Baden-Württembergs ehemaliger Innenminister Thomas Strobl droht mit Parteiaustritt – Verzweifelte Durchhalteparolen zum Schutz der Brandmauer – oder die Erinnerung an die DNA der CDU?
Wenige Tage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt eskalieren zwei baden-württembergische CDU-Urgesteine die Debatte um das Verhältnis ihrer Partei zur AfD. Thomas Strobl droht mit dem Parteiaustritt, Volker Kauder sagt der CDU den Untergang voraus, sollte die „Brandmauer“ fallen. Eine Einordnung.
Die Ausgangslage: Sachsen-Anhalt als Stresstest
Am kommenden Sonntag wählt Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag – und nirgendwo in Deutschland steht die Frage nach einem möglichen Machtwechsel mit der AfD derart unausweichlich im Raum. Die Partei liegt in Umfragen demnach nahe an der absoluten Mehrheit, die CDU steht vor der Frage, ob sie nach der Wahl überhaupt noch eine Regierungsoption ohne die Konkurrenz von rechts findet. In dieser Gemengelage melden sich zwei Politiker aus Baden-Württemberg zu Wort, deren Namen in der Union für jene alte, christdemokratische Tradition stehen, die sich nach 1945 aus der Verantwortung gegenüber dem Nationalsozialismus heraus konstituierte.
Strobl: „Dann ist das nicht mehr meine CDU“
Der frühere baden-württembergische Innenminister und heutige Landtagspräsident Thomas Strobl (CDU) hat gegenüber dem Medienportal „Table.Briefings“ eine kompromisslose Abgrenzung von der AfD eingefordert. „Eine Zusammenarbeit mit der AfD im Bund und in den Ländern, egal ob Koalition, Kooperation oder Duldung, darf es nicht geben“, zitiert ihn die dpa. Sollte es dazu kommen, werde er seine Partei verlassen: „Dann ist das nicht mehr meine CDU.“
Bemerkenswert ist, wie Strobl seine Haltung begründet – nicht mit Taktik, sondern mit Gründungsmythos und Identität. „Das passt nicht zur DNA der CDU, die auf den Trümmern des Zweiten Weltkriegs und auf den Scherben, die uns die Nationalsozialisten hinterlassen haben, aufgebaut worden ist“, wird er zitiert. Die Christlich Demokratische Union versteht sich seit ihrer Gründung als Partei, die bewusst als Antwort auf die nationalsozialistische Diktatur entstand. Diese Erzählung greift Strobl nun wörtlich auf.
Auch auf kommunaler Ebene dürfe es keine gemeinsamen Anträge oder Absprachen mit der AfD geben, so Strobl weiter – wohl aber eine wertneutrale Toleranz bei reinen Sachfragen: „Aber wenn es um Sachfragen geht, muss die CDU nicht allein deshalb gute sachbezogene Anträge zurückziehen, nur weil auch die AfD dafür stimmt“, sagte er. Andernfalls mache sich die CDU von der AfD abhängig.
Kauder: „Sonst ist die CDU erledigt“
Strobl erhält Unterstützung von Volker Kauder, dem langjährigen Vorsitzenden der Unionsfraktion im Bundestag, der ebenfalls aus Baden-Württemberg stammt. Gegenüber „Table.Briefings“ mahnt er: „Wir müssen aus der Geschichte lernen, uns nicht täuschen zu lassen.“
Besonders bemerkenswert ist Kauders Frust über die Stimmung in der eigenen Partei. „Ich bin entsetzt, wenn ich in Gesprächen höre: Ihr müsst es halt mal probieren“, sagte er mit Blick auf AfD-Kooperationen. Die Brandmauer müsse halten, „sonst ist die CDU erledigt“. Zugleich räumt Kauder ein, dass auch eine Zusammenarbeit mit der Linkspartei die Partei „zerreißen“ könne – doch: „Aber AfD auf keinen Fall. Das müssen wir gelernt haben.“
Die Widersprüche: Brandmauer als Selbstschutz?
Genau hier liegt die Spannung, die die ganze Debatte durchzieht. Während Strobl und Kauder die Abgrenzung als inhaltliches Fundament, als „DNA“ der Partei verteidigen, wirkt die Dringlichkeit ihrer Wortwahl eher wie der Ruf von Altvorderen, die um den Fortbestand des eigenen Projekts fürchten. Die Ankündigung des Parteiaustritts ist ein rhetorisch maximales Mittel – und ein Eingeständnis, dass der innerparteiliche Widerstand gegen eine Kooperation keineswegs mehr als selbstverständlich gelten kann.
Hinzu kommt eine bemerkenswerte Asymmetrie: Für eine Zusammenarbeit mit der Linken, die auch Kanzler Friedrich Merz nicht ausschließen will, droht Strobl nicht mit dem Austritt. In den Augen seiner Kritiker – und der AfD – wird daraus ein doppelter Maßstab, der die Behauptung, es gehe um inhaltliche Prinzipien, angreifbar macht.
Die Reaktion der AfD
Die baden-württembergische AfD-Landtagsfraktion reagierte scharf. Strobl habe als Landtagspräsident zugesagt, „überparteilich zu handeln und den Willen des Volkes zu respektieren“. Fraktionschef Martin Rothweiler sagte: „Erpressung scheint zum neuen Markenkern der CDU zu werden.“ Diese Lesart ist parteiisch, trifft aber einen Nerv der Debatte: Je stärker die AfD in Umfragen wird, desto mehr gerät die Abgrenzung aus Sicht ihrer Gegner zu einem reflexartigen Selbstschutz der etablierten Parteien.
Einordnung: Durchhalteparole oder Identitätsanker?
Die Frage, die über dieser Debatte schwebt, lautet: Sind die Auftritte von Strobl und Kauder Ausdruck einer verzweifelten, beinahe wehmütigen Durchhalterhetorik – oder die konsequente Erinnerung an das, was die CDU historisch ausgemacht hat?
Beides ist wahr und zugleich ungenau. Als politische Marke ist die „Brandmauer“ inzwischen weniger ein inhaltliches Programm denn ein Loyalitätstest: Wer sie verteidigt, gehört innerlich dazu; wer sie in Frage stellt, wird zur Projektionsfläche des Misstrauens. Dass Strobl und Kauder sie mit dem Verweis auf den NS-Gründungsmythos verteidigen, verleiht der Position moralische Schwere, birgt aber auch das Risiko, dass die historische Verantwortung für taktische Zwecke instrumentalisiert wird.
Für die unmittelbare politische Realität gilt gleichwohl: Der eigentliche Machtfaktor ist nicht die rhetorische Schärfe der Altvorderen, sondern die Frage, wie die CDU in Sachsen-Anhalt nach dem 6. September tatsächlich handelt. An diesem Sonntag wird sich entscheiden, ob die „DNA der CDU“, auf die Strobl sich beruft, noch trägt – oder ob sie nur noch als Erinnerung zitiert wird.
SWR Aktuell: „Strobl droht CDU bei AfD-Kooperation in Sachsen-Anhalt mit Austritt“, 31.08.2026, abrufbar unter: swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/strobl-droht-mit-parteiaustritt-cdu-politiker-warnen-vor-zusammenarbeit-mit-der-afd-100.html
Quellenverzeichnis
dpa/ZEIT online: „Strobl warnt CDU vor AfD: ›Dann nicht mehr meine Partei‹“, 31.08.2026, abrufbar unter: zeit.de/news/2026-08/31/strobl-warnt-cdu-vor-afd-dann-nicht-mehr-meine-partei
WELT: „Vor den Landtagswahlen: ›Wir müssen aus der Geschichte lernen‹ – Volker Kauder pocht auf Brandmauer zur AfD“, 30.08.2026, abrufbar unter: welt.de/politik/deutschland/article6a9479386eb7ec9f5ccdbeb6
Tagesschau/SWR: „Strobl droht mit Parteiaustritt: CDU-Politiker warnen vor Zusammenarbeit mit der AfD“, 31.08.2026, abrufbar unter: tagesschau.de/inland/regional/badenwuerttemberg
Presseportal: „Zumeldung: Strobl droht mit Austritt“, Stellungnahme der AfD-Landtagsfraktion Baden-Württemberg (Martin Rothweiler), 31.08.2026, abrufbar unter: presseportal.de/pm/127902/6342607
Gießener Allgemeine: „Sachsen-Anhalt-Wahl: Brandmauer zur AfD wackelt“, 31.08.2026, abrufbar unter: giessener-allgemeine.de/politik/sachsen-anhalt-wahl-brandmauer-zur-afd-wackelt-cdu-unter-druck
Hinweis: Die Artikelinhalte beruhen auf öffentlich zugänglichen Meldungen der genannten Medien und Agenturen. Wörtliche Zitate wurden den verlinkten Quellen entnommen. Stand: 1. September 2026.











