Rekord-Niedrigwasser, ausgetrocknete Flüsse – und ein differenzierter Blick auf die Dürrejahre 1921 und 1949
Fachjournalistische Analyse – Zusammengetragen vom Recherche-Team NACHRICHTEN REGIONAL
Die Flüsse Europas führen derzeit so wenig Wasser wie selten zuvor: Donau und Rhein erreichen Rekord-Tiefstände, das Atomkraftwerk Paks in Ungarn musste seine Leistung drastisch reduzieren, Frachtschiffe fahren mit bis zu 80 Prozent weniger Ladung. Doch sind diese Werte wirklich so beispiellos, wie es die Schlagzeilen suggerieren? Ein Blick auf die großen Dürrejahre 1921 und 1949 zeigt: Die Antwort ist differenzierter als ein einfacher Rekord – und in der Gesamtschau dennoch alarmierend. [1]
Die Lage 2026: Eine Dürre, die man aus dem Weltraum sieht
Der Sommer 2026 ist nach Angaben des Erdbeobachtungsprogramms Copernicus von außergewöhnlicher Hitze und weit verbreiteter Trockenheit geprägt. Zwischen April und Juni fiel in weiten Teilen des Kontinents – von Portugal im Südwesten bis nach Südfinnland im Nordosten – weniger Regen als üblich; mehrere Hitzewellen verstärkten die Verdunstung. Satellitenbilder zeigen dramatisch geschrumpfte Flussläufe, freigelegte Ufer und lange Sandbänke, die sonst tief unter der Wasseroberfläche liegen. [2]
Zwei der wichtigsten Wasserstraßen sind besonders betroffen: Die Donau, die auf ihrem Weg vom Schwarzwald zum Schwarzen Meer zehn Länder durchquert, fiel in Budapest auf ein historisches Tief von etwa zehn Zentimetern – der bisherige Rekord aus dem Jahr 2018 lag bei rund 33 Zentimetern. In Rumänien wurde das Kernkraftwerk Cernavodă teilweise abgeschaltet, in Ungarn reduzierte das AKW Paks seine Leistung auf rund zehn Prozent, weil das warme, niedrige Flusswasser zur Kühlung kaum noch reichte. [2][3]
Am Rhein, der zentralen Verkehrsader für Güter zwischen Rotterdam und den Industriezentren am Oberrhein, fiel der Pegel an der Engstelle Kaub bei Koblenz auf ein Rekordtief von rund 23 Zentimetern (etwa neun Zoll). Kommerzielle Schiffe mussten ihre Ladung um bis zu 80 Prozent reduzieren, um nicht auf Grund zu laufen; auch in Köln und an der deutsch-niederländischen Grenze bei Lobith wurden Rekordwerte gemessen. Der Po in Italien und die Loire in Frankreich führen ebenfalls außergewöhnlich wenig Wasser. [2][3]

Abb. 1: Niedrigster gemessener Tagesabfluss des Rheins bei Köln im Vergleich. Wichtig: Der Pegelstand ist auf Rekordtief, der Durchfluss dagegen nicht. Daten: Bundesamt für Wasserwirtschaft / Bundesarchiv; aktuelle Messwerte 2026.
Bezeichnend ist die räumliche Ausdehnung: Das Niedrigwasser betrifft nicht eine einzelne Region, sondern nahezu ganz Europa. Nach offiziellen Angaben des Niedrigwasser-informationssystems Niwis wurde an der Donau nur noch an 2,4 Prozent der Messstellen kein Niedrigwasser verzeichnet. Hydrologen sprechen von einer seit Monaten bestehenden Niederschlagsarmut in Kombination mit hohen Temperaturen und erhöhter Verdunstung; außerdem liefern die Alpen wegen des geringen Winterschneefalls weniger Schmelzwasser. [3][4]
Langfristige Signale: Grundwasser schwindet
Hinter der akuten Dürre steht ein längerfristiger Trend. Daten der Satellitenmissionen GRACE und GRACE-FO vom GFZ Helmholtz-Zentrum in Potsdam zeigen, dass extreme Zustände der Wasserspeicherung weltweit deutlich häufiger werden: Waren 2009 noch etwa 75 Prozent der Landfläche hydrologisch „normal“, waren es 2025 nur noch knapp ein Drittel. Die trockenen Flächen wuchsen im selben Zeitraum von zwölf auf rund 43 Prozent. [1]

Abb. 2: Anteil der globalen Landfläche nach Wasserspeicher-Status. Der Anteil zu trockener Flächen hat sich seit 2009 nahezu vervierfacht. Quelle: GFZ Potsdam, GRACE-FO-Satellitenmission.
Für Deutschland ergeben die Satellitendaten ein fortlaufendes Defizit: Bis Ende 2025 fehlten im Vergleich zum Mittelwert seit 2002 rund 25 Milliarden Tonnen Wasser. Zwar brachte 2024 überdurchschnittlichen Regen und eine vorübergehende Erholung der Speicher, doch 2025 lag die Niederschlagsmenge erneut etwa 18 Prozent unter dem langjährigen Mittel, während höhere Temperaturen die Verdunstung ankurbelten. [1] Eine Studie des University College London bestätigt auf Basis von Satellitendaten ein klares Nord-Süd-Gefälle: Während Skandinavien und Teile Nordwesteuropas feuchter werden, trocknet die Südhälfte des Kontinents – von Spanien und Italien über Frankreich, die Schweiz und Deutschland bis nach Rumänien und der Ukraine – seit zwei Jahrzehnten aus. Besonders besorgniserregend ist, dass auch die Grundwasserspiegel sinken, die eigentlich als klimaresistenter gelten. [5]
Der Blick zurück: Das Dürrejahr 1921
Wer die heutige Krise einordnen will, kommt am Jahr 1921 nicht vorbei – es gilt bis heute als statistische Referenz für extreme hydrologische Dürren in Mitteleuropa. Das Bundesamt für Gewässerkunde (BAFG) nutzt 1921 etwa als Vergleichsmaßstab für die Dürre von 2018. Ausgelöst wurde sie durch trockene Vorbedingungen aus dem Herbst 1920 und wiederholte, lange Trockenphasen im Jahr 1921. [6]
Die Niederschlagsdefizite waren damals extrem: In Kleve fielen nur 62 Prozent des langjährigen Mittels, in Trier 57 Prozent und in Geisenheim gar nur 50 Prozent. An 216 Tagen herrschten niederschlagsarme Großwetterlagen – zum Vergleich: im Dürrejahr 2018 waren es 130 Tage. In den Flüssen führte das zu außergewöhnlich niedriger Wasserführung. Am Rhein sank der Tagesdurchfluss in Köln auf rund 525 Kubikmeter pro Sekunde; auch an Elbe und Donau kam es zu ausgeprägten, teils extremen Niedrigwasserphasen. Da es damals noch kaum große Talsperren gab, liefen die Flüsse weitgehend natürlich leer. [6][7]

Abb. 3: Jahresniederschlag 1921 an ausgewählten Stationen im Rheinland – teils nur die Hälfte des langjährigen Mittels. Quelle: BAFG/Hydrologie.
Das Dürrejahr 1949: „Die schwerste Dürre“
Auch 1949 zählt zu den großen Dürrejahren des 20. Jahrhunderts. Das Bundesamt für Wasserwirtschaft stufte es lange als die schwerste Dürre überhaupt ein. Filmaufnahmen aus dem Bundesarchiv zeigen den Rhein nach monatelanger Dürre: Weite Sand- und Kiesbänke liegen frei, Boote sitzen auf Grund, Fährrampen enden weit über dem Wasser. Auch in der klimahistorischen Forschung taucht 1949 als außergewöhnliches Dürrejahr auf – einem Zeitverlauf zufolge trat nach 1719 bis auf 1949 lange keine extreme Dürre mehr auf. Weitere schwere Dürren dieser Epoche waren 1920/21, 1947, 1959, 1962/63 und 1971/72. [7][8][9]
Die Parallelen zum heutigen Ereignis sind offensichtlich – und doch gibt es einen entscheidenden Unterschied in der Ursachenstruktur: Die historischen Dürren von 1921 und 1949 waren weitgehend natürliche Wetteranomalien, getrieben von hartnäckigen Hochdrucklagen. Die heutige Dürre dagegen ist zusätzlich durch den Klimawandel verstärkt: Höhere Temperaturen erhöhen die Verdunstung und damit die Schwere jedes Niederschlagsdefizits. Die Weltwetterorganisation-nahe Forschung schätzt, dass solche extrem evaporativen Bedingungen im Vergleich zum vorindustriellen Klima deutlich wahrscheinlicher geworden sind. [2][10]
Der direkte Vergleich in Zahlen
Ein Vergleich erfordert Präzision – denn „Pegelstand“ ist nicht gleich „Durchfluss“. Die Tabelle fasst die wesentlichen Kenngrößen zusammen:
| Kriterium | 1921 | 1949 | Heute (2025/2026) |
| Rhein-Abfluss Köln (Tagesmin.) | ~525 m³/s | sehr tief (Pegel) | ~636 m³/s – kein Abfluss-Rekord |
| Pegelhöhe (Rhein) | sehr niedrig | tief („schwerste Dürre“) | Rekordtief (Kaub, Köln, Lobith) |
| Räumliche Ausdehnung | Mittel-/Westeuropa | Mitteleuropa | nahezu ganz Europa |
| Dauer | ca. 1 Jahr (216 Trockentage) | mehrere Monate | seit ~2018, mehrjährig |
| Temperatur-/Verdunstungsanteil | gering | gering–mittel | sehr hoch (Klimawandel) |
| Grundwasser | kaum erfasst | kaum erfasst | messbar sinkend (Satellitendaten) |
| Infrastruktur-Folgen | Schifffahrt, Wasserqualität | Schifffahrt | Schifffahrt (−80 % Ladung), AKW-Kühlung, Wasserkraft |
| Ursachenzuschreibung | natürliche Wetterlage | natürliche Wetterlage | klimawandelverstärkt (40–80× häufiger) |
Tab. 1: Vergleich der Dürrejahre 1921 und 1949 mit der aktuellen Lage. Quellen: BAFG, Bundesamt für Wasserwirtschaft, GFZ, CNN/Reuters, Vulkane.net.
Woran man vorsichtig vergleichen muss
Erstens: Der aktuelle Rhein liegt beim Pegelstand auf Rekordtief, aber die Pegel-Nullpunkte wurden im Lauf der Geschichte mehrfach verschoben – in Köln etwa 1979 um einen Meter – und das Flussbett wurde durch Ausbaggerungen und Erosion verändert. Physikalisch aussagekräftiger ist die Durchflussmenge, also wie viel Wasser pro Sekunde fließt. Hier lag der historische Tagesmindestwert von 1921 mit rund 525 m³/s deutlich unter den aktuell rund 636 m³/s; der heutige Wert schafft es nicht einmal unter die zehn niedrigsten je gemessenen Durchflüsse. [7]
Zweitens: Die Messbarkeit ist eine andere. Für 1921 und 1949 gibt es kaum systematische Grundwasserdaten; die heutige Erfassung über GRACE-FO, Copernicus und dichte Pegelnetze ist wesentlich vollständiger. Ein direkter Zahlenvergleich ist daher nur bedingt möglich. [1][2]
Drittens – und dies ist der entscheidende Unterschied: 1921 und 1949 waren einzelne, von Wetterlagen getriebene Extremjahre. Die heutige Situation dagegen ist eine lang anhaltende, großflächige und hitzebedingte Trockenheit. Genau diese Kombination aus Dauer, Fläche und Temperatur ist historisch beispiellos und wird wissenschaftlich überwiegend dem Klimawandel zugeschrieben. Die Europäische Umweltagentur weist zudem darauf hin, dass nur etwa 37 Prozent der europäischen Oberflächengewässer in gutem ökologischem Zustand sind – der Wassermangel trifft also auf ein ohnehin belastetes System. [2][10][11]
Fazit: Ein Rekord, der kein einfacher Rekord ist
In einzelnen Messgrößen war das Jahr 1921 extremer als heute – am Rhein etwa war der Tagesdurchfluss mit rund 525 m³/s noch einmal deutlich niedriger als der heutige Wert. Und 1949 galt lange als die schwerste Dürre des Bundesamts für Wasserwirtschaft. In der Gesamtbetrachtung aber ist die heutige Lage schwerwiegender: Nie zuvor trocknete so viel Landfläche gleichzeitig so lange aus, nie sank das Grundwasser messbar so deutlich, und nie war die Dürre so stark temperaturabhängig. Während 1921 und 1949 Naturereignisse waren, ist die heutige Krise ein Mensch-Umwelt-Systemphänomen – mit Folgen für Schifffahrt, Energieproduktion, Landwirtschaft und Trinkwasserversorgung, die es in dieser Form früher nicht gab. [1][2][5][6]
Die Frage ist deshalb nicht, ob es je trockener war – sondern ob Europa sich an eine Zukunft gewöhnen muss, in der solche Dürren zur Regel statt zur Ausnahme werden. Die Daten der Satelliten legen genau das nahe.
Quellenverzeichnis
- GFZ Helmholtz-Zentrum für Geosciences (Potsdam), Eva Boergens & Julian Haas: Weltwassertag-Analyse zu GRACE/GRACE-FO-Satellitendaten und globaler Wasserspeicherung; Deutschland-Defizit ~25 Mrd. Tonnen bis Ende 2025.
- CNN / Reuters: „Extreme weather is drying up Europe’s rivers in a crisis so dire it can be seen from space“, 05.08.2026 (Donau/ Budapest, Rhein/Kaub, Paks).
- Vulkane.net: „Deutschland: Extremes Niedrigwasser an Rhein und Elbe“, 30.07.2026; sowie Niedrigwasser-Informationssystem Niwis (Donau-Messstellen).
- FOCUS online / dpa: „Flüsse trocknen aus – Trinkwasser könnte teurer werden“, 06.08.2026.
- University College London (Shamsudduha et al.) / Die Zeit: „Daten zeigen drastischen Schwund der Wasserreserven in Europa“, November 2025.
- Bundesanstalt für Gewässerkunde (BAFG), Hydrologie und Wasserbewirtschaftung, H. 5/2022: „Vergleich der Niedrigwasserjahre 1921 und 2018“.
- Bundesamt für Wasserwirtschaft / Bundesarchiv (Rhein-Niedrigwasser 1949); historische Tagesabflüsse Pegel Köln.
- Zeithistorische Forschungen, 2-2024/2025: „Vom Wassermangel zur Westbindung – die Dürre von 1947“ (Einordnung der Dürrejahrserien).
- NZZ: „Droht jetzt eine neue Jahrtausenddürre?“ – Einordnung der Dürrejahre inkl. 1949.
- Copernicus / JRC-Dürrebericht 2026; European Environment Agency (EEA): Zustand der europäischen Gewässer (~37 % in gutem Zustand).
- European Environment Agency (EEA): Bericht zum Zustand der Oberflächengewässer und Wasserstress in Europa.
Hinweis zur Methodik: Die historischen Abfluss- und Niederschlagsdaten (1921, 1949) stammen aus amtlichen Quellen (Bundesamt für Wasserwirtschaft, BAFG, Bundesarchiv) und werden teils über sekundäre Aufarbeitungen zitiert. Pegelstände und Durchflussmengen wurden getrennt ausgewertet, da sich Pegel-Nullpunkte und Flussbett über die Jahrzehnte verändert haben. Die Attributionsaussagen zum Klimawandel folgen den genannten wissenschaftlichen Quellen (GFZ, UCL, Copernicus).











