Zusammengetragene Recherchen von Walter Flammuth
Wer in dem pfälzischen Großdorf Haßloch den Namen Karin Hurrle nennt, bekommt schnell die ganze Bandbreite menschlicher Reaktionen zu sehen: Bewunderung, Mitleid, Wut, manchmal auch blankes Entsetzen. Die 72-Jährige bezeichnet sich als freie Investigativjournalistin und Herausgeberin des Online-Nachrichtenportals nachrichten-regional.de. Ihre Anhänger sehen in ihr eine Kämpferin für Pressefreiheit und Opfer einer rachsüchtigen Justiz. Ihre Gegner werfen ihr hingegen vor, Fakten zu verzerren, Menschen zu diffamieren und selbst für den rechtsstaatlichen Ärger mitverantwortlich zu sein. Eines ist unbestritten: Karin Hurrle hat sich ein Leben lang nicht an den Rand gedrängt.
Vom Gemeinderat zur Lokaljournalistin
Karin Hurrles beruflicher Weg ist alles andere als geradlinig. Bekannt wurde sie in Haßloch zunächst als Kommunalpolitikerin der SPD und als Gemeinderätin. Ihr Ehemann Jürgen Hurrle war lange als stellvertretender Bürgermeister in Haßloch aktiv. Diese Nähe zur kommunalen Politik sollte später zu einem ihrer größten journalistischen Kapitalien – und zugleich zu einem dauerhaften Konfliktfeld werden. Mit dem Wechsel vom Ratssaal ins Redaktionsbüro wollte Hurrle Insiderwissen in Journalismus umwandeln. Sie gründete das Nachrichtenportal nachrichten-regional.de, das sich auf lokale und überregionale Skandalberichterstattung spezialisierte. Dabei verstand sie sich nicht als klassische Lokalreporterin, sondern als „Investigativjournalistin von unten“: ohne großen Verlag im Rücken, mit wenig Budget, dafür mit viel Eigeninitiative und einem ausgeprägten Misstrauen gegenüber Behörden, Parteien und Justiz.
Themen, bei denen sie „den Finger in die Wunde legt“
Hurrles publizistisches Spektrum ist breit, die Schwerpunkte aber klar erkennbar:
- Justizkritik und angebliche Justizskandale: Ihr zentrales Thema ist die Kritik an der deutschen Rechtsordnung. Sie berichtet über vermeintlich willkürliche Richter, Pflichtverteidiger, die ihre Mandanten verraten, und Strafverfahren, die als politisch motivierte Verfolgung dargestellt werden.
- Kommunalpolitik und Wirtschaftsunternehmen: Besonders die Gemeindewerke Haßloch stehen immer wieder im Fokus ihrer Berichterstattung. Hurrle wirft der örtlichen Politik und den Gemeindewerken vor, finanzielle Ungereimtheiten zu vertuschen und Kritiker mit Klagen einzuschüchtern.
- Kindesentzug und Jugendämter: In mehreren Artikeln thematisiert sie Fälle, in denen Eltern ihre Kinder angeblich unrechtmäßig durch Jugendämter entzogen bekamen – ein emotional hoch aufgeladenes Feld, das sie regelmäßig mit der „Selbsthilfegruppe Entsorgte Eltern und Großeltern“ verbindet.
- Pressefreiheit und Whistleblower: 2015 startete Hurrle eine öffentliche Petition an die damalige rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD), in der sie den Schutz von investigativen Journalisten, Bloggern, Autoren und Whistleblowern forderte.
Ihr Selbstverständnis wird in einem Video-Interview von 2015 auf den Punkt gebracht, in dem sie als „Edward Snowden in Rheinland-Pfalz“ bezeichnet wird. Ob solch ein Vergleich angemessen ist oder überzogen, darüber lässt sich streiten. Für Hurrle steht fest: Sie deckt Missstände auf, die andere lieber unter den Teppich kehren.
Der lange Schatten der Gerichtssäle
Wo Hurrle berichtet, folgen häufig Anzeigen. Im November 2014 verurteilte das Amtsgericht Neustadt an der Weinstraße sie wegen angeblicher „übler Nachrede“ zu einer dreijährigen Bewährungsstrafe. Auslöser waren nach eigenen Angaben die Gemeindewerke Haßloch. Hurrle beziffert die Kosten für Rechtsanwälte und Verfahren zusammen mit ihrem Mann auf rund 70.000 Euro.
Die Auseinandersetzungen endeten damit nicht. Im September 2021 standen laut mehreren Berichten sechs Polizisten um 6.30 Uhr vor ihrer Wohnungstür, um einen Haftbefehl vom 21. Juni 2021 zu vollstrecken. Hurrle wurde vorübergehend in die Justizvollzugsanstalt Rohrbach eingeliefert. Ihr wird vorgeworfen, einer Hauptverhandlung am 25. März 2021 unentschuldigt ferngeblieben zu sein – ein Vorwurf, den sie bestreitet. Unterstützer wie der investigative Journalist Heinz Faßbender, selbst früher wegen seiner Recherchen zum „Sachsen-Sumpf“ in die Schlagzeilen geraten, sprechen von „massiven Menschenrechtsverletzungen“ und einer gezielten Einschüchterungskampagne gegen eine Kritikerin. Hurrle selbst sieht sich als Exempel statuiert: „Die wirtschaftliche Existenzvernichtung von Journalisten, Bloggern und Whistleblowern sei eine große und ernste Gefahr auch in Deutschland“, heißt es in ihrer Petition.
Widerspruch und Kritik
Doch das Bild der unbeugsamen Pressefreiheitskämpferin ist nicht ungetrübt. Auf der Gegenseite finden sich Stimmen, die Hurrle selbst für einen Teil des Problems halten. Kritiker werfen ihr vor, Fakten zu ignorieren, Intrigen zu spinnen und mit haltlosen Behauptungen Menschen und Institutionen zu verleumden. Eine Gegenseite bezeichnet sie gar als „wahrheitsresistent“ und fordert, ihre Darstellungen müssten von „echten Journalisten“ objektiv geprüft werden. Auch juristisch hat Hurrle nicht immer obsiegt. Neben der Verurteilung von 2014 liefen und laufen weitere Strafverfahren wegen Beleidigung und übler Nachrede gegen sie. Ob diese Verfahren berechtigt sind oder tatsächlich eine Form der Einschüchterung darstellen, ist Gegenstand hitziger Debatten – und bleibt für Außenstehende ohne Einblick in die kompletten Akten schwer zu bewerten.
Netzwerk der Justizkritiker
Hurrle ist nicht allein. Sie vernetzt sich mit anderen Journalisten und Aktivisten, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben oder deren Berichterstattung sich an ähnlichen Themen entzündet. Dazu gehört der Publizist Roland Regolien von der RRRedaktion aus Ravensburg, der über Fälle wie den Sparkassenskandal im Markgräflerland berichtet. Auch der Verein „Förderung von Transparenz und Gerechtigkeit in der Rechtspflege Rheinland-Pfalz e. V.“ (FTGR) stand in Verbindung mit ihren Prozessen, musste jedoch nach einem verlorenen Prozess Insolvenz anmelden. Diese Vernetzung gibt Hurrle Rückhalt, lässt ihre Berichterstattung aber auch in einem besonderen Echoraum stattfinden: Die meisten Quellen, die über sie berichten, stehen ihr nahe oder teilen ihre Grundannahme, dass die deutsche Justiz kritische Stimmen verfolgt. Unabhängige Recherchen etablierter Medien zu ihrem Fall sind öffentlich nur schwer greifbar.
Fazit: Journalistin, Mahnerin, Reizfigur
Karin Hurrle ist ein Prüfstein für die Frage, wo in Deutschland Investigativjournalismus aufhört und strafrechtlich relevante Diffamierung beginnt. Für die einen ist sie eine tapfere Lokaljournalistin, die trotz Prozessen, Drohbriefen und Haft weiterberichtet. Für die anderen ist sie eine streitbare Frau, die mit brisanten Behauptungen hausieren geht und die Konsequenzen dafür als politische Verfolgung umdeutet. Wo die Wahrheit liegt, werden letztlich Gerichte entscheiden müssen – genau jene Institutionen, deren Unabhängigkeit Hurrle seit Jahren infrage stellt. Bis dahin bleibt sie eine der schillerndsten und umstrittensten Figuren der pfälzischen Medienlandschaft: lästig für Manche, unbequem für Viele, für sich selbst unbeirrbar.
Hinweis: Dieser Artikel beruht auf öffentlich zugänglichen Quellen, darunter Selbstdarstellungen, Blogbeiträge und Berichte aus dem Umfeld der Protagonistin. Rechtliche Sachverhalte sind teils umstritten und Gegenstand laufender Verfahren.









