KBV-Chef Gassens Forderungen: Die Stärkung der ambulanten Versorgung
Die Diskussionen um die Gesundheitsreform wollen nicht enden. Immer wieder wird zu Protesten aufgerufen, damit die Gesetzgebung möglicherweise noch zu Gunsten der Patienten nachgebessert wird. Doch die Gesundheitsreform ist beschlossen, von den Sparmaßnahmen sind schon viele Kassenpatienten betroffen, denn die Leistungen wurden bereits drastisch eingeschränkt. Das deutsche Gesundheitssystem leidet unter einer alternden Bevölkerung, explodierenden Kosten und starren Strukturen, was zu massiven Finanzlücken bei den Krankenkassen und heftigen Protesten von Ärzten und Kliniken gegen strikte Spar- und Reformpläne führt. Unsere skandinavischen Nachbarländer machen es zwar anders, steuern die Patienten strenger über den Hausarzt (Lotsenprinzip) und finanzieren vieles über Steuern, kämpfen aber ebenfalls mit langen Wartezeiten.
Einblicke in das schwedische Gesundheitssystem
Eine Hamburger Delegation der Techniker Krankenkasse unter Leitung von Sozialsenatorin Melanie Schlotzhauer hat sich auf einer dreitägigen Reise das Gesundheitssystem in Schweden angeschaut, um von dort Impulse für Veränderungen im deutschen System mitzunehmen. Im Fokus standen die Themen Patientensteuerung und Digitalisierung. Von der Nutzung der elektronischen Patientenakte (ePA) bis hin zu den Herausforderungen der regionalen Versorgung – das schwedische Modell bietet interessante Ansätze, aber auch Lehrstücke für die deutsche Gesundheitsversorgung. Das ausführliche Interview kann man über den Bericht der Techniker Krankenkasse aufrufen: https://www.tk.de/presse/themen/digitale-gesundheit/elektronische-patientenakte/zur-sache-delegationsreise-schweden-2204772?tkcm=ab
Das Modell in Skandinavien
Steuerfinanzierung: In Ländern wie Schweden oder Dänemark wird der Großteil des Gesundheitssystems direkt über Steuermittel statt über einkommensabhängige Kassenbeiträge finanziert. Konsequentes Hausarztmodell: Der Zugang zum Facharzt ist strikt an eine Überweisung durch den Hausarzt gebunden (Gatekeeping). Wer ohne Notfall direkt in die Klinik geht, wird abgewiesen oder zahlt drauf. Starke Digitalisierung: Skandinavien setzt seit Jahren auf eine flächendeckende, vernetzte digitale Patientenakte und Telemedizin, um Prozesse schlank zu halten. Nachteile im Norden: Auch skandinavische Systeme sind kein Wundermittel; wegen des dortigen Personalmangels klagen Patienten im öffentlichen System häufig über lange Wartezeiten für nicht-akute Facharzttermine.
Die eigentliche Herausforderung heißt Demografie
Das deutsche Gesundheitssystem funktioniert nach dem Umlageprinzip. Die Beiträge der heutigen Arbeitnehmer finanzieren die Gesundheitskosten der heutigen Versicherten. Dieses System gerät immer stärker unter Druck. Der Grund ist einfach: Deutschland wird älter. Immer mehr Menschen erreichen ein Alter, in dem naturgemäß deutlich höhere Gesundheitskosten entstehen. Gleichzeitig wächst die Zahl der Beitragszahler längst nicht mehr im gleichen Maße. Das ist kein kurzfristiges Problem. Es ist eine Entwicklung, die sich seit Jahren abzeichnet und die sich auch durch eine Gesundheitsreform nicht verändern lässt.
Wie FOCUS am 16.08.2026 berichtet, sollen höhere Beiträge, höhere Zuzahlungen und Einsparungen die gesetzlichen Krankenkassen finanziell stabilisieren. Kurzfristig dürfe das auch gelingen. Die entscheidende Frage würde jedoch lauten: „Reicht das aus? Denn bei der gesamten Diskussion über höhere Beiträge und geringere Leistungen gerät das eigentliche Problem fast vollständig in den Hintergrund“. Hinzu komme ein zweiter Faktor. Neue Medikamente, moderne Operationen und innovative Therapien würden zwar die medizinische Versorgung erheblich verbessern, dadurch allerdings die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen stark steigen lassen. Höhere Löhne im Gesundheitswesen sowie steigende Krankenhauskosten würden zusätzlich erheblichen finanziellen Druck erzeugen. Diese Entwicklung werde sich in einer älter werdenden Gesellschaft kaum umkehren lassen. Am Ende des FOCUS-Berichtes vom 16.08.2026 kann man zum Thema „Soll der Staat die Krankenversicherung für Bürgergeldempfänger übernehmen“, abstimmen, hier zum Original-Bericht: https://www.focus.de/finanzen/versicherungen/gesundheitsreform-das-eigentliche-problem-bleibt-ungeloest_4f43402b-1412-4fb4-89ed-5c66a7286382.html
Wie KBV-Chef Dr. Andreas Gassen, Kassenärztlicher Bundesverband, in einem Interview erklärte, sei das Gesundheitssystem kein Selbstbedienungsladen. Und er sagte „die Diskussion um Patientensteuerung sei längst keine rein gesundheitspolitische, sondern auch eine gesellschaftspolitische Frage“. Wachsende Beiträge, aufgestaute Reformen, begrenzte Ressourcen – die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) stehe massiv unter Druck. Damit werde die Frage immer drängender, was wir uns als Solidargemeinschaft in Zukunft noch leisten können und wollen. „Es braucht Ehrlichkeit in der Diskussion, Mut zu klaren Entscheidungen und eine Stärkung der ambulanten Versorgung, hier zum Interview https://www.kbv.de/positionen/dossiers/finanzierung/das-gesundheitssystem-ist-kein-selbstbedienungsladen
Können Leistungs-Kürzungen und das „Spar-Programm“ rechtlich oder politisch noch gestoppt werden?
Die Durchsetzung verabschiedeter Sparpakete lässt sich politisch schwer umkehren, stellt Betroffene aber keineswegs vor vollendete Tatsachen. Nachdem Bundestag und Bundesrat das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz verabschiedet haben, verlagert sich der Hebel von Straßenprotesten hin zu juristischen, vertraglichen und parlamentarischen Ansatzpunkten.
Rechtliche Prüfung und Klagen: Verbände (wie der Hausärztinnen- und Hausärzteverband oder Fachärztevereinigungen) sowie Sozialverband-Vertreter prüfen regelmäßig Klagen vor dem Bundessozialgericht oder Verfassungsbeschwerden beim Bundesverfassungsgericht. Setzen Einzelregelungen Verfassungsgrundsätze (wie den Eigentumsschutz von Praxen oder das Prinzip der Honorarrechtssicherheit) außer Kraft, können Beschlüsse nachträglich gekippt oder angepasst werden. Nachbesserungen im parlamentarischen Prozess: Gesetzliche Sparvorgaben enthalten oft Verordnungsermächtigungen oder Evaluationstermine. Durch anhaltenden politischen Druck lassen sich über spätere Reparaturgesetze Einzelbestimmungen (z. B. Budgetdeckelungen oder Vergütungsregeln) korrigieren.











