Zeitenwende am Tigris – Abschied nach 23 Jahren wegen Druck pro-iranischer Kräfte – Analysiert vom Recherche-Team von NACHRICHTEN REGIONAL
Mit dem Abflug der letzten Soldaten von der Basis in Erbil endet am 30. September 2026 mehr als zwei Jahrzehnte US-Militärpräsenz. Bagdad feiert die „Rückkehr der vollen Souveränität“ – doch unter dem Jubel liegt die Angst eines Landes, das den Krieg nie wirklich zu Ende gehen sah. Der vollständige Abzug der letzten US-Truppen aus dem Irak geht auf eine Kombination aus innenpolitischem Druck im Irak, geostrategischen Verschiebungen der US-Außenpolitik und veränderten Sicherheitsrealitäten in der Region zurück, so die Berliner Zeitung vom 29.09.2026.
„Tage der Souveränität“
Es war ein Abschied ohne großes Pathos, aber mit gewaltiger Symbolkraft: Am Mittwoch meldete das US-Verteidigungsministerium den vollständigen Abzug aller amerikanischen Soldaten aus dem Irak. Die letzten von ihnen verließen die Luftwaffenbasis in Erbil, Hauptstadt der autonomen Kurdenregion im Norden – „geordnet“, wie Pentagon-Sprecher Sean Parnell versicherte. „Dieser Meilenstein spiegelt den Erfolg einer zwölfjährigen Kampagne wider, durch die der IS als organisierte militärische Bedrohung im Irak und in der Region besiegt wurde“, hieß es. Zugleich markiere der Tag den Übergang von einer Kriegsmission zu einer von Irak selbst geführten Sicherheitsarchitektur.
Die irakische Regierung hatte diesen Tag lange herbeigesehnt – und rief ihn kurzerhand zum Fest aus: Mittwoch und Donnerstag sind offizielle „Tage der Souveränität“. Ministerpräsident Ali al-Zaidi, der die Übergabezeremonie leitete, sprach vom Beginn einer „neuen Phase – geprägt von der Souveränität des Irak, der Stärke seiner Institutionen und ausgewogenen Partnerschaften mit seinen Freunden“. Zuletzt waren noch rund 2.500 US-Soldaten im Land stationiert, zuletzt als Ausbilder und Berater; in den vergangenen Wochen wurden auch die amerikanischen Flugabwehrsysteme verlegt. Die verbliebenen Einheiten werden unter anderem nach Jordanien verlegt, von wo aus Washington den Kampf gegen IS-Restzellen künftig führen will.
Ein Vierteljahrhundert aus Blut und Tränen
Doch hinter den Reden und Hymnen steht ein Vierteljahrhundert voller Blut, Tränen und gebrochener Versprechen. Am 20. März 2003 marschierten die USA und ihre Verbündeten trotz internationaler Kritik in den Irak ein und stürzten Diktator Saddam Hussein – die Massenvernichtungswaffen, mit denen der Krieg begründet wurde, fanden sich nie. Es folgten Aufstand, Folterskandale und ein Konfessionskrieg, der Familien zerriss. 2011 zogen die Amerikaner erstmals ab; kaum drei Jahre später rollte der „Islamische Staat“ über weite Teile des Landes, verübte Massaker an Jesiden und rief sein „Kalifat“ aus. Bagdad bat die USA zurück. 2017 fiel Mossul, 2021 endete der US-Kampfeinsatz, 2024 einigten sich beide Regierungen auf den nun vollzogenen Abzug in zwei Phasen.
Die Bilanz dieser Jahre ist erschütternd: Hunderttausende tote Zivilisten, Tausende gefallene amerikanische Soldaten, Millionen vertriebene Menschen. Eine ganze Generation Iraker ist mit dem Donner von Bomben aufgewachsen – viele von ihnen erleben am heutigen Mittwoch zum ersten Mal, dass in ihrem Land kein ausländisches Militär mehr stationiert ist.
Wer die Waffen hat, hat das Sagen
Dass Bagdad den Abzug als Stärke feiert, ist die eine Lesart. Die andere ist die Angst. Eigentlich sollten parallel zum Abzug die mächtigen, mit dem Iran verbündeten Milizen entwaffnet und in den Staat eingegliedert werden. Doch die einflussreichsten von ihnen verweigerten sich oder stellten Bedingungen; die Frist wurde auf Juni 2027 verschoben – der Ausgang ist offen. Die Miliz Kataib Hezbollah feierte derweil die „Vertreibung der Besatzungstruppen, geschlagen“ und drohte der Regierung unverhohlen: Jede Regierung, die „nicht im Interesse des Volkes“ arbeite, werde „mit allen Mitteln“ gestürzt. Und im Untergrund lauern die Schlafzellen des IS, dessen Reste zur ersten Bewährungsprobe der irakischen Sicherheitskräfte werden dürften.
Besonders groß ist die Sorge im Norden. Die Kurdenregion, im laufenden Krieg zwischen den USA und dem Iran von mehr als 1.000 Angriffen mit Drohnen und ballistischen Raketen getroffen, verliert mit den Amerikanern deren Schutzschild. Der Abzug „ohne Bereitstellung eines Verteidigungssystems ist eine Sache der Besorgnis“, erklärte das Peschmerga-Ministerium. Kurdistans Regierungschef Masrour Barzani nannte den Abzug in einem Interview eine „Schande“.
Die Region hält den Atem an
Auch jenseits der Grenzen bleibt keine Zeit zum Durchatmen. Seit dem 28. Februar tobt der von den USA und Israel begonnene Krieg gegen den Iran, der immer wieder auf den Irak hinüberschwappt: Milizen beschossen US-Stellungen, die Amerikaner schlugen zurück, und selbst Saudi-Arabien wurde aus dem Irak heraus angegriffen – eine wichtige Öl-Pipeline wurde beschädigt. Analysten warnen, der Abzug spiele Teheran in die Hände; die „Washington Post“ urteilte, er hinterlasse einen angeschlagenen, aber zunehmend einflussreichen Iran „im Zentrum der Zukunft der Region“. Kritiker fürchten die Wiederholung des chaotischen Rückzugs aus Afghanistan.
„Der Irak braucht Raum, um seine eigene Balance zu finden“, sagt Lahib Higel von der International Crisis Group über den Spagat zwischen Teheran und Washington. Ob er diesen Raum bekommt, ist offen. „Alle sind angespannt, was nach dem 30. September passieren wird“, vertraut ein irakischer Beamter der Presse an. „Niemand weiß, wie die Zukunft von Regierung, Milizen und ausländischen Akteuren im Irak aussieht.“
Am Abend dieses 30. September steht ein Land zwischen Erleichterung und Furcht: zwischen dem Stolz junger Iraker, die erstmals nur die eigene Flagge über den Kasernen wehen sehen – und der leisen Frage, was kommt, wenn der Abschied sich als Täuschung erweist. Die Amerikaner sind gegangen. Die Verantwortung – und mit ihr die Geschichte – bleibt.
Foto: Wikimedia (aSgt. Natalie Loucks)










