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Der Preis des Scheiterns

by Redaktion
01.08.2026
in Politik
Lesezeit: 8 mins read
Die „Reichsbürger“ breiten sich aus wie eine Krake – Szene im Raum Neustadt, Lambrechter Tal und der Südlichen Weistrasse aktiv
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Wie Katherina Reiches historisch schlechte Beliebtheitswerte CDU, Bundesregierung und die Umsetzung der Koalitionsversprechen belasten

Eine Analyse: Erarbeitet von Mitgliedern des Rechercheteams NACHRICHTEN REGIONAL

Mit nur 15 Prozent Zufriedenheit ist Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche die unbeliebteste Ministerin des Merz-Kabinetts. Doch ihr persönliches Debakel bleibt nicht ohne Folgen: Die Umfragewerte der CDU stürzen ab, die schwarz-rote Koalition driftet in den Dauerstreit – und zentrale Reformprojekte wie das Gebäudemodernisierungsgesetz, die Steuerreform und die Rentenreform stecken fest. Die Republik wartet auf Antworten, die aus dem Wirtschaftsministerium nicht kommen.

Es gibt Momente, in denen politische Zahlen sprechen lauter als jede Rede. Der 28. Januar 2026 war ein solcher Moment. Das Forsa-Institut veröffentlichte sein Trendbarometer für RTL und n-tv – und Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) erreichte einen Wert, den man in der Union nicht für möglich gehalten hätte: Gerade einmal 18 Prozent der Befragten zeigten sich mit ihrer Arbeit zufrieden, 67 Prozent waren „nicht zufrieden“. Der Befund war vernichtend. Denn diese Werte waren schlechter als alles, was Reiches grünen Vorgänger Robert Habeck jemals hatte hinnehmen müssen – jenen Habeck, den CSU-Chef Markus Söder einst zum „schlechtesten Wirtschaftsminister aller Zeiten“ erklärt hatte. Seitdem ist mehr als ein halbes Jahr vergangen. Die Zahlen sind nicht besser geworden. Im Gegenteil.

Ein historischer Absturz in Zahlen

Die Entwicklung von Reiches Beliebtheitswerten folgt einer klaren Abwärtskurve, die in der deutschen Nachkriegsgeschichte kaum ihresgleichen findet. Im Juli 2025, wenige Wochen nach ihrem Amtsantritt, zeigten sich noch 39 Prozent der Befragten mit ihrer Arbeit zufrieden – ein Wert, der Hoffnungen weckte. Bereits im Januar 2026 war dieser Wert auf 18 Prozent halbiert. Im April meldete Infratest dimap für den ARD-DeutschlandTREND nur noch 12 Prozent Zustimmung. Das Ipsos Minister-Ranking vom Juli 2026 schließlich maß Reiches Zufriedenheitswert bei 15 Prozent – der niedrigste Wert unter allen Kabinettsmitgliedern.

Im INSA-Meinungstrend der Bild vom Juli 2026 rangiert die CDU-Politikerin auf der Skala von 0 bis 10 bei 2,5 Punkten – nur knapp vor dem affärengeplagten Unionsfraktionsvorsitzenden Jens Spahn (2,2) und Bundeskanzler Friedrich Merz selbst (2,3). Im ZDF-Politbarometer erreicht Reiche mit minus 1,7 Punkten denselben Negativwert wie Merz – ein persönlicher Tiefstwert. Doch es ist nicht nur die Gesamtbilanz, die alarmiert. Es ist die Breite der Ablehnung. „Auch Sympathisanten der CDU kann Reiche laut Forsa nicht überzeugen – unter ihnen sind 75 Prozent nicht zufrieden mit der Ministerin.“Selbst unter den Unions-Anhängern halten 66 Prozent Reiche nicht für die richtige Besetzung im Amt, wie eine Forsa-Umfrage im Auftrag von stern und RTL im Juni 2026 ergab. 75 Prozent aller Deutschen bezeichneten sie in derselben Erhebung als Fehlbesetzung. Unter den selbstständig Beschäftigten, traditionell eine CDU-nahe Klientel, liegt die Ablehnung bei 82 Prozent – kaum weniger als bei Grünen- und Linken-Anhängern (je 85 Prozent).

Die Gründe: Lobbyismus, Mikromanagement und teure Imagepflege

Die Gründe für Reiches Popularitätsverfall sind vielfältig und lassen sich nicht auf einzelne Fehler reduzieren. Es ist die Summe, die das Bild prägt. Da ist zunächst ihre Vergangenheit: Bevor Reiche im Juni 2025 als Bundeswirtschaftsministerin vereidigt wurde, arbeitete die aus Luckenwalde stammende Politikerin jahrelang in der freien Wirtschaft – als Cheflobbyistin kommunaler Unternehmen und als Managerin bei der Eon-Tochter Westenergie. Diese Biografie, die Kanzler Merz bei ihrer Berufung als Stärke für eine wirtschaftsnahe Politik darstellte, wird ihr nun zum Verhängnis: Kritiker werfen ihr vor, im Amt weiterhin die Interessen fossiler Energiekonzerne zu bedienen statt jene der Allgemeinheit. Medien nennen sie die „Öl-Ministerin“. Dazu kommen Berichte über ein ausuferndes Mikromanagement. Wie Medien übereinstimmend berichteten, beklagte die Personalratschefin des Wirtschaftsministeriums, Viktoria Ludwig, auf einer Betriebsversammlung massivste Arbeitsbelastung, Misstrauen im Haus und problematische Stellenbesetzungen durch die Ministerin. Die Folgen: „zunehmend gesundheitliche Betroffenheit“ bei den Beschäftigten.

Und dann ist da die millionenschwere Imagekampagne: Seit Februar 2026 lässt sich Reiche von der Werbeagentur Scholz & Friends und dem Kommunikationsunternehmen FGS Global beraten – Kostenpunkt: bis zu 2,22 Millionen Euro netto jährlich. Hinzu kommen weitere zwölf Millionen Euro für Öffentlichkeitsarbeit im Energiebereich. Dass ausgerechnet FGS Global mehrheitlich zur US-Investmentfirma KKR gehört, die zu den größten Investoren in fossile Energien weltweit zählt, hat die Kritik zusätzlich verschärft. Zum 1. Juli wurde zudem eine „Strategische Top-Management-Beratung für die Behördenleitung“ mit 36.000 Personenstunden und einer Laufzeit von bis zu vier Jahren ausgeschrieben. Insgesamt beschäftigt das Wirtschaftsministerium 2.183 Beamte – darunter eine eigene Presse- und Kommunikationsabteilung. Dass die Ministerin gleichwohl externe PR-Hilfe in Millionenhöhe benötigt, wird weithin als Eingeständnis des Scheiterns gelesen.

Die Folgen für die CDU: Der Sog nach unten

Die Auswirkungen auf die Christdemokraten sind erheblich. Die CDU/CSU verlor in den Umfragen seit der Bundestagswahl 2025 kontinuierlich an Zustimmung. Im Forsa-Trendbarometer vom April 2026 rutschte die Union auf 24 Prozent ab – der schlechteste Wert seit der Wahl. Im ARD-DeutschlandTREND vom Juli 2026 lag die Union gar bei nur noch 22 Prozent, während die AfD mit 27 Prozent fünf Punkte Vorsprung hatte. Der Absturz betrifft nicht nur die Partei, sondern die gesamte Regierung. Die Zufriedenheit mit der Bundesregierung unter Kanzler Merz fiel von 40 Prozent bei Amtsantritt im Juni 2025 auf 17 Prozent im Juli 2026 – ein Rückgang um 23 Prozentpunkte, wie das Ipsos-Minister-Ranking dokumentiert. Den stärksten Vertrauensverlust aller Kabinettsmitglieder verzeichnete ausgerechnet die Wirtschaftsministerin der CDU: minus 26 Prozentpunkte, von 41 auf 15 Prozent.

Die Zahlen wirken wie ein politischer Fluch: Die Union, die bei der Bundestagswahl 2025 mit dem Versprechen antrat, wirtschaftliche Kompetenz und Führungsstärke zu verkörpern, wird vom eigenen Wirtschaftsminister zur Belastung. Unter Unionsanhängern waren laut Forsa im April 2026 erstmals 52 Prozent mit Kanzler Merz unzufrieden. Als Hauptgründe nannten sie „vollmundige Ankündigungen ohne Folgen“ (34 Prozent) und mangelnde Führungsstärke (24 Prozent). Innerparteilich wächst der Druck. Christian von Stetten, Chef des einflussreichen Parlamentskreises Mittelstand, sagte im Mai 2026 öffentlich: „Entweder werden diese Reformen jetzt umgesetzt, die auf dem Tisch liegen. Oder man muss sich in die Augen schauen und sagen: ›War einen Versuch wert, aber wir beenden das.‹“ Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze warnte: „Wir müssen aufpassen, dass wir nicht zu einer Ampel 2.0 werden.“

Die Folgen für die Bundesregierung: Dauerstreit und Handlungsunfähigkeit

Die Reiche-Krise ist eingebettet in eine breitere Regierungskrise, die mittlerweile die gesamte schwarz-rote Koalition definiert. Der Ton zwischen Union und SPD ist rau geworden. Immer wieder werden in letzter Minute bereits geeinte Vorlagen aufgekündigt. Beim Bürgergeld, beim Heizungsgesetz, bei der Wehrpflicht – das Muster wiederholt sich: Spitzengespräche laufen, Papiere werden geschnürt, dann meldet eine Seite öffentlich Änderungsbedarf an. Die Regierungszufriedenheit liegt bei historisch niedrigen 13 Prozent im ARD-DeutschlandTREND vom Juli 2026 – der schlechteste Wert einer Regierung zwölf Monate nach Amtsantritt in der Geschichte des seit 1997 erhobenen DeutschlandTrends von Infratest dimap. Zum Vergleich: Die Ampel-Koalition hatte nach den ersten vier Monaten noch 47 Prozent Zustimmung.

Bundeskanzler Merz, der die Wirtschaftspolitik ursprünglich zur Chefsache erklärt hatte, steht vor dem Dilemma, dass seine persönlich ausgesuchte Ministerin zum Symbol für eben jene wirtschaftliche Schwäche geworden ist, die er der Republik eigentlich nehmen wollte. Im Juli 2026 wurde Merz selbst mit schwächsten Werten eines amtierenden Kanzlers in der Geschichte des DeutschlandTrends gemessen: Nur 13 Prozent zeigten sich mit seiner Arbeit zufrieden, fünf von sechs Deutschen waren unzufrieden.

Die Folgen für die Koalitionsversprechen: Reformstau auf ganzer Linie

Die politische Bilanz der schwarz-roten Koalition, gemessen an den im Koalitionsvertrag vereinbarten Vorhaben, fällt ernüchternd aus. Zentrale Projekte stecken fest oder bewegen sich nur im Schneckentempo: Das Herzstück der Wärmewende – die Reform des Gebäudeenergiegesetzes – wurde zum Symbol für die Handlungsschwäche der Regierung. Ursprünglich sollte ein Entwurf bis Ende 2025 stehen, dann bis Ende Januar 2026, dann bis Februar. Tatsächlich wurde die 65-Prozent-Regelung des alten Ampel-Gesetzes mehrfach verschoben und auf November 2026 vertagt – vorsorglich, damit sie nie in Kraft tritt. Das neue „Gebäudemodernisierungsgsetz“ sieht vor, dass weiterhin Gas- und Ölheizungen eingebaut werden können, sofern sie schrittweise CO₂-neutrale Brennstoffe nutzen. Die Grünen sprechen von einem „teuren Paket für Mieter, das die Klimakrise anheizt“. Eine Verfassungsklage der Linksfraktion droht das Gesetz weiter zu verzögern.

Steuerreform: Das Vorhaben, mittlere und kleinere Einkommen spürbar zu entlasten – SPD-Chefin Bas nannte 500 Euro im Jahr –, sollte ursprünglich zum 1. Januar 2027 in Kraft treten. Doch die Gegenfinanzierung bleibt hochumstritten. Die SPD will hohe Einkommen und Erbschaften stärker belasten, die Union lehnt dies kategorisch ab. Die Gespräche ziehen sich hin, eine Einigung ist nicht in Sicht.

Rentenreform: Immerhin hier hat die Koalition nach monatelangem Ringen einen Fortschritt erzielt: Die Vorschläge der eingesetzten Rentenkommission sollen vollständig umgesetzt werden. Doch selbst dieser Kompromiss stößt in der Bevölkerung auf Skepsis: Nur 35 Prozent glauben, dass die Reform die Alterssicherung stabilisiert, 52 Prozent glauben es nicht. Die geplante Kopplung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung findet bei 63 Prozent der Bürger Ablehnung.

Gesundheit und Pflege: Die Krankenkassenreform ist am weitesten fortgeschritten, doch die Finanzlücke wächst: Für 2027 droht ein Defizit von 19 Milliarden Euro, bis 2030 könnten es 44 Milliarden werden. Die Pflegereform steckt in internen Streitigkeiten über Leistungskürzungen und Beitragsanhebungen fest. Aus der Pflegeversicherung sollen unter anderem die Rentenbeiträge für pflegende Angehörige gekürzt werden – ein Vorhaben, das vor allem Frauen trifft und heftigen Widerstand ausgelöst hat.

Haushalt: Für den Bundeshaushalt 2027 klafft eine Lücke von knapp drei Milliarden Euro. Jedes Ministerium muss ein Prozent sparen. Selbst die eigentlich vereinbarten Erhöhungen von BAföG und Elterngeld stehen unter Finanzierungsvorbehalt – eines jener Projekte, das die Koalition im Vertrag versprochen, aber wegen der schlechteren Wirtschaftslage auf die Kippe gesetzt hat.

„Alle im Koalitionsvertrag versprochenen Verbesserungen hat die Koalition unter Finanzierungsvorbehalt gestellt. Damit muss Schwarz-Rot nun selbstgeschürte Erwartungen enttäuschen.“ – tagesschau.de, Juni 2026

Ausblick: Zwischen Reformstau und Neuwahl

Die politischen Aussichten für die schwarz-rote Koalition sind düster. Mit der AfD, die in Umfragen bei 25 bis 27 Prozent liegt und die Union deutlich überholt hat, erstarkt eine Opposition, die jede Schwäche der Regierung ausschlachtet. Die SPD verharrt in ihrem historischen Tief von 12 Prozent und wäre 2026 als Koalitionspartner kaum noch mehrheitsfähig.

Für die CDU stellt sich die Frage, ob sie Reiche halten oder austauschen sollte. Ein Wechsel an der Spitze des Wirtschaftsministeriums würde jedoch eingestehen, dass Kanzler Merz bei seiner Personalwahl falschgelegen hat – ein Risiko, das der CDU-Chef möglicherweise scheut. Die Imagekampagne für 2,2 Millionen Euro zeigt: Man ist sich des Problems bewusst, doch die Lösung bleibt aus.

Die finanziellen Spielräume werden durch stagnierendes Wachstum und die Folgen des Iran-Konflikts mit steigenden Energiepreisen immer enger. Finanzminister Klingbeil warnte bereits vor Finanzierungslücken in dreistelliger Milliardenhöhe bis 2029. Ohne wirtschaftlichen Aufschwung aber, so die einhellige Meinung von Experten und Koalitionären, ist die Umsetzung weiterer Koalitionsversprechen gefährdet.

Im Herbst stehen schwierige Landtagswahlen an, insbesondere in Sachsen-Anhalt. Dort kämpft die CDU darum, das Land weiter zu regieren, während die SPD um den Wiedereinzug bangt. Eine AfD-Mehrheit in einem ostdeutschen Bundesland ist nicht ausgeschlossen. Für die Bundesregierung bedeutet das zusätzlichen Handlungsdruck – und zugleich die Gefahr, dass jeder weitere Misserfolg an der Wahlurne abgestraft wird.

Katherina Reiche bleibt bis auf weiteres im Amt. Doch die Zahlen erzählen eine andere Geschichte – eine Geschichte von einer Ministerin, die das wirtschaftspolitische Kernressort einer Regierung führt, die selbst immer mehr wie eine Regierung im Krisenmodus wirkt.

Quellen und Datengrundlagen

Forsa Trendbarometer für RTL/n-tv (Januar 2026); Forsa-Umfrage im Auftrag von stern/RTL (Juni 2026); Ipsos Minister-Ranking (Juli 2026); ARD-DeutschlandTREND / Infratest dimap (April und Juli 2026); INSA-Meinungstrend für Bild (Juli 2026); ZDF-Politbarometer / Forschungsgruppe Wahlen (Mai und Juni 2026); tagesschau.de, Frankfurter Rundschau, Spiegel, WirtschaftsWoche, WELT, n-tv, stern (verschiedene Ausgaben Januar bis Juli 2026).

Alle genannten Umfragewerte basieren auf repräsentativen Erhebungen der jeweiligen Institute. Die statistischen Fehlermargen werden von den Instituten mit ±2 bis ±3 Prozentpunkten angegeben.

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