Filmvortrag im Haßlocher Kulturviereck fand große Resonanz
Der Filmbeitrag über Sir Ludwig Guttmann, Vater der Paralympics und Kämpfer für Querschnittsgelähmte im Haßlocher Kulturviereck, hätte nicht authentischer sein können. Eingeladen zu dieser Veranstaltung hatte der Haßlocher Behindertenbeirat, die große Resonanz fand. Viele Interessierte, nicht nur Menschen mit Behinderungen, waren begeistert über den Einsatz des jüdischen Arztes und Neurochirurgen, der im 3. Reich wegen der Verfolgung der Nationalsozialisten nach England floh und somit einer Auslieferung ins KZ entkommen konnte. Trotz großem Widerstand seines Arztkollegen hat er sich von seinen Vorstellungen, Therapieanwendungen und Heilungsmethoden nicht abbringen lassen. Er organisierte zeitgleich mit den Olympischen Spielen in London erstmals die Stoke Mandeville Games, die Geburtsstunde der Paralympics.

Ludwig Guttmann kam 1899 als Kind einer orthodox-jüdischen Familie im oberschlesischen Tost zur Welt. Er verbrachte seine Kindheit und Jugend in Königshütte, wo er am dortigen Krankenhaus erstmals mit Querschnittsgelähmten arbeitete. Nach seinem Medizinstudium in Breslau und Freiburg spezialisierte er sich ab 1924 auf die noch junge Disziplin der Neurochirurgie, und bald galt er als einer der führenden Ärzte auf diesem Gebiet.
Nach der Machtübernahme von Hitler 1933 durfte er nicht mehr an einem öffentlichen Krankenhaus praktizieren. Trotz mehrerer Angebote aus Amerika verblieb er in Deutschland und ging als Facharzt an das Israelitische Krankenhaus in Breslau, später übernahm er als Direktor auch dessen Leitung. Während des Novemberpogroms 1938 wies er sein Personal nach Bekanntwerden der Gewaltexzesse an, alle Geflüchteten ohne Prüfung in das Krankenhaus aufzunehmen. Trotz einer Gestapo-Untersuchung am Krankenhaus konnte er so etwa 60 jüdische Bürger*innen vor der Inhaftierung und Verschleppung in ein KZ bewahren.

Foto: Dr. Ludwig Guttmann (Wikipedia)
Im Frühjahr 1939 verließ er mit seiner Familie Deutschland und emigrierte nach Großbritannien. Mit der Hilfe von Fachkollegen konnte er in Oxford seine medizinischen Forschungen zu Querschnittslähmungen fortsetzen, die er sein ganzes Berufsleben lang betrieb. 1943 bat die britische Regierung den als Koryphäe bekannten Exilanten, ein Nationales Zentrum für Rückenmarksbehandlung aufzubauen. Im folgenden Jahr wurde bereits das Stoke Mandeville Hospital unter seiner Leitung eröffnet, das vor allem Kriegsinvaliden betreute.
Sir Guttmann sah es als seine vorrangige Aufgabe an, den Querschnittsgelähmten nicht nur eine körperliche Rehabilitation zu ermöglichen, sondern auch ihr Selbstbewusstsein mit der dauerhaften Behinderung zu vereinen. Bis dahin war die Behandlung dieser „hoffnungslosen Fälle“ fast ausschließlich auf das Krankenbett beschränkt. Der emigrierte Arzt und Pionier nahm verschiedene Therapieansätze auf und brachte die Invaliden wortwörtlich wieder „in Bewegung“. Als er später seinen Patienten im Rollstuhl bei einem selbst erdachten Ballspiel zusah, erkannte er die Bedeutung des Sportes auch für den eigenen und fremden Umgang mit Behinderungen: Statt als „Krüppel“ sollten sie als selbstbewusste und arbeitsfähige Mitglieder der Gesellschaft das Hospital verlassen, und die körperliche Aktivität sah Guttmann als Brücke dahin. Schon bald gehörte Sport zum festen Programm der Rehabilitation in Stoke Mandeville und ist es bis heute geblieben.

Foto: Australian Paralympian Tony South receives his gold medal for the Men’s Albion Round open
event at the 1968 Paralympic Games in Tel Aviv from the founder of the Paralympic movement,
Ludwig Guttmann. South scored a world record 800 points to win gold (Wikipedia)
Drei Jahre nach Kriegsende organisierte Dr. Ludwig Guttmann zeitgleich mit den Olympischen Spielen in London erstmals die Stoke Mandeville Games, die heute als die Geburtsstunde der Paralympics gelten. In den kommenden Jahren wuchsen die Wettkampfspiele unter Guttmanns Leitung immer weiter, und 1960 erfüllte sich dessen Vision: Unter dem Schirm des IOC fanden die International Stoke Mandeville Games in Rom statt; die Wettkämpfe begannen sechs Tage nach der Schlussfeier der Olympischen Spiele in Rom. Seitdem gehören die Paralympics zu Olympia und wurden zum sportlichen Weltereignis. Nach diesem Erfolg gründete Guttmann 1961 den Britischen Behindertensportverband. Für seine Verdienste erhielt er zahlreiche internationale Ehrungen und wurde 1966 in Großbritannien zum Ritter geschlagen.
Sir Ludwig Guttmann verstarb 1980 in seiner Exilheimat. Seinen zahllosen Patienten und Paralympioniken blieb er als ihr „Poppa“ in Erinnerung, der Sportwelt als Begründer und Vater der Paralympics. Das Jewish Museum London nannte ihn in einer Ausstellung den „Coubertin der Gelähmten“. Hier ein kurzer Ausschnitt einer Dokumentation https://www.youtube.com/watch?v=rz1m3ZbmdJI
Quelle: Jüdisches Museum Berlin









