27 | 03 | 2017

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Massive Tierschutzverletzungen bei führenden Bauernfunktionären

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Sendung des NDR-Magazines PANORAMA - Zu sehen in der Mediathek - Erschütternde Tierquälereien wurden aufgedeckt!!

In Ställen von führenden Funktionären deutscher Landwirtschaftsverbände ist es offenbar zu massiven Tierschutzverletzungen gekommen. Dieser Verdacht gründet sich auf Aufnahmen, die Aktivisten der Organisation "Animal Rights Watch" (ARIWA) im vergangenen Jahr erstellten und die NDR und Süddeutsche Zeitung überprüft haben. Nach Beurteilung von Tierschutz-Experten zeigen einige der Bilder eindeutige Gesetzesverstöße. Die Verantwortlichen müssten angezeigt werden, sagt etwa der Veterinärwissenschaftler Prof. Dr. Dr. Matthias Gauly von der Universität Bozen. Er ist Mitglied im Agrarbeirat der Bundesregierung. Die Bilder stammen unter anderem aus dem Mastbetrieb des Vorsitzenden des Zentralverbandes der Deutschen Schweineproduktion (ZDS), Paul Hegemann; außerdem aus einem Stall des Vorsitzenden des Verbands Deutscher Putenerzeuger, Thomas Storck; weitere Aufnahmen aus einer Ferkelzucht der Genossenschaft von Helmut Gumpert, Präsident des Thüringer Bauernverbands; sowie schließlich vom Familienbetrieb von Johannes Röring, CDU-Bundestagsabgeordneter, Präsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbands (WLV) und Vorsitzender des Fachausschusses Schweinefleisch im Deutschen Bauernverband.

Die Videoaufnahmen, die offensichtlich im März und Oktober 2015 in der Schweinemast von Paul Hegemann in Saerbeck (NRW) gedreht wurden, beurteilt Prof. Gauly in einem Interview für das ARD-Politikmagazin Panorama als "absolut schockierend" und "abstoßend". Sie zeigen schwer verletzte Schweine mit riesigen klaffenden Wunden am After, die von ihren Artgenossen angefressen werden, blutige abgebissene Schwänze, hustende Tiere, Schweine mit geröteten und vereiterten Augen, zu breite Spalten im Stallboden und Verletzungen an den Gliedmaßen der Tiere. Auf einem Messgerät der Aktivisten ist zeitweise ein stark erhöhter Wert von mehr als 60 ppm des giftigen Gases Ammoniak zu sehen - zulässig ist lediglich ein Wert von 20 ppm.

Es sei "eine in hohem Maße tierschutzwidrige Haltung von Tieren", "aus rechtlichen und aus ethischen Gründen absolut unvertretbar", sagte die Berliner Fachtierärztin für Tierschutz, Diana Plange, in Panorama. Auch ihr haben NDR und SZ Ausschnitte aus den Aufnahmen vorgelegt. Plange ist vereidigte Sachverständige für Tierschutzfragen. "Ich bin einiges gewöhnt, aber das ist wirklich entsetzlich", kommentierte sie die Videos und erklärte: "Die Tiere haben über einen längeren Zeitraum erheblich gelitten, und das wäre vermeidbar gewesen."

NDR und SZ haben allen verantwortlichen Verbandsvertretern Standbilder aus den Videos geschickt und um Stellungnahmen gebeten. Im Namen von Paul Hegemann erklärte eine Vertreterin des Schweineproduktionsverbandes ZDS zunächst, er könne die Fotos nicht seinem Betrieb zuordnen. Deshalb lehne er ein Interview ab. Auf weitere Rückfragen und den Verweis auf vorliegende GPS-Daten erklärte der ZDS: "Grundsätzlich bedauern wir das Entstehen solcher Bilder, die es in einer tierwohlgerechten Schweinehaltung zu vermeiden gilt." Ursache für die zu sehenden Verletzungen und Erkrankungen der Tiere seien Kannibalismus beziehungsweise ein Infektionsgeschehen. Die Schweine seien jedoch tierärztlich behandelt worden. Die erkennbaren Verschmutzungen würden "aus der Verfütterung von Nebenprodukten der Backwarenindustrie seit dem Frühjahr 2015" resultieren.

Auf den Aufnahmen, die vom Familienbetrieb von Johannes Röring in Vreden (NRW) stammen, stellten die beiden Tierschutz-Experten Diana Plange und Matthias Gauly ebenfalls schwerwiegende Probleme fest. Auch hier sind mehrere schwer verletzte Tiere zu sehen, die offensichtlich nicht ausreichend tierärztlich behandelt worden sind - unter anderem mit blutigen Wunden, einem eingerissenen Darm, Abszessen und Verletzungen an den Beinen. Ein Schwein kann sich offensichtlich nur noch mühsam vorwärts robben. Wie auch bei Paul Hegemann weisen die Spaltenböden teils zu große Abstände auf. Die von den Tierschutz-Aktivisten gemessenen Ammoniak-Werte liegen mit mehr als 50 ppm ebenfalls deutlich über der zulässigen Höchstgrenze.

Außerdem zeigen die Bilder einen Tierkadaver, der von anderen Schweinen angefressen wird. Nach Einschätzung der Fachexperten lag das Tier dort bereits längere Zeit. Diana Plange kritisierte, dass der Halter anscheinend seine Schweine und die Ställe nicht ausreichend kontrolliert habe. Matthias Gauly sagte gegenüber NDR und SZ: "Zusammengefasst stellt das so die schlechteste Form der Schweinehaltung dar, die man sich vorstellen kann, mit einem hohen Potenzial an Tierleid und katastrophalen hygienischen Bedingungen."

Johannes Röring hatte zunächst zugesagt, sich nach einer Prüfung der Bilder in einem Interview zu äußern. Ein Termin dafür kam jedoch nicht zustande. Stattdessen schickte die Röring GbR ein Anwaltsschreiben. Darin heißt es, die Haltungsbedingungen im Stall seien zum Zeitpunkt der Bildaufnahmen "einwandfrei" gewesen. Auf den Bildern sei "nichts zu sehen, was einen Verstoß gegen das Tierschutzgesetz darstellen könnte". Der Kadaver sei "erst kurz vor der Aufnahme in das Abteil gelegt worden", um es dort zu fotografieren, heißt es in dem Schreiben. "Denn die anderen Schweine würden einen Kadaver, der dort abgelegt wird, sofort als Futter ansehen und damit beginnen, es aufzufressen." Entsprechende Bissverletzungen seien auf dem Bild jedoch nicht zu sehen. Die Tierschutz-Aktivisten von ARIWA bestreiten, den Kadaver dort hingelegt zu haben.

Weitere Aufnahmen der Organisation, die NDR und SZ vorliegen, stammen aus einer Ferkelzucht der Agrarprodukte Laskau GmbH in Thüringen. Einer der beiden Geschäftsführer des Unternehmens ist Helmut Gumpert, Präsident des Thüringer Landesbauernverbandes. Auf den Bilder einer versteckt angebrachten Kamera ist zu sehen, wie eine Tierbetreuerin neugeborene Ferkel auf den Betonboden schleudert, um sie töten.

"Das ist ein grober Verstoß gegen das Tierschutzgesetz und sicherlich auch eine Straftat", sagte Fachtierärztin Diana Plange. Denn nach geltendem Gesetz müssen Tiere zunächst betäubt und anschließend durch Blutentzug getötet werden. Dies bestätigte auch das Thüringer Gesundheitsministerium in Erfurt.

Die Agrarprodukte Laskau GmbH teilte auf Anfrage von NDR und SZ mit, dass es in dem Betrieb "strenge Vorgaben für die Nottötung von Ferkeln" gebe. Bislang seien der Geschäftsführung keine Verstöße dagegen bekannt. Der Verdacht werde jedoch "sehr ernst" genommen und ihm "betriebsintern nachgegangen". Sollte sich tatsächlich herausstellen, dass "Nottötungen weisungswidrig durchgeführt wurden", werde der Betrieb "arbeitsrechtliche Konsequenzen ziehen".

Die Tierschutz-Aktivisten haben auch in einem Putenstall der Gut Jäglitz GmbH in Roddahn / Brandenburg gefilmt. Inhaber und Geschäftsführer ist der Vorsitzende des Verbandes Deutscher Putenerzeuger (VDP) und Vize-Präsident des Zentralverbands der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG), Thomas Storck. Die Bilder sind in der Zeit zwischen Juli und Dezember 2015 gedreht worden. Sie zeigen Tiere mit Erkrankungen und teils erheblichen Verletzungen. Laut Prof. Gauly ist hier zum Teil ein Kannibalismus in einem Ausmaß zu sehen, "der weit über das hinausgeht, was eigentlich üblich ist" und bei dem der Landwirt hätte deutlich früher eingreifen müssen.

Thomas Storck räumte auf Anfrage von NDR und SZ die Probleme ein. Er erklärte, dass es sich um "erschreckende", "schlimme Bilder" handele. Er sei "in höchstem Maße betroffen und traurig". Allerdings seien die Bilder "nicht repräsentativ für den Zustand der gesamten Herde". Außerdem sei er selbst im Herbst vergangenen Jahres auf die Probleme aufmerksam geworden. Die zuständigen Tierbetreuer habe er bereits Anfang 2016 entlassen. Mittlerweile würden die Anlagen wieder ordnungsgemäß geführt. Er stehe "aus Überzeugung für eine tiergerechte Putenhaltung", so Storck.

Erasmus Müller von der Tierschutzorganisation "Animal Rights Watch" (ARIWA) erklärte gegenüber NDR und SZ, ihnen sei es wichtig, die Aufnahmen aus den Ställen führender Landwirtschaftsvertreter zu zeigen, weil diese Verbände Tierschützern immer wieder vorwerfen würden, Einzelfälle aufzubauschen und lediglich schwarze Schafe in die Öffentlichkeit zu zerren. Er wünscht sich eine Debatte darüber, ob die Gesellschaft wirklich wolle, dass Tiere so "bestialisch" leiden, so Müller.

Mehr zu dem Thema unter www.panorama.de und heute, Donnerstag, 22. September, um 21.45 im NDR-Politikmagazin Panorama im Ersten.
 

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