Mit einem Einblick in die psychiatrische Anstalt erinnert OB Dominik Geißler an menschenverachtende Zustände

Viele sind der Einladung des Pfalzklinikums Klingenmünster zur Wanderausstellungseröffnung „NS-Psychiatrie in der Pfalz“ gekommen, um sich die Geschichte über Opfer in der Nazi-Zeit anzuhören und was Menschen in der damaligen Heil- und Pflegeanstalt in Klingenmünster passiert ist. Die Ausstellung macht in erschütternder Weise Einzelschicksale transparent. Oberbürgermeister Dominik Geißler erklärt in seinem Grußwort: „Man muss Gutes tun und darüber reden“ und eröffnete damit offiziell die Vernissage.

Die Ausstellung kann noch bis 22. März 2026 besichtigt werden. Unfassbar für OB Geißler sei, dass es nach 80 Jahren immer noch Menschen gäbe, die nach der Herkunft von Personen fragen. Für ihn sei die Ausstellung ganz wichtig, da man an vielen Beispielen sehe, zu was Menschen überhaupt in der Lage waren. Auch Alt-Oberbürgermeister Hans-Dieter Schlimmer war anwesend und ließ verlauten, dass es bedauerlich sei, wie wenig sich gerade junge Leute mit dieser Geschichte auseinandersetzten. Rechts sei wieder „in“ bei der jüngeren Generation, sagt Schlimmer. Bedauerlich sei ebenfalls, dass eine Aufklärung vieler Fälle solange verhindert worden sei. Schlimmer erinnerte an ein Zitat des Holocaust-Überlebenden Max Mannheimer der einmal sagte: „Die Menschen haben aus ‚Auschwitz nur sehr wenig gelernt“.

Rita Becker-Scharwatz, geschäftsführendes Mitglied der Gedenkarbeit ging noch einmal intensiv auf die Geschichte vor 80 Jahren ein und sprach mahnende Worte. Im Rückblick solcher Taten stelle sich im Nachhinein die Frage: „Wie konnte medizinisches Wissen so missbraucht werden?“ Und warum widersprachen so wenige? Und was bedeutet diese Geschichte für unser heutiges Verständnis von Verantwortung, Menschenwürde und professioneller Ethik?“
Unrecht entstehe nicht nur dort, wo offen Gewalt ausgeübt werde, es entstehe auch dort, „wo wir Schutz versagen, wo wir Gleichgültigkeit Raum geben, und wo wir Menschen nicht mehr als Einzelne sehen“, so Becker-Scharwatz weiter. Was diese Geschichte so zerstörend mache sei nicht nur das Ausmaß, sondern ihre Normalisierung. Sie habe sich innerhalb von Institutionen in Routine sowie durch Zuständigkeiten vollzogen, getragen von Entscheidungen, die damals als alternativlos galten. Es sei deshalb gerade in der heutigen Zeit verpflichtend, aufmerksam zu bleiben und wachsam zu sein, gegenüber unserer Sprache, Entscheidungen von Strukturen, die jeden Tag mitgetragen und mitgestaltet würden. Ausgrenzungen seien wieder gesellschaftsfähig, so dass die Erinnerung an die Geschichte vor 80 Jahren unverzichtbar sei. Schutz vor solchen Strukturen sei nicht selbstverständlich, jedoch unser Handeln. Am Ende ihrer Begrüßungsrede sagte die Organisatorin: „Erinnerung ist kein Rückblick. Sie ist Gegenwart und eine Verantwortung für jeden von uns jeden Tag“.

Am Beispiel des damaligen Anstaltsleiter Josef Klüber wurde verdeutlicht, wie vor der Machtübernahme der NSDAP der Führungsstil des Anstaltsleiters angeprangert wurde. Teils herablassend sei er mit dem Anstaltspersonal umgegangen und sei deshalb sehr unbeliebt gewesen. Die geänderten politischen Verhältnisse ab 1933 seien dann der Grund gewesen, dass Bedienstete gegen den Direktor vorgegangen sind. Die Entlassung einer Pflegerin im Jahre 1935 wegen einer Krankenmisshandlung gaben dann Anlass für die NS-treuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, ihren Unmut darüber zu äußern. Am 8. Juli 1935 versammelten sich dann Mitarbeiter der SA, der Deutschen Arbeitsfront und der Hitlerjugend in Klingenmünster, stürmten das Direktorenwohnhaus und schlugen den Direktor Josef Klüber zuammen. Klüber wurde danach mit schweren Verletzungen ins Städtische Krankenhaus Landau eingeliefert, wurde im Früjahr 1936 pensioniert. Er verstarb im August 1936 in Bayern. Nachfolger in Klingenmünster wurde im Mai 1936 sein Stellverter Gottfried Edenhofer, https://neustadt-und-nationalsozialismus.uni-mainz.de/lexikon/edenhofer-gottfried. Er war sehr beliebt bei den Mitarbeiter*innen. In einem Strafverfahren vor der Strafkammer Landau wurde Klüber zuvor der Prozess gemacht.

In einem anschließenden Rundgang durch die Wanderausstellung gab es Einblicke über Einzelschicksale, die viele fassungslos machten. An der Gedenkveranstaltung des Pfalzklinikums am 27. Januar standen bereits Schicksale von Frauen und Mädchen im Mittelpunkt der Kranzniederlegungen. „Gedenkarbeit bedeutet für uns, die institutionelle Verantwortung anzuerkennen und daraus Konsequenzen für unser heutiges Führungshandeln zu ziehen – besonders im Umgang mit Menschen, die auf Schutz und Fürsorge angewiesen“, hatte auch der Pfalzklinikums-Geschäftsführer Paul Blomke seinerzeit geäußert.

Über www.ns-psychiatrie-pfalz.de/digitale-ausstellung ist auch ein digitaler Rundgang durch die Wanderausstellung möglich. Auf 16 Tafeln gibt es Informationen zu Zwangssterilisationen, Krankenmord, Deportation und Hungersterben in der damaligen „Heil- und Pflegeanstalt“ Klingenmünster. Die Dauerausstellung NS-Psychiatrie in der Pfalz ist im Pfalzklinikum im Alleehaus in Klingenmünster jeden Mittwoch von 14.30 bis 16:00 Uhr oder nach Absprache geöffnet. Die Wanderausstellung kann an Vereine und Institutionen incl. 20 Roll-Ups sowie Transporttaschen und Beleuchtung kostenlos ausgeliehen werden.
Über die Wanderausstellung in Einzelschicksale, die Menschen in der Heil- und Pflegeanstalt in Klingenmünster erleiden mussten, wird noch gesondert berichtet.












