen Anteil von 11,3 Prozent ermittelt, die mindestens einmal im Erwerbsleben gemobbt wurden.[16] Das Problem ist kein Relikt der 90er-Jahre – die Zahlen sind stabil hoch.

Straf- und zivilrechtlich ist Mobbing in Deutschland kein eigener Tatbestand, aber kein rechtsfreier Raum: Die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers (§ 618 BGB), das allgemeine Persönlichkeitsrecht und das Antidiskriminierungsrecht decken Schikane ab; das Arbeitsschutzgesetz verpflichtet Arbeitgeber zudem, psychische Belastungen in der Gefährdungsbeurteilung zu erfassen (§ 5 Abs. 3 Nr. 6 ArbSchG) – hierzu gibt es Leitlinien der Gemeinsamen Deutschen Arbeitsschutzstrategie, in deren Koalitionsarbeit der Bundeskabinett einen „Aktionsplan Gesunde Arbeit“ vorsieht.[4] Flächendeckende Statistik bleibt aber aus – die Dschungel bleibt dem privaten Beratungsmarkt überlassen. Der wiederum hat ein berechtigtes Interesse daran, das Problem sichtbar zu machen – und die nicht belegte 20-Prozent-Formel ist das rhetorisch wirksamste, nicht das präziseste Werkzeug dafür. Eine differenzierte Informationspolitik würde der Aufmerksamkeit für das Thema mehr helfen als eine übertriebene Zahl, die bei jeder Nachfrage wackelt.

Der Blick nach Frankreich: Wenn Chefetagen zur Rechenschaft gezogen werden

Dass der Zusammenhang von Arbeitsorganisation und Suizid juristisch ernst genommen werden kann, zeigt der Präzedenzfall France Télécom: 2008 und 2009 nahmen sich 35 Beschäftigte des Konzerns das Leben – im Zentrum der späteren Ermittlungen stand eine Umbau-Strategie, die Beschäftigte rigiden Leistungs- und Versetzungsdruck aussetzte – Gewerkschaften und die Arbeitsinspektion sprachen von „Psychoterror“. 2019 verurteilte ein Pariser Gericht den früheren Konzernchef Didier Lombard wegen „moralischer Schikane“ auf institutioneller Ebene zu einer Gefängnisstrafe; in dem Verfahren wurden 19 Suizide und zwölf Suizidversuche aufgearbeitet.[19] Das Urteil ändert nichts an der deutschen Statistikfrage. Es zeigt aber: Wo Schikane und Managementmethoden gerichtlich aufgearbeitet werden, entsteht Transparenz – genau dort, wo amtliche Statistiken sie vermissen lassen.

Was gegen Mobbing hilft – und wo Betroffene Unterstützung finden

Arbeitsmedizinisch bewährt haben sich klare interne Beschwerdewege, betriebliche Mobbing-Beauftragte oder Konfliktlots:innen, geschulte Führungskräfte und ein auffälligkeitsbasiertes Frühwarnsystem – etwa bei häufigen Krankentagen in einzelnen Abteilungen, ungewöhnlichen Fluktuationszahlen oder plötzlichen Leistungseinbrüchen. Wer selbst betroffen ist, sollte Vorfälle datumsgenau dokumentieren und sich früh Unterstützung suchen: beim Betriebsrat, bei Gewerkschaften, in arbeitsrechtlicher Beratung – und arbeitspsychologisch in Mobbing-Beratungsstellen. Wichtig ist außerdem die Grenze: Suizidgedanken nach Mobbing sind ein medizinischer Notfall, kein Personalproblem.

HILFE FÜR BETROFFENE UND ANGEHÖRIGE Telefonseelsorge – kostenlos, rund um die Uhr: 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222; Chat- und Mailberatung über www.telefonseelsorge.de [21]Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention (DGS) – Adressbuch mit Beratungsstellen: www.suizidprophylaxe.deArbeitskreis Leben (AKL) – regionale Angebote der Suizidprävention u. a. in Baden-Württemberg (u. a. U25-Beratung für junge Menschen): www.ak-leben.deBei akuter Gefahr: Notruf 112 oder die nächste psychiatrische Notaufnahme.

Fazit

Die Behauptung „20 Prozent aller Suizide wegen Mobbing am Arbeitsplatz, rund 2.000 pro Jahr“ ist keine Messgröße, sondern eine jahrzehntealte, wiederholt falsch attributierte Schätzung aus Schweden – überhöht gegenüber allem, was moderne Registerforschung seither gemessen hat. Als Statistik: widerlegt. Doch das Gegenteil der Legende wäre ebenso falsch: Mobbing am Arbeitsplatz ist nach heutiger Evidenzlage ein realer, schwerwiegender Risikofaktor – für Depressionen wie für Suizidalität. Und eine amtliche Statistik, die den sozialen Auslöser nicht erfasst, macht das Problem unsichtbarer, als es ist. Die ehrliche Zeile lautet daher: Es gibt keine belastbare Zahl – und den Beleg dafür, wie belastbar die Gefahr wäre. Die Forschung liefert heute beides: Die Sorge ist begründet, die Zahl ist es nicht.

Methodik und Transparenz: Dieser Beitrag wurde am 5. September 2026 – vor dem Welttag der Suizidprävention am 10. September[2] – erstellt; KI-gestützt recherchiert und redaktionell verfasst. Grundlage sind öffentlich zugängliche amtliche Statistiken, parlamentarische Dokumente und begutachtete Fachliteratur; alle Zitate wurden gegen die im Quellenverzeichnis genannten Stellen geprüft. Die Berichterstattung folgt den Empfehlungen der Stiftung Deutsche Depressionshilfe zur Berichterstattung über Suizid.[20]

Quellenverzeichnis

[1] Statistisches Bundesamt (Destatis): „Zahl der Todesfälle aufgrund von Suizid 2024 leicht gestiegen“ / Todesursachen: Suizid. Stand 15.10.2025. https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Todesursachen/suizid.html

[2] Statistisches Bundesamt (Destatis): Internationale Todesursachenstatistik: Suizide (u. a. WHO/IASP-Welttag 10. September; WHO-Schätzung > 720.000 Suizide weltweit; > 10.300 Suizide in Deutschland 2023). Stand 2025. https://www.destatis.de/DE/Themen/Laender-Regionen/Internationales/Thema/bevoelkerung-arbeit-soziales/gesundheit/Suizid.html

[3] Bayerischer Landtag, Drucksache 18/5037: Schriftliche Anfrage Dr. Simone Strohmayr (SPD) v. 11.10.2019 und Antwort der Staatsregierung v. 26.11.2019. Zitat: „Die Todesursachenstatistik erfasst die Suizidart. Andere Gründe, z. B. subjektive Motive, werden in der Todesursachenstatistik nicht erfasst.“ https://www1.bayern.landtag.de/www/ElanTextAblage_WP18/Drucksachen/Schriftliche%20Anfragen/18_0005037.pdf

[4] Deutscher Bundestag, Drucksache 20/9263 (13.11.2023): Antwort der Bundesregierung – u. a. keine amtlichen Daten zu Mobbing; Forschungsprojekt zur „Erhebung von aktuellen Daten zum Thema Mobbing in der Arbeitswelt“ (Universität Leipzig), Abschluss Mai 2024. https://dserver.bundestag.de/btd/20/092/2009263.pdf

[5] Leymann, H. (1990): Mobbing and Psychological Terror at Workplaces. Violence and Victims 5(2), S. 119–126 (Schätzung: 100–300 Suizide pro Jahr in Schweden mit Mobbing-Hintergrund, „about 10%–15% of the total number of suicides in Sweden each year“). Volltext: https://www.mobbingportal.com/LeymannV&V1990(2).pdf

[6] Leymann, H. (1996): The content and development of mobbing at work. European Journal of Work and Organizational Psychology 5(2), S. 165–184 (übersetzt aus der spanischsprachigen Fassung: „zwischen etwa 10 und 20 Prozent der jährlichen Suizide hätten Mobbing-Prozesse im Hintergrund“; „jeder 15. bis jeder 6. amtlich registrierte schwedische Suizid“). Volltext: https://www.kwesthues.com/e-LeymannEJWOP1996.pdf

[7] dr-etzel.de: „Mobbing“ („Zwar existieren keine offiziellen Zahlen über die Suizide durch Mobbing, aber in Fachkreisen werden Zahlen aus dem Ausland auch für Deutschland relevant erachtet und mit ca. 15 bis 20 % beziffert. Dies ist in Deutschland eine Größenordnung von rund 2.000 Toten durch Psychoterror am Arbeitsplatz pro Jahr.“). Abruf am 5.9.2026. https://www.dr-etzel.de/mobbing

[8] experto.de: „Selbstmord als letzter Ausweg aus der Mobbing-Falle?“ (7.5.2019) – Spanne „15 bis 20 % der Selbstmorde“ in Deutschland. https://www.experto.de/businesstipps/selbstmord-als-letzter-ausweg-aus-der-mobbing-falle.html

[9] stern.de: „Krisengebiet Arbeitsplatz: Mobbing endet häufig tödlich“ (verweist auf „Studie des TÜV Rheinland“), Abruf am 5.9.2026: https://www.stern.de/wirtschaft/job/krisengebiet-arbeitsplatz-mobbing-endet-haeufig-toedlich-3507948.html · Stuttgarter Nachrichten: „Mobbing: Üble Hetze via Internet“ (21.2.2020; „Mediziner führen bis zu 20 Prozent aller Suizide in Deutschland auf Mobbingattacken zurück“): https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.mobbing-ueble-hetze-via-internet.dfda9431-a982-4464-99cb-6ef099d6a2c0.html

[10] Conway, P. M., Erlangsen, A., Grynderup, M. B. u. a. (2022): Workplace bullying and risk of suicide and suicide attempts: A register-based prospective cohort study of 98.330 participants in Denmark. Scandinavian Journal of Work, Environment & Health 48(6), S. 425–434, doi:10.5271/sjweh.4034. https://www.sjweh.fi/show_abstract.php?abstract_id=4034

[11] The Lancet Public Health (2023): Association of workplace violence and bullying with later suicide risk: a multicohort study and meta-analysis of published data (Mobbing: HR 1,32 [1,09–1,59]; nach Adjustierung für psychische Vorerkrankungen 1,16 [0,96–1,41]). doi:10.1016/S2468-2667(23)00096-8. https://www.thelancet.com/journals/lanpub/article/PIIS2468-2667(23)00096-8/fulltext

[12] Luo, Z., Wang, J., Zhou, Y., Mao, Q., Lang, B., Xu, S. (2023): Workplace bullying and suicidal ideation and behaviour: a systematic review and meta-analysis. Public Health 222, S. 166–174, doi:10.1016/j.puhe.2023.07.007.

[13] Leach, L. S., Poyser, C., Butterworth, P. (2017): Workplace bullying and the association with suicidal ideation/thoughts and behaviour: a systematic review. Occupational and Environmental Medicine 74(1), S. 72–79, doi:10.1136/oemed-2016-103726.

[14] Scientific Reports 15 (2025), Artikel vom 26.2.2025: Revealing the confluences of workplace bullying, suicidality, and their association with depression (OR Suizidgedanken 1,47/1,81; OR Suizidversuch 2,27/4,43). doi:10.1038/s41598-025-87137-x. https://www.nature.com/articles/s41598-025-87137-x

[15] DGUV Forum 7–8/2025: „Mobbing am Arbeitsplatz – Ergebnisse einer repräsentativen Studie für Deutschland“ (Mobbing-Report 2024: 6,5 % Sechs-Monats-Prävalenz; 18–29-Jährige 11,4 %; Auszubildende 11,9 %). https://forum.dguv.de/ausgabe-7-8-2025/mobbing-am-arbeitsplatz-ergebnisse-einer-repraesentativen-studie-fuer-deutschland/

[16] Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin: Der Mobbing-Report (Forschungsbericht Fb951, 2002; Gesamt-Mobbingbetroffenheit 11,3 %). https://www.baua.de/DE/Angebote/Publikationen/Schriftenreihe/Forschungsberichte/2002/Fb951.pdf

[17] Arsenault-Lapierre, G., Kim, C., Turecki, G. (2004): Psychiatric diagnoses in 3275 suicides: a meta-analysis. BMC Psychiatry 4:37 (87,3 %); sowie Cavanagh, J. T. O. u. a. (2003): Psychological autopsy studies of suicide: a systematic review. Psychological Medicine 33(3), S. 395–405 (91 %). https://doi.org/10.1186/1471-244X-4-37

[18] Bundesverfassungsgericht, Urteil vom 26.2.2020 – 2 BvR 2347/15, Randnr. 245 („in rund 90 % der tödlichen Suizidhandlungen psychische Störungen, insbesondere in Form einer Depression (in etwa 40–60 % der Fälle)“). https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/2020/02/rs20200226_2bvr234715.html

[19] Süddeutsche Zeitung (22.12.2019): „Frankreich: Mobbing mit Todesfolge“ (Urteil im France-Télécom-Verfahren: 19 Suizide, 12 Suizidversuche Gegenstand). https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/france-telecom-didier-lombard-1.4731925 · FAZ (7.7.2016): „35 Selbstmorde: Prozess gegen France Télécom wegen Suiziden“. https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/recht-steuern/35-selbstmorde-prozess-gegen-france-telecom-wegen-suiziden-14328533.html · taz (9.4.2010): „46 Beschäftigte begingen Selbstmord: Strafverfahren gegen France Télécom“. https://taz.de/46-Beschaeftigte-begingen-Selbstmord/!5144669/

[20] Stiftung Deutsche Depressionshilfe: Empfehlungen zur Berichterstattung über Suizid (Referenz auch auf der Destatis-Seite zur Todesursachenstatistik). https://www.deutsche-depressionshilfe.de/medien

[21] Telefonseelsorge: 0800 111 0 111 / 0800 111 0 222 (kostenlos, rund um die Uhr). https://www.telefonseelsorge.de

[22] Springer Medizin (2024): „Wird die Rolle von psychischen Erkrankungen beim Suizid überbewertet?“ – Diskussion des 90-%-Werts; amtliche Analysen aus den USA und Italien schätzen den Anteil mit Diagnose auf höchstens rund 50 %. https://www.springermedizin.de/suizid/suizid/wird-die-rolle-von-psychischen-erkrankungen-beim-suizid-ueberbew/19938092

[23] Nielsen, M. B. u. a. (2016): Does exposure to bullying behaviors at the workplace contribute to later suicidal ideation? A three-wave longitudinal study. Scandinavian Journal of Work, Environment & Health 42(3), S. 246–250. https://www.sjweh.fi/article/3554

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Schlagworte: Faktencheck Arbeitswelt und psychische Gesundheit - Mobbing erhöht Suizidrisiko - Landzeitwirkungen von Mobbing
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